8. Prozesstag

Liveticker Anschlag Halle (Saale): Terrorprozess in Magdeburg gegen Neonazi Stephan B

Halle (Saale) - Es war einer der schlimmsten antisemitischen Anschläge der deutschen Nachkriegsgeschichte:

01.09.2020, 16:50

Es war einer der schlimmsten antisemitischen Anschläge der deutschen Nachkriegsgeschichte: Der rechtsterroristische Angriff von Halle am 9. Oktober 2019 machte weltweit Schlagzeilen.

Hier finden Sie die Live-Berichterstattung vom 8. Prozesstag  gegen Stephan B. in Magdeburg. Für die MZ berichten heute Jan Schumann und Hagen Eichler.

01.09.2020: Tag 8 im Terrorprozess gegen Stephan B.


16.49 Uhr: Der achte Prozesstag endet

Das war es für heute. Der Prozess wird am morgigen Mittwoch fortgesetzt - dann mit weiteren Zeugen des Anschlags in Halle.

16.22 Uhr: Überwachungskamera zeigt Geschehen vor der Synagoge

Minuten später trifft ein erster Polizeiwagen vor der Synagoge ein. Eine Polizisten steigt aus und schickt Passanten weg. Noch bevor sich die eingetroffenen Beamten um die leblose Jana L. kümmern, fährt Stephan B. ein zweites Mal am Tatort vorbei, diesmal in entgegengesetzte Richtung: Der Attentäter flüchtet aus der Stadt.

16.14 Uhr: Gericht sieht Überwachungsvideo der Synagoge an

Die heutigen Zeugenbefragungen sind erledigt. Ein wichtiges Beweisstück lässt Richterin Mertens aber noch in Augenschein nehmen: das Video der Überwachungskamera vor der Synagoge. Es zeigt den Eingangsbereich der gesicherten Tür, auf die Stephan B. während des Angriffs schoss. Von schräg oben filmt die Kamera die Tür, das Weitwinkel erfasst den Bürgersteig und Teile der Straße.

Der Film beginnt mit dem Mietauto, das vor dem Gotteshaus parkt. Stephan B. steigt mit Helm und Kampfmontur aus, hält eine Schusswaffe in der Hand. Mehrfach lässt er Ausrüstung fallen, dann feuert er mit seiner Schrotflinte auf die Tür, tritt dagegen. Doch sie lässt sich nicht öffnen. Gespenstisch ist die Szene aus der Überwachungskamera – sie läuft ohne Ton, wird im stillen Gerichtssaal abgespielt. Stephan B. erschießt Jana L. vor dem Gotteshaus und fährt im Mietwagen davon. Passanten finden die Tote auf der Straße.

15.41 Uhr: LKA-Beamtin berichtet von Tatort-Arbeit am 9. Oktober

Es geht um die gefährliche Wirkung der Sprengkörper, die Stephan B. auf den Friedhof warf: Das LKA habe einen kleinen Detonationskrater festgestellt, unmittelbar darin kleine Metallkugeln. „Ich habe angeregt, dass man den Friedhof mit dem Metalldetektor absucht“, sagt die LKA-Expertin. Die Tatortsuche habe am Tag des Anschlags bis etwa 23 Uhr gedauert, „zu dem Zeitpunkt hat es dann stark geregnet“, sagt die Beamtin. In einem später angelegten Bericht des Landeskriminalamts Berlin sind mehr als ein Dutzend Fundorte mit Bezug zu B.s Arsenal verzeichnet.   

15.27 Uhr: „Massiver Schrotbeschuss“: Tatortexpertin des LKA im Zeugenstand

Die nächste Zeugin ist eine Expertin des Landeskriminalamts (LKA). Sie berichtet über die Tatort-Auswertung an der Synagoge – unter anderem geht es um gesicherte Patronenhülsen und Magazine auf der Humboldtstraße sowie sichergestellte Granaten, die Stephan B. auf den jüdischen Friedhof geschleudert hatte. Richterin Ursula Mertens scrollt durch Fotos mit markierten Fundorten. „Massiven Schrotbeschuss“ auf die Synagogentür haben die LKA-Experten festgestellt, sagt die Zeugin.

