16. Verhandlungstag

Liveticker Anschlag Halle (Saale): Terrorprozess in Magdeburg gegen Neonazi Stephan B. zum Attentag in Halle

Halle (Saale) - Es war einer der schlimmsten antisemitischen Anschläge der deutschen Nachkriegsgeschichte:

13.10.2020, 16:27

Es war einer der schlimmsten antisemitischen Anschläge der deutschen Nachkriegsgeschichte: Der rechtsterroristische Angriff von Halle am 9. Oktober 2019 machte weltweit Schlagzeilen.

Hier finden Sie die Live-Berichterstattung vom 16. Prozesstag  gegen Stephan B. am 13. Oktober in Magdeburg. Aus dem Gericht berichtet Hagen Eichler.

13.10.2020: Tag 16 im Terrorprozess gegen Stephan B. um den Anschlag von Halle

16.25 Uhr: Verhandlungstag endet mit kritischen Nachfragen an BKA-Beamten

Mehrere Nebenklage-Anwälte stellen dem BKA-Beamten kritische Fragen. Rechtsanwalt Alexander Hoffmann etwa will wissen, ob der Computer untersucht wurde, von dem aus direkt nach der Tat vom Täter veröffentlichte Dokumente weiterverbreitet wurden. Der Beamte muss einräumen, dass er das nicht weiß. Auch bestätigt er, dass die Online-Kontakte des Angeklagten für die Polizei weiterhin ein Buch mit sieben Siegeln sind – Stephan B. schweigt und gibt keine Passwörter heraus.

Damit endet der 16. Verhandlungstag.

15.30 Uhr: BKA-Beamter sieht keine Hinweis auf Mittäter oder Mitwisser

Der 33-jährige BKA-Beamte sagt als Zeuge weiterhin aus, dass es keinerlei Hinweise auf Mittäter oder Mitwisser gebe. Er hat die Videos der Tat geprüft, zudem 320 Zeugenaussagen und die Internet-Aktivitäten des Angeklagten. Insgesamt drei Personen haben sich das live gestreamte Video des Attentats angesehen, das ein weltweites Publikum zu Nachahmertaten anstacheln sollte. Zwei Personen wurden in den USA ermittelt – beide sollen reinzufällig auf das Video gestoßen sein.

15.10 Uhr: Schussdistanz auf Polizisten lag bei maximal 72 Metern

Der befragte BKA-Beamte hat zudem anhand von Tatortfotos nachgemessen, wie groß die Distanz zwischen dem schießenden Täter und dem beschossenen Polizeiwagen auf der Ludwig-Wucherer-Straße in Halle war. Laut Messung waren die Kontrahenten 67 bis maximal 72 Meter voneinander entfernt.

15 Uhr: In der Synagoge waren 51 Gläubige

Ein Kriminalhauptkommissar aus dem Bundeskriminalamt sagt nun aus. Er hat die Liste aller Menschen erstellt, die während des Anschlags in der Synagoge waren. Bislang war stets von 52 Menschen die Rede, in Wahrheit waren es 51. Eine Frau hatte die Synagoge zeitweise verlassen.

14.49 Uhr: Richterin dankt Polizisten für Festnahme

Der zweite an der Festnahme beteiligte Polizeihauptmeister schildet den Ablauf identisch. Er habe den Festgenommen belehrt, dass er bis auf seinen Namen nichts sagen müsse. „War er sonst auffällig?“, fragt die Vorsitzende Richterin. „Nein, gar nicht“, sagt der Beamte. In den Taschen habe man einige Schuss Munition, etwas Geld und einen USB-Stick gefunden. Die Richterin spricht dem 59-Jährigen ein Lob aus. „Das war sehr gut, dass Sie auf der B 91 Richtung Weißenfels gefahren sind. Vielen Dank dafür.“

Erneut gibt es eine Lüftungspause, dann soll der für heute letzte Zeuge aussagen.

