9. Prozesstag

Liveticker Anschlag Halle (Saale): Terrorprozess in Magdeburg gegen Neonazi Stephan B

Halle (Saale) - Es war einer der schlimmsten antisemitischen Anschläge der deutschen Nachkriegsgeschichte:

02.09.2020, 16:30

Es war einer der schlimmsten antisemitischen Anschläge der deutschen Nachkriegsgeschichte: Der rechtsterroristische Angriff von Halle am 9. Oktober 2019 machte weltweit Schlagzeilen.

Hier finden Sie die Live-Berichterstattung vom 9. Prozesstag  gegen Stephan B. am 2. September in Magdeburg. Für die MZ berichten heute Jan Schumann und Hagen Eichler aus dem Gericht.

02.09.2020: Tag 9 im Terrorprozess gegen Stephan B.

15.15 Uhr: Die Verhandlung ist für heute geschlossen

Um 15.13 Uhr schließt das Gericht die heutige Verhandlung. Der Prozess wird am 8. September fortgesetzt.

15.10 Uhr: Ein einziger Autofahrer wollte Jana L. Hilfe leisten

Das Gericht hört nun einen 73-Jährigen aus Halle, der am Tag des Angriffs frühzeitig die Polizei gerufen hatte. Der Rentner war in einem Lieferwagen unterwegs, als er vor der Synagoge eine Person auf der Straße liegen sah. Es handelte sich um Jana L. die Stephan B. unmittelbar zuvor erschossen hatte. Der Zeuge berichtet, wie er angehalten habe, um nachzusehen und eventuell Hilfe zu leisten. „Aus einem Fenster im zweiten Stock rief mir jemand zu: Weg, weg! Dann sah ich, wie der Angeklagte auf mich anlegt.“

In seinem Auto flüchtete er dann um die Ecke und rief von dort aus die Polizei ein. Ein Nebenklageanwalt und die Vorsitzende Richterin loben den Zeugen für seine Hilfsbereitschaft. Das Video der Überwachungskamera zeigt, dass zahlreiche andere Autofahrer für Jana L. nicht anhielten und einfach vorbeifuhren.

14.42 Uhr: Augenzeugin aus Halle hofft auf lebenslange Strafe

Anders als bei den jüdischen Zeugen zuvor meldet sich jetzt der Angeklagte zu Wort. Die Frau aus Halle hatte eben berichtet, dass sie eine posttraumatische Belastungsstörung erlitten habe, lange nicht schlafen oder essen konnte. „Ich will nur sagen, dass es mir leid tut, dass Sie wegen mir Probleme haben“, sagt Stephan B. zu Mandy R. Sie antwortet: „Ich will nur mein Leben zurück. Ich hoffe, dass dieser Mensch nie wieder einen Tag in Freiheit verbringt.“ Das Publikum klatscht.

14.35 Uhr: Augenzeugin sah Jana L. sterben

Als vierte Zeugin sagt nun eine Hallenserin aus, die den Tod von Jana L. miterlebt hat. Die Krankenschwester aus Halle war am 9. Oktober aus der Straßenbahn gekommen und in die Humboldtstraße eingebogen. Dort sah sie den Angeklagten mit einem Helm und einem Gewehr vor der Synagoge, ohne zu begreifen, was passierte. Sie habe die Straßenseite gewechselt und direkt gegenüber gestanden, als der Angeklagte Jana L. erschoss.

„Es sah aus wie in einem Film. Mein Kopf hat nur gesagt: duck dich ab und dann weg.“ Hinter ein Auto gekauert habe sie dann minutenlanges Knallen gehört. Als sie den Notruf wählte, war der Anschluss laut ihrer Aussage besetzt. Die Zeugin ist trotz Mikrofon kaum zu hören, sie wirkt verstört.

14.05 Uhr: Überlebende wirft Gericht „Unsensibilität“ vor

Die Zeugin, eine in Paris lebende Doktorandin, schildert nun die Spätfolgen des Attentats. Sie berichtet von Schlafstörungen, Alpträumen, Panikattacken. „Mein Kurzzeitgedächtnis hat nicht funktioniert, ich hatte Blackouts. Ich stand an Orten, ohne zu wissen, wie ich dorthin gekommen war.“ An ihrer Doktorarbeit habe sie monatelang nicht arbeiten können, sagt Christina F. „Jetzt habe ich seit zwei Wochen kaum geschlafen, ich bin nur noch müde.“ Die Erlebnisse mit der Polizei in Halle belasteten sie. „Jedes Mal, wenn ich einen deutschen Polizisten sehe, zieht sich etwas in mir zusammen. Ich kann hier nicht entspannt leben.“

Kritik übt F. auch am „unsensiblen Gericht, das von Beginn an die Sprache des Täters reproduziert“. Wie schon bei früheren Aussagen von Zeugen gibt es lauten Applaus von den Zuschauerbänken, Richterin Ursula Mertens nimmt es hin. Sie fragt auch nicht nach, an welchen Begriffen sich die Zeugin stört. Das Gericht vertagt sich in eine Pause.