14.49 Uhr: Applaus für Aussage des Zeugen im Gerichtssaal

Er habe nach dem Anschlag sofort darüber nachgedacht, Deutschland zu verlassen, sagt der Vorbeter. „Das Erste, was ich dachte, war: Ich ziehe nach Israel, ich verlasse diese Land.“ Sein Empfinden: Du zahlst hier deine Steuern, du fährst nicht schwarz. Und trotzdem: „Du willst jüdisch sein? Das ist dein Preis. Du kannst erschossen werden.“

Doch wenige Tage später habe er von dem Ausreiseplan abgelassen, weil die Solidarität mit der Gemeinde so stark gewesen sei. Tage nach dem Anschlag hätten zahlreiche Menschen vor der Synagoge getrauert und ihr Mitgefühl bekundet. Der Zeuge wendet sich direkt an den Attentäter Stephan B.: „Ich will, dass du das weißt: Diese Straße, auf der du lang gelaufen bist, die war voll. Voller Menschen, und die wenigsten darunter waren Juden. Alt, jung, erwachsen, Hallenser. Sie haben Schalom gesungen.“

Das habe für ihn den Ausschlag gegeben, doch nicht auszureisen. „Ich wusste in dem Moment: Das ist das Deutschland, das ich kenne. Ich bleibe hier.“ Applaus im Gerichtssaal unter Zuschauern und Nebenklägern, die Richterin lässt es zu.

14.35 Uhr: Russische Agenturen meldeten Geiselnahme

Der Vorbeter habe den Gläubigen in der Humboldtstraße erklärt: „Es gab einen versuchten Terroranschlag.“ Erst da habe er den Schock in den Gesichtern gesehen. Er selbst sei im Gesicht „weiß wie eine Wolke“ gewesen, schildert der Jude im Zeugenstand. Dann sei eine lange Zeit der Unsicherheit in der Synagoge gefolgt – was genau war in Halle passiert?

„Russische Nachrichtenagentur meldeten, dass es eine Geiselnahme gab.“ Währenddessen sammelten sich am Nachmittag Polizeiautos vor der Synagoge, „auch mit Kennzeichen aus NRW und anderes“.

14.26 Uhr: Der nächste Zeuge aus der Synagoge wird befragt

Weiter geht es mit der Befragung von Zeugen, die während des Anschlags in der halleschen Synagoge waren. Geladen ist ein 32-Jähriger, der am Tag des Attentats Vorbeter war. Er habe am 9. Oktober die Explosionen am Gotteshaus gehört, „da wusste ich, das ist ungewöhnlich in dieser Straße“.

Er sei zum Bildschirm der Sicherheitskamera geeilt – dort sah er, wie Stephan B. vor der Synagoge Jana L. erschoss. „Ich werde dieses Bild nie vergessen.“ Er habe instinktiv gewusst, dass es für die 52 Juden in der Synagoge sicherer war, im Gebäude zu bleiben. „Langsam wurde mir klar, das ist ein Terroranschlag.“

Er habe die Gläubigen aufgefordert, sich im Haus in Sicherheit zu bringen. Dann habe der Zeuge Stephan B. auf dem Monitor gesehen, „mit voller Montur, mit einer Waffe“. Einzelne Juden verbarrikadierten die Tür von innen.

„Jeder Schuss war ein Schuss ins Herz“, schildert der Zeuge den Angriff. Offenbar wollten sich nicht alle Männer in der Synagoge verstecken. „Wir mussten eine Person festhalten, er wollte raus, kämpfen.“

13.01 Uhr: Richterin unterbricht Frage des Angeklagten an den Zeugen

Richterin Mertens beendet Borovitz‘ Befragung. Sie will wissen, ob Prozessbeteiligte noch Fragen haben. Einer will tatsächlich noch etwas wissen: der Angeklagte. „Sie beschreiben ziemlich ausführlich, wie Sie - ich würde sagen - Probleme hatten mit dem Einsatz der Polizei“, sagt Stephan B. Richtung Rabbi. „Sind Sie es gewöhnt, eine Sonderbehandlung zu bekommen?“  Der Begriff Sonderbehandlung gilt als zynischer Nazi-Terminus und meint in diesem Kontext die Tötung von Juden, auch in Gaskammern.

Bevor Borovitz antworten kann, geht Richterin Mertens dazwischen. „Das ist keine Sonderbehandlung, wenn man respektvoll behandelt werden will.“ Der Prozess geht in eine Mittagspause.