14.31 Uhr: Festnahme mit gezogener Pistole

Jetzt sagt der erste der beiden Polizisten aus, die den Attentäter am Ende von dessen Flucht fassen konnten. Der 54 Jahre alte Polizeihauptmeister sagt, er habe den Flüchtigen beim Durchfahren einer Baustelle entdeckt. Stephan B. sei dann davongerast, gegen einen Betonpfeiler und einen Lastwagen geprallt. „Wir haben ihn aufgefordert, sich hinzulegen. Das hat er nach kurzer Zeit auch getan.“ Der Polizist hatte seine Waffe gezogen, wie er auf Nachfrage sagt.

14.01 Uhr: Beschossener Verputzer war monatelang arbeitsunfähig

Auch dieser Zeuge wurde von den Schüssen aus der Bahn geworfen. Sechs oder sieben Monate habe er nicht arbeiten können, sagt er auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin. Ärztliche Hilfe nahm er dennoch nicht in Anspruch.

13.47 Uhr: Augenzeuge berichtet von drei Schüssen auf ihn

Der 36 Jahre alte Verputzer Abdülkadir B. aus Halle sagt jetzt aus. Er hatte auf einer Baustelle in der Adam-Kuckhoff-Straße gearbeitet und wollte zum Mittagessen in den „Kiez Döner“, als der Attentäter mit dem Auto vorfuhr und ein Gewehr auspackte. „Ich bin gerannt, so schnell ich konnte. Ich habe drei Schüsse gehört, bis ich um die Ecke gebogen bin.“ Einen anderen Mann konnte er noch warnen.

12.08 Uhr: Nach der Pause sagt Zeuge vom Döner-Imbiss aus

Das Gericht geht nun in die Mittagspause. Um 13.30 Uhr soll die Verhandlung fortgesetzt werden. Dann sagt ein Mann aus, der den Angriff auf den „Kiez Döner“ in Halle miterlebt hat.

12.06 Uhr: Beide Schüsse in Wiedersdorf waren „potenziell lebensbedrohend“

Der Schuss auf den Lebensgefährten von Dagmar M, Jens Z., traf den Mann im Nacken und blieb dort in der Muskulatur stecken. An der Einschussstelle habe man Schmauchspuren festgestellt – der Schuss wurde also aus nächster Nähe abgegeben.

Die Schüsse auf das Paar auf Wiedersdorf waren nicht akut lebensgefährlich. Aber: In den getroffenen Körperregionen gab es viele Stellen, deren Verletzung schwerste Folgen gehabt hätte. Beide Schüsse seien daher „potenziell lebensbedrohend“, sagt die Gutachterin von der Uni Halle.

11.56 Uhr: Opfer aus Wiedersdorf erlitt Steckschuss

Eine Rechtsmedizinerin schildert nun die Verletzung von Dagmar M., die vom flüchtenden Täter in Wiedersdorf (Saalekreis) angeschossen worden war. Das Projektil ist in das Gesäß eingedrungen und blieb im Oberschenkel am Knochen stecken.

11.41 Uhr: Schüsse trafen das Herz von Kevin Schwarze

Die Autopsie des Terror-Opfers Kevin Schwarze hat Rüdiger Lessig vorgenommen, der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Uni Halle. Er sagt nun als Sachverständiger aus. Der 20-jährige Malerlehrling wurde an vier Stellen durch Schüsse getroffen. Zwei Projektile durchbohrten das Herz und die Lunge – das war die Todesursache. Der Tod müsse sofort nach diesen Schüssen eingetreten sein, sagt der Professor auf Nachfrage.

11.24 Uhr: Die Verteidiger fehlen im Gerichtssaal

Nach der Pause will die Vorsitzende Richterin beginnen, doch es fehlen die Verteidiger des Angeklagten. Eine Justizwachtmeisterin macht sich auf die Suche nach den beiden. Alle anderen warten. Schließlich erscheint Hans-Dieter Weber mit einem Kaffeebecher in der Hand, im Schlepptau sein Kollege Thomas Rutkowski.