13:48 Uhr: Zeugin klagt über abweisende und desinteressierte Polizisten

Eine weitere Teilnehmerin des Gottesdienstes in der Synagoge sagt jetzt aus. Christina F. war am 8. Oktober 2019 aus Paris nach Halle gekommen, um dort Jom Kippur zu feiern. Auf dem Monitor der Überwachungskamera habe sie dann gesehen, wie eine Person auf der Straße lag – es handelte sich um die erschossene Jana L. „Dann kam ein Polizeiwagen und wir haben gesehen, dass sich niemand um diese Person am Boden gekümmert hat. Das fand ich fürchterlich. Eine Katastrophe.“

Über Stunden hinweg habe sie sich widersprechende Nachrichten erhalten – mal war von einem Täter die Rede, mal von mehreren; mal hieß es, der Mann sei gefasst, mal galt er als flüchtig.

Die Kontakte mit der Polizei schildert sie als konfrontativ. Ein Beamter in Zivil habe sich nicht als Polizist zu erkennen gegeben und sie desinteressiert befragt. Einem anderen Beamten habe sie erklären müssen, dass nicht alle Juden Israelis seien. „Ich finde es ganz unfassbar, dass der Angeklagte offenbar mehr über das Judentum und Jom Kippur weiß als die Polizei“, sagt die Zeugin. Sie habe durch die Behandlung der Polizei ein Sekundärtrauma erlitten.

13.12 Uhr: Von der Corona-Leugner-Demo in den Gerichtssaal

Unter Prozessteilnehmern gibt es Empörung über das Verhalten der AfD-Politikers Robert Farle. Der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion hatte die Verhandlung am Vortag beobachtet. Dabei trug er den Mund-Nasen-Schutz teils unter der Nase, woraufhin er von einer Justizwachtmeisterin ermahnt wurde.

Die Zuschauerplätze im Gerichtssaal sind eng nebeneinander angeordnete, ein Mindestabstand ist dort unmöglich. Ein mittlerweile aufgetauchtes Fotos belegt, dass Farle am vergangenen Sonnabend mit mehreren anderen Parteikollegen aus Sachsen-Anhalt an der Corona-Leugner-Demo in Berlin teilgenommen hatte, ohne eine Maske zu tragen.

Gerichtssprecher Wolfgang Ehm sagte der MZ auf Nachfrage, ein Ausschluss Farles vom Prozess sei nicht möglich. Allerdings werde das Justizpersonal auch künftig darauf achten, dass die Hygiene-Anordnungen des Gerichts umgesetzt würden. Farle ist heute nicht im Saal, für den Untersuchungsausschuss des Landtags nimmt heute der Grünen-Politiker Sebastian Striegel teil.

11.58 Uhr: Überlebende Studentin will am Judentum festhalten

Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens fragt die Zeugin Agata R., ob sie nach dem Anschlag erwogen habe, Deutschland zu verlassen. Die jüdische Theologiestudentin war vor anderthalb Jahren nach Deutschland gekommen. „Ja, natürlich. Nach diesem Attentat bin ich erstmal nach Polen gefahren, weil ich mich dort sicherer gefühlt habe. Aber ich möchte mein Studium hier beenden, ich möchte hier leben. Das Attentat wird mich nicht daran hindern, dass ich die Synagoge besuche oder von meinem Glauben abweiche, ganz im Gegenteil.“ R. zitiert aus dem biblischen Psalm 121: „Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.“

Die Verhandlung wird nun um 12 Uhr für eine Mittagspause unterbrochen.

11.45 Uhr: Betagte Juden in der Synagoge waren in Panik

Nach einer Pause sagt die zweite Zeugin dieses Tages aus, die 24-jährige Agata R. Die Studentin der jüdischen Theologie war am 8. Oktober mit der etwa 20-köpfigen Gruppe aus Berlin nach Halle gereist, um dort am folgenden Tag Jom Kippur zu begehen. „Ich habe einen Knall gehört und dachte zuerst, dass die Thorarolle heruntergefallen sei“, sagt sie.

Als sich die Gemeinde aus dem Saal in einen anderen Raum rettet und verbarrikadiert, habe Panik geherrscht. „Viele der älteren Leute hatten Schwierigkeiten, die Treppe hinaufzukommen. Es war auch sehr eng auf dem Flur. Wir haben einfach nicht gewusst, wie lange diese Situation andauern wird.“

Die Studentin verstand damals kein Wort Deutsch; ihre Aussage vor Gericht wird aus dem Polnischen gedolmetscht. Nach dem Attentat habe die Sirene der Rettungswagen das Gefühl von Angst hervorgerufen. „Ich habe an einer posttraumatischen Störung gelitten. Heute fühle ich mich stärker. Das Leben ist aber nicht mehr das selbe.“

11.02 Uhr: Verständigungsschwierigkeiten im Gerichtssaal

Die Kommunikation ist teils mühsam. Der Wachmann der Synagoge kam 1996 aus der Ukraine nach Deutschland, sagt aber vor Gericht auf Russisch aus und wird von einer Dolmetscherin übersetzt. Es gibt viel Hin und Her um die Frage, was genau auf gezeigten Fotos vom Synagogengelände zu sehen ist. Der Wachmann spricht hartnäckig von einem „Zaun“, auch wenn auf dem Bild deutlich eine Mauer zu sehen ist.

