Wie Mifa das Geld ausging

Fahrrad-Hersteller Mifa aus Sangerhausen: Streit in der Eigentümerfamilie Nathusius

Sangerhausen - Die vorerst gescheiterte Sanierung des Fahrrad-Herstellers Mifa geht vor allem auf einen Streit in der Eigentümerfamilie zurück.

Von Steffen Höhne 19.01.2017, 13:26

Die Telefone haben in den vergangenen Tagen regelrecht geglüht: Staatskanzlei, Wirtschafts- und Finanzministerium, Investitionsbank, Mifa-Bike-Chef Joachim Voigt-Salus, Insolvenzverwalter Lucas Flöther und natürlich die Mifa-Eigentümerfamilie von Nathusius.

Sie alle haben am Tag und auch in der Nacht miteinander gesprochen, um die weitere Finanzierung des insolventen Fahrrad-Herstellers aus Sangerhausen zu sichern.

Am Ende hat es dennoch nicht geklappt. Gescheitert ist die angestrebte Sanierung am Firmenpatriarchen Heinrich von Nathusius. So wird es zumindest von vielen Seiten dargestellt.

Im Video: Sangerhausens Oberbürgermeister Ralf Poschmann äußert sich zur insolventen Mifa

Heinrich von Nathusius führte erfolgreich Ifa-Rotorion aus Haldensleben

Ist das so? Und welche Gründe gab es dafür? Um diese Fragen zu beantworten, muss man noch einmal kurz zurückblicken. Bereits 2014 ist der Fahrrad-Hersteller pleite gewesen. Banker und Landespolitiker warben damals bei Heinrich von Nathusius darum, dass er das Traditionsunternehmen, das seit 1907 in Sangerhausen Fahrräder baut, übernimmt.

Schließlich hat der gebürtige Berliner, der lange Jahre als Stahlmanager arbeitete, nach der Wende schon erfolgreich den Automobil-Zulieferer Ifa-Rotorion aus Haldensleben (Börde) geführt.

Felix von Nathasius studierte in Oxford

Von Nathusius hatte Zeit und Geld, weil die Geschäfte von Ifa inzwischen sein Sohn Felix leitete. Dieser hat in Oxford (Großbritannien) studiert und das Ifa-Werk in den USA aufgebaut und geleitet. Auch als neue Gesellschafter der Mifa fungierten Felix von Nathusius und seine beiden Schwestern.

Heinrich von Nathusius wollte Mifa schnell zum „produktivsten Fahrrad-Hersteller Europas“ machen. Dafür wurde vor den Toren der Stadt Sangerhausen auch ein 17 Millionen Euro teures Werk gebaut.

Sommer 2016: Eigentümerfamilie Nathasius muss bei Mifa nachfinanzieren

Doch die geplante Sanierung verlief nicht so glatt wie geplant. Bereits im Sommer 2016 musste die Eigentümerfamilie einen zweistelligen Millionenbetrag nachschießen. Das Verhältnis zwischen Heinrich von Nathusius und seinem Sohn Felix bekam offenbar immer mehr Spannungen.

Als im Herbst 2016 erste Darlehen an Banken nicht zurückgezahlt werden konnten, musste Mifa ein Sanierungsgutachten ausarbeiten, um weiter von den Geldhäusern finanziert zu werden. Felix von Nathusius und seine Schwestern waren offenbar auch bereit, weiter Geld in das Unternehmen zu stecken, doch sollten die Finanzen vollkommen neu geordnet werden.

Mifa beantragt Insolvenz in Eigenverwaltung

Im Januar beantragte das Unternehmen eine Insolvenz in Eigenverwaltung. Das heißt, die Firmenleitung kann die Sanierung selbst vornehmen. Doch das sollte nicht mehr Heinrich von Nathusius sein.

Dieser wurde offenbar zum Rückzug von der Mifa-Spitze gedrängt. Das kränkte den 74-jährigen Firmenpatriarchen offenbar sehr. Dennoch akzeptierte er die Neuausrichtung des Unternehmens Mifa.

Für diese mussten insgesamt acht Millionen Euro aufgebracht werden. 3,5 Millionen Euro davon sollte die Familie Nathusius bereitstellen. Heinrich von Nathusius stimmte zu, aber nur unter der Bedingung, dass auch das Land Sachsen-Anhalt finanzielle Zugeständnisse machte, heißt es aus Verhandlungskreisen.

Heinrich von Nathasius stellt Forderungen an Investitionsbank Sachsen-Anhalt

So sollte die Investitionsbank Sachsen-Anhalt eine persönliche Bürgschaft von Heinrich von Nathusius in Höhe von fünf Millionen Euro teilweise aufheben. Der ehemalige Firmenchef war wohl der Meinung, dass diejenigen, die ihm den Kauf von Mifa vorgeschlagen hatten, nun auch mehr Risiken tragen sollten.

Nathusius’ Forderung wurde nach MZ-Informationen sogar in einer Kabinettssitzung der Landesregierung besprochen, aber nicht entschieden. Die Landesregierung fühlte sich offenbar erpresst. Zudem wurde darauf verwiesen, dass dieser Weg beihilferechtlich kaum möglich ist.

Heinricht von Nathasius lehnt Lösungswege der Investitionsbank für Mifa ab

Also suchte die Investitionsbank neue Lösungswege. Die Zeit saß allen Beteiligten im Nacken, weil der Kauf von Zulieferteilen in Asien dringend abgewickelt werden musste. Es wurden also weitere Konzepte ausgearbeitet, um Mifa finanziell über Wasser zu halten.

Ein am Ende vorgelegtes finales Konzept wurde von Heinrich von Nathusius über den Ifa-Beirat jedoch zurückgewiesen. Damit ist die Finanzierung geplatzt. Sowohl Heinrich als auch Felix von Nathusius wollen sich auf MZ-Anfrage nicht äußern. Ganz offensichtlich gibt es einen handfesten Familienkrach. Aus Verhandlungskreisen heißt es zudem, Felix von Nathusius soll zum 1. Februar als Geschäftsführer der Ifa abberufen worden sein.

Zukunft der 500 Mifa-Mitarbeiter ist ungewiss

Durch die Regelinsolvenz muss die Familie von Nathusius nun wohl viel investiertes Kapital abschreiben. Die Mittel flossen vor allem über Darlehen der Ifa. Auf den Mittelständler dürften also größere finanzielle Belastungen zukommen.

Eine mit den Vorgängen vertraute Person sagte daher: „Heinrich von Nathusius hat irrational und verantwortungslos gehandelt.“ Ob das so stimmt, lässt sich nicht eindeutig sagen, da man seine Sicht der Dinge nicht kennt. Ganz sicher hat sein Vorgehen die Lage der Mifa weiter verschlechtert. Die Zukunft der 500 Arbeitsplätze ist unsicherer denn je. (mz)

„Mifa“ und Das Fahrrad" steht in Sangerhausen auf zwei Plakaten an der Fassade des Werkes des Fahradherstellers Mifa.
„Mifa“ und Das Fahrrad" steht in Sangerhausen auf zwei Plakaten an der Fassade des Werkes des Fahradherstellers Mifa.
dpa-Zentralbild