11:03 Uhr: Rechtsmediziner: Tod von Jana Lange trat schnell ein

Neben den Schussverletzungen erlitt Jana Lange beim Sturz auf den Boden einen Bruch der Schädelbasis. Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens will wissen, wie lange das Opfer nach dem ersten Schuss noch am Leben war. Der Rechtsmediziner Marco Weber von der Uni Halle spricht von „Sekunden“, maximal einer Minute. Weber hatte die Leiche obduziert.

Das Gericht unterbricht für eine kurze Pause – der Gerichtssaal muss wegen der Corona-Pandemie regelmäßig gelüftet werden.

10.45 Uhr: Rechtsmediziner schildert Wirkung der Schüsse auf Körper von Jana Lange

Die vom Angeklagten tödlich getroffene Jana Lange wurde von elf Schrotkugeln durchschossen, drei weitere Steckschüsse wurden festgestellt. Ein Rechtsmediziner von der Uni Halle schildert, welche Wirkung die einzelnen Kugeln auf Venen, Arterien und innere Organe hatte. Die Vorsitzende Richterin erspart dem Publikum die Bilder von der Leichenschau, die Monitore im Gerichtssaal sind abgeschaltet. Jana Lange starb vor allem durch das Einatmen von Blut und eine zerstörte Aorta.

10.15 Uhr: Schüsse waren „potenziell tödlich“

Der Ballistik-Experte Salziger beendet seinen Vortrag mit dem Fazit: Bei Schüssen mit einer Mündungsgeschwindigkeit der Schrotkugeln von 171 Meter pro Sekunde – diese erreichte die Flinte des Angeklagten – sei „mit potenziell tödlichen Verletzungen zu rechnen“. Die Verteidigung hatte bislang bestritten, dass der Angeklagte die Polizisten gefährden konnte, weil die Entfernung zu weit gewesen sei.

10.05 Uhr: Ballistik-Experte stellte Schrotflinten-Schüsse auf die Polizei nach

Bei der ersten Aussage des Tages geht es um die Frage, wie gefährlich die Schüsse waren, die der Angeklagte am Tag des Terroranschlags auf die Polizeibeamten in der Ludwig-Wucherer-Straße abgegeben hat. Der Ballistik-Professor Bernd Salziger vom Bundeskriminalamt hat dafür im Labor die Schüsse aus der Schrotflinte nachgestellt.

Gefeuert wurde auf einen mit Schafsleder bezogenen Gelatineblock, der den Eigenschaften des menschlichen Körpers entspricht. Das Ergebnis: Die kleinen Bleikügelchen aus der Patrone konnten mehrere Zentimeter tief eindringen. Aber: Die Treffgenauigkeit war sehr gering. „Es ist nicht so, dass man nicht treffen kann, aber es erfordert mehr Übung", sagt Salziger.

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9.46 Uhr: Gericht tauscht erkrankte Richterin aus

Der 16. Verhandlungstag beginnt mit einer Rochade im Gericht: Eine erkrankte Richterin ist bis zum 31. Dezember reise- und verhandlungsunfähig. Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens ersetzt sie durch die Ersatzrichterin, die bereits die bisherigen 15 Prozesstage von einem Extraplatz aus verfolgt hat. Der Beschleunigungsgrundsatz verlange, nicht auf die Gesundung der erkrankten Kollegin zu warten, sagt Mertens.

Vorab: Darum geht es am 16. Tag der Verhandlung

Am inzwischen 16. Prozesstag soll es um die Festnahme des Attentäters gehen. Nach der Flucht über Wiedersdorf wurde Stephan B. an der B91 südlich von Halle gestellt. Geladen sind sieben Polizisten, die bei der Festnahme dabei waren oder weitere Ermittlungsergebnisse vortragen sollen.

Die MZ berichtet wie immer im Liveticker vom Prozess.

(mz/dpa)

Richterin Ursula Mertens
Richterin Ursula Mertens
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