12.54 Uhr: Zeugen zeigen tiefes Mitgefühl für Hinterbliebene der Todesopfer

Borovitz schildert nun, dass Behörden ihm sich bis zum Abend des Anschlags nicht sagen konnten, wo er die Nacht verbringen konnte. Als er letztlich zurück ins Hotel gebracht wurde, „haben sie eine große Show daraus gemacht“: Eine große Zahl von Polizeiwagen habe ihn begleitet. Als er aber am nächsten Tag zur Synagoge zurückkehrte, habe kein Beamter gefragt, ob er Hilfe mit seinem Gepäck oder ähnliches brauche. „Nochmal, ich will keine Polizisten persönlich beschuldigen“, sagt er. „Ich mache diese Aussagen heute, weil ich glaube, dass hier Raum für Verbesserung besteht.“

Über die Todesopfer des Anschlags sagt der Rabbi, er habe „tiefstes Mitgefühl“ für die Familien von Jana L. und Kevin S.. „Ich werde auch weiterhin an sie denken bis zum Ende meines Lebens.“ Auch Borovitz ist es wichtig, seine Aussage mit einer stolzen Erklärung zu beenden: „Wir haben keine Angst, wir sind laut, wir stehen zusammen.“

12:37 Uhr: Rabbi kritisiert Polizei-Einsatz bei Evakuierung

Borovitz schildert den Moment der Evakuierung aus der Synagoge am Nachmittag des 9. Oktobers. Er kritisiert: Obwohl die Juden tagsüber nichts gegessen hätten, habe die Polizei untersagt, dass der Rabbi das koschere Essen für die Gläubigen in den Bus nehmen dürfe. „Irreal und lächerlich“, nennt Borovitz das angesichts der gerade erst erlebten traumatischen Ereignisse. „Ich will die Polizei nicht anklagen, aber ich glaube, dass das besser geht“, sagt er vor Gericht.

Unpassend sei aus seiner Sicht auch gewesen, dass eine Nonne im Bus für spirituelle Unterstützung sorgen sollte. „Man muss wissen, was das bei einigen Juden auslöst“, kritisiert Borovitz, auch mit Verweis auf „Zwangsbekehrungen“ in der Vergangenheit. Zudem habe der Bus für die Evakuierung keinen Sichtschutz gehabt – Journalisten hätten so minutenlang Fotos von den Juden im Fahrzeug geschossen, während sie auf die Abfahrt ins hallesche Elisabeth-Krankenhaus warteten.

12:26 Uhr: Rabbi nutzte zum ersten Mal sein Handy an Jom Kippur

Borovitz: „Jom Kippur ist aufgeteilt in vier Gottesdienste“ – über Stunden hinweg, vom Morgen bis zum Abend. Mitten in das Gebet hinein habe die Gemeinde Explosionen gehört, es habe „Aufruhr“ an den Sicherheitskameras der Synagogentür gegeben, so der Rabbiner. Zügig seien die Gemeindemitglieder im Gebäude in Sicherheit gebracht worden, während wenige Männer die Eingangstür von innen barrikadiert hätten. „Die Männer haben heldenhaft gehandelt“, sagt Borovitz.

Er schildert die irreal wirkenden Minuten des Angriffs: „Ich kann mich zwar heute noch klar an die Ereignisse erinnern – aber damals war das fast unwirklich.“ Er habe sich gefühlt, als sei er in einer Art „Zwischenwelt“ gewesen. Ähnliche Erfahrungen habe er später in Literatur über Traumata gefunden. „Das Gefühl passte auch zu diesem Feiertag“, sagt Borovitz. Das Gebet, dass die Juden in der halleschen Synagoge direkt nach dem Anschlag sprachen, sei das stärkste, das er je erlebt habe. Dann habe er etwas getan, was er noch nie an Jom Kippur getan habe – er schaltete sein Handy an, um die Nachrichtenlage zu überblicken.

12:11 Uhr: Rabbiner aus Berlin tritt in den Zeugenstand

In den Zeugenstand kommt jetzt Jeremy Borovitz. Der US-amerikanische Rabbiner war während des Anschlags in der Synagoge. Er schildert, wie es dazu kam, dass am 9. Oktober 2019 Juden aus verschiedenen Ländern in Halle feierten.