„Ist das gemauert?“, fragt der Verteidigr Hans-Dieter Weber. Der Zeuge bestätigt das und ergänzt: „Ich nenne das Zaun.“ Unter dem Strich zeigt sich: Wenn der Attentäter auf das Friedhofsgelände gelangt wäre, hätte er ohne Schwierigkeit die Synagoge erreichen können.

10.32 Uhr: Wortgefecht zwischen Verteidiger und Nebenklage-Anwälten

Jetzt wird es hitzig. Der Verteidiger Hans-Dieter Weber fragt wiederholt nach, wie es hinter der Mauer der Synagoge aussieht: Gibt es dort noch einen Zaun, der den Zugang zur Synagoge versperrt? Die Nebenklage-Anwältin Kati Lang beanstandet die Frage: Der als Zeuge befragte Wachmann könne die von der Polizei angefertigte und auf dem Monitor gezeigte Skizze gar nicht bewerten.

Weber fragt erneut, Lang fällt ihm ins Wort. „Hören Sie auf, mich anzubrüllen, Frau Dr. Lang“, fordert der Verteidiger. Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens schlichtet. Der Zeuge sagt schließlich, dass auf dem Friedhofsgelände noch einen etwa 1,70 Meter hohen Zaun gibt.

10.15 Uhr: Wachmann hatte Angst um das Leben seiner Mutter

„Als es losging, hatte ich keine Angst um mich. Ich hatte Angst um die Menschen in der Synagoge, darunter auch meine Mutter, die nicht mehr die Jüngste ist“, berichtet der Wachmann der Synagoge. „Ein, zwei Monate nach dem Anschlag bekam ich Probleme mit dem Einschlafen. Ich bin jetzt in Behandlung bei einem Neurologen. Kopfschmerzen, die ich schon früher mal hatte, kommen jetzt häufiger.“

10.03 Uhr: Die Tür zum Synagogengebäude war nicht abgeschlossen

Der Wachmann der Synagoge berichtet, wie die Sicherheitsvorkehrungen nach dem Anschlag verschärft wurden. Zum Sabbatgottesdienst müssen sich Besucher seither fünf Tage vorher unter Vorlage des Ausweises anmelden. Am Tag des Anschlags galt das nicht.

Die Tür zur Straße, auf die der Attentäter feuerte, sei abgeschlossen gewesen, berichtet der Wachmann Wladimir R. Allerdings habe der Schlüssel von innen gesteckt. Die Tür zum eigentlichen Synagogengebäude habe offen gestanden, um Luft ins Gebäude zu lassen. Als der schießende Angreifer auf dem Monitor zu sehen war, habe er alle Türen abgeschlossen.

9.47 Uhr: Wachmann erkannte die Gefahr an der ungewöhnlichen Waffe

Als erster Zeuge sagt Wladislaw R. aus, der Wachmann der Synagoge. Auf dem Monitor der Überwachungskamera habe er einen dunkel gekleideten Mann gesehen, mit einer Art Pumpgun in der Hand. „Ich wusste, dass so eine Waffe weder bei der Armee noch bei der Polizei verwendet wird“, sagt er auf Russisch. Der Attentäter hatte die verwendeten Waffen selbst hergestellt.

Um keine Panik auszulösen, habe er zunächst dem Gemeindevorsitzenden zugeflüstert, dass man die Polizei alarmieren müsse. Als klar wurde, dass der Mann auf der Straße auf die Tür feuerte, habe er der Gemeinde zugerufen, dass sich alle in Sicherheit bringen müssten.

9.30 Uhr: Prozesstag 9 beginnt pünktlich

Guten Morgen aus dem Landgericht Magdeburg! Der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Naumburg will an diesem Mittwoch weitere Zeugen hören, die den Anschlag auf die Synagoge von Halle erlebt haben, also Teilnehmer des ganztägigen Gottesdienstes am Feiertag Jom Kippur. Der Angeklagte Stephan B. wurde wie stets mit Hand- und Fußfesseln in den Saal gebracht, die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens eröffnet die Verhandlung in diesem Moment.

9.00 Uhr: Gericht will weitere Zeugen aus der Synagoge hören

Am Dienstag kamen beim Prozess zum Anschlag in Magdeburg erstmals Betroffene zu Wort. Am 9. Prozesstag sollen weitere Zeugen vernommen werden, die sich am Tag des Anschlags in und um die Synagoge in Halle befunden haben. 

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(mz/dpa)