„Wir dachten uns: Anstelle in einer übervollen Synagoge in Berlin zu feiern, könnten wir dies in einer kleineren Gemeinde tun“, sagt der 33-jährige Wahlberliner. Auch seine Frau ist Rabbinerin. „Wir haben uns entschieden, mit etwa 20 Leuten nach Halle zu fahren.“ Sie mieteten ein Auto und kauften koscheres Essen für den Trip. „Jom Kippur ist mein liebster Feiertag“, sagt Borovitz. Der Rabbiner erklärt auf Nachfrage von Richterin Mertens: Im jüdischen Glauben entscheide sich an Jom Kippur, wie das kommende Jahr verlaufen wird. „Jom Kippur ist eine Zeit des Reflektierens über das vergangene Jahr, aber auch eine Zeit des Nachdenkens über das neue Jahr.“

11:50 Uhr: Verwunderung über fehlende Polizeipräsenz

Die Zeugin sagt, das Judentum in Deutschland habe schon Schlimmeres als diesen Anschlag überlebt. „Es wird mich künftig nicht davon abhalten, in eine Synagogen zu gehen.“

Richterin Mertens hat noch eine Frage zur fehlenden Polizeipräsenz an der halleschen Synagoge am Feiertag Jom Kippur. „Ich weiß, dass ich am Tag zuvor gefragt habe, wieso keine Polizei vor der Tür steht. Weil ich das aus anderen Städten gewohnt bin.“ Sie zeigt sich aber „weniger kritisch“ in dieser Frage: „So viel Polizeipräsenz erzeugt auch besondere Aufmerksamkeit.“ Am Tag des Anschlags war das Gotteshaus lediglich durch unregelmäßige Polizeistreifen, nicht aber permanent gesichert worden.

11:29 Uhr: Zeugin spricht von „nicht ganz einfacher“ Kommunikation

„Wie ist es Ihnen dann ergangen“, fragt Richterin Mertens. Die Zeugin schildert, dass Gemeindemitglieder sich am Folgetag zum Frühstück getroffen hätten. „Am nächsten Tag ist der Adrenalinpegel natürlich noch hoch“, sagt die 30-Jährige. Sie habe schon am 10. Oktober versucht, Kontakt mit der Familie der erschossenen Passantin aufzunehmen. „Wir selbst haben Hilfe von einer israelischen Psychologin bekommen“, sagt die Zeugin. „Das hat mir sehr geholfen, weil wir so nicht davon abhängig waren, was von der Stadt kommt.“ Die Kommunikation mit staatlichen Stellen sei auch nach dem Anschlag „nicht ganz einfach“ gewesen, sagt sie kritisch.

Infolge des Terrorakts habe die Zeugin starke Stressbelastungen entwickelt. Sie habe nachts wenig schlafen können, sei tagsüber erschöpft gewesen. Mittlerweile habe sich das gebessert, sagt sie. „Das einzige, worüber ich vielleicht nicht hinwegkomme: Dass zwei Menschen an meiner Stelle erschossen worden sind.“

11:18: Zeugin erinnert sich: Erste Polizisten entsprachen Beschreibung des Attentäters

„Ich habe unsere Rabbinerin gefragt, ob wir ein Gebet sprechen wollen für die zwei Gestorbenen“, schildert die Zeugin die Stunden am Nachmittag. Unwirklich dann der Moment, als Polizei-Spezialkräfte auf das Synagogengelände kamen: Der erste SEK-Polizist mit Waffe und schwarzem Helm habe genauso ausgesehen, wie der Attentäter auf Nachrichtenseiten beschrieben wurde. „Ich bin aber davon ausgegangen, dass es die Polizei war“, sagt die Zeugin.

Dann seien die Gläubigen mit einem Bus vom Gelände gebracht worden. Während des Polizeieinsatzes habe sie den Eindruck gehabt, nicht alle Einsatzkräfte wussten, wo sich die Synagoge in der Humboldtstraße befindet, so die Zeugin.

11.08 Uhr: Polizei ließ Menschen in Synagoge lange im Unklaren

Die Minuten vergingen, doch die Zeugin habe erst nach und nach realisiert, dass tatsächlich ein Terroranschlag auf das Gotteshaus stattfand. „Die Idee, dass ausgerechnet in Halle jemand auf die Synagoge schießt, kam mir einfach abstrus vor“, sagt die 30-Jährige. Sie sei mit den anderen Gläubigen ins Obergeschoss geflüchtet, während Stephan B. mit seiner Maschinenpistole auf die Synagogentür schoss und Sprengsätze auf das Grundstück warf.

In den Stunden nach dem Angriff sei die Gemeinde im Gotteshaus von der Polizei lange im Unklaren gelassen worden, kritisiert die Zeugin. „Es hat mich extrem verwundert, dass es da keine gute Kommunikation mit der Polizei gab“, sagt sie. „Gerüchte gingen draußen rum“ – sie selbst habe aber lange nicht gewusst, was genau an der Synagoge passiert war. Indes zeigte der Überwachungsmonitor bereits einen leblosen Körper auf der Humboldtstraße – die Passantin Jana L., die vom Attentäter erschossen worden war. „Die Situation schien mir nicht real.“

10.58 Uhr: Zweite Zeugin berichtet von Schwarzpulvergeruch in der Synagoge

Eine zweite Frau aus der Synagoge ist nun im Zeugenstand. „Es war mein erster Besuch in Halle“, sagt die 30-Jährige. „Wir haben schon am Vorabend gemeinsam in der Synagoge gebetet, machten noch einen Stadtrundgang.“ Am 9. Oktober gingen die Gebete dann weiter.

„Am Mittag haben wir einen extrem lauten Knall gehört, kurz darauf einen zweiten.“ Zu dem Zeitpunkt sei die Zeugin davon ausgegangen, „dass draußen ein Unfall passiert ist“. Doch die Männer an der Überwachungskamera der Synagogentür hätten ihr den Ernst der Lage klar gemacht. „Sie sagten: lauft, lauft!“ Nun habe sie auch Schwarzpulver gerochen, sagt die Jüdin. Dann gab es Kommandos in der Synagoge: „Bleibt von den Fenstern weg.“

10.24 Uhr: Zeugin gibt sich kämpferisch gegenüber dem Angeklagten

Ob die Zeugin trotz des antisemitischen Anschlags in Deutschland bleiben wolle, fragt Richterin Mertens. „Wegen dieses Vorfalls gehe ich nicht weg“, sagt die Zeugin. Mertens gibt zurück: „Vorfall: Das ist sehr untertrieben.“

Mertens hat keine Fragen mehr, die Zeugin möchte aber noch etwas gegenüber Stephan B. erklären. „Er hat sich mit der Falschen angelegt, mit der falschen Familie angelegt, mit den falschen Nebenklägern angelegt.“ Und: „Er wird mir keine Qualen mehr beifügen. Es endet hier und heute.“

10.18 Uhr: Zeugin spricht über posttraumatische Stresserkrankung

Die Amerikanerin lebt seit anderthalb Jahren in Deutschland, arbeitet mit jüdischen Gemeinden. Ihr Großvater sei ein Holocaust-Überlebender gewesen, sagt sie vor Gericht. Mehr als 100 Verwandte seien im Zweiten Weltkrieg umgebracht worden.

Richterin Mertens fragt die Zeugin, wie sie heute über den Anschlag denkt. „Ich kann das nur persönlich schildern“, sagt sie. „Nach dem Vorfall fühlte ich mich noch stark. Als die Monate dann ins Land gingen, fühlte ich mich aber nicht mehr gut.“ Ein Arzt habe eine posttraumatische Stresserkrankungen diagnostiziert. Mithilfe von Experten und Familie habe sie das Trauma überwunden.

10.13 Uhr: Jüdische Gemeinde hatte bis zum Abend kaum Informationen

Richterin Mertens fragt: „Als Sie aus der Synagoge auf die Straße gegangen sind, haben Sie nichts gemerkt?“ Nein, sagt die Zeugin. „Die Synagoge ist ein Ort, an dem ich mich sicher fühle.“ Eine genau Uhrzeit kann die US-Amerikanerin für das Geschehen nicht nennen - an Jom Kippur haben Gläubige häufig keine Handys und Wertsachen bei sich.

Auch nach dem Attentat betete die Gemeinde weiter, die Zeugin erzählt nun vom Nachmittagsgebet. Gemeindechef Max Privorozki habe sie während des Polizeieinsatzes wieder in die Synagoge gelassen. Was genau vor der Synagoge passiert war, wussten die Juden bis zum Abend laut Zeugin nicht. „Es gab viele Falschmeldungen.“ Erst am Abend habe sich die Situation für sie aufgeklärt.

10.03 Uhr: Zeugin hatte riesiges Glück

„Ich verließ die Synagoge ein paar Minuten vor dem Angreifer“, schildert die Zeugin. Nur kurz danach wäre sie vor dem Gotteshaus auf den Attentäter getroffen, sagt sie. Sie sei nach dem morgendlichen Gebet auf einen Spaziergang gegangen. „Ich saß auf einer Bank und hörte plötzlich sehr laute Geräusch aus Richtung der Synagoge.“

Die Jüdin habe zunächst gedacht, vielleicht sei dies ein Defekt an einer Straßenbahn. „Ich war nicht panisch“, schildert die Zeugin. Als sie Minuten später zur Synagoge zurückkehrte, habe sie viele Polizisten vor dem Gotteshaus gesehen und einen leblosen Körper unter einer Plane.

09.55 Uhr: Zeugin aus der Synagoge berichtet über Jom Kippur

Der Verhandlungstag beginnt der Befragung mit einer 32-jährigen US-Amerikanerin, die am 9. Oktober in der Synagoge war. Sie wollte gemeinsam mit der Gemeinde in Halle den jüdischen Feiertag Jom Kippur feiern. „Wir kamen als Gruppe in die Stadt“, schildert die Zeugin, die später das Attentat im Gotteshaus erlebte. Richterin Ursula Mertens möchte wissen, wie die Feierlichkeiten rund um Jom Kippur abliefen. „Sind Sie schon am Vortag angereist?“, fragt Mertens die Zeugin. „Ja“, sagt diese. Die Jüdin habe die Synagoge bereits am Vortag besucht. Mertens zeigt im Gerichtssaal Fotos des Gotteshauses in der halleschen Humboldtstraße.  

09.00 Uhr: Gericht will Zeugen aus der Synagoge hören

1. Prozesstag:Stephan B. schildert Taten mit unverholener Freude

2. Prozesstag:Terrorist Stephan B. spricht über Spenden und Verschwörungsmythen

3. Prozesstag:Nebenklage beleuchtet familiäre Hintergründe

4. Prozesstag:Zeugen geben Einblicke ins Familienleben von Stephan B.

5. Prozesstag: Nebenklage kritisiert Entscheidung des Gerichts

6. Prozesstag:Ein genauer Blick auf das Waffenarsenal von Stephan B.

7. Prozesstag: Was trieb Stephan B. online - und was fanden die Ermittler?

8. Prozesstag:Zeugen setzen ein Zeichen – Wir lassen uns nicht einschüchtern

9. Prozesstag: Überlebende aus der Synagoge kritisieren Arbeit der Polizei

10. Prozesstag:Noch einmal sprechen die Überlebenden aus der Synagoge

11. Prozesstag: Zeugen schildern Angriff auf den Kiez-Döner in der LuWu

12. Prozesstag:Emotionale Aussage des Vaters von Kevin S. rührt den Gerichtssaal

13. Prozesstag: Polizisten schildern Schusswechsel auf der LuWu

14. Prozesstag: Stephan B.s Flucht aus Halle - fuhr er Somali absichtlich an?

15. Prozesstag: Opfer aus Wiedersdorf schildern Begegnung mit Halle-Attentäter

16. Prozesstag:Polizisten berichten über Flucht und Festnahme von Stephan B.

17. Prozesstag:Psychologe: Stephan B. wäre eine Hinrichtung lieber

18. Prozesstag: Angeklagter Stephan B. hält Psycho-Gutachten für „politisch motiviert“

19. Prozesstag:Tat-Video von B. löst Erdbeben in Online-Foren aus

20. Prozesstag: Weitere Terrorverdächtige speicherten Tatvideo aus Halle

21. Prozesstag:Bundesanwaltschaft fordert Höchststrafe

22. Prozesstag:Anwälte der Nebenklage halten Plädoyers

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24. Prozesstag: Nebenkläger „macht sich für Kevins Tod verantwortlich“

25. Prozesszag:Drei Minuten Hass - Stephan B. leugnet in seinem letzten Wort den Holocaust

52 Menschen feierten in der Synagoge von Halle Jom Kippur, als der Attentäter am 9. Oktober 2019 Granaten auf das Gotteshaus warf und auf die Tür schoss. Im Gerichtsverfahren um den rechtsterroristischen Anschlag werden heute die ersten drei von ihnen in den Zeugenstand gerufen.

Neben den drei Zeugen aus der Synagoge soll am Dienstag eine weitere Ermittlerin des Bundeskriminalamtes (BKA) befragt werden. Wie in der vorigen Woche soll dabei das Umfeld des Angeklagten im Mittelpunkt stehen. Mehrere Anwälte der Nebenklage hatten vorige Woche vor Gericht kritisiert, dass die bisher geladenen BKA-Ermittler viele ihrer Fragen nicht hatten beantworten können.

Die MZ berichtet wie immer im Liveticker vom Prozess.

(mz/dpa)