Fahrradwerk in Sangerhausen

Fahrradwerk in Sangerhausen: Von Nathusius übernimmt insolvente Mifa

Magdeburg/Sangerhausen - Eine berühmte Marke, ein angeschlagener Betrieb - den der Spross einer alten Unternehmerfamilie zu neuen Höhen führt. Kann sich die Erfolgsgeschichte der Firma Ifa-Rotorion aus Haldensleben (Börde) wiederholen? Wieviel Ifa steckt in Mifa? Zumindest soviel: Die Familie von Nathusius als ...

11.12.2014, 14:16

Eine berühmte Marke, ein angeschlagener Betrieb - den der Spross einer alten Unternehmerfamilie zu neuen Höhen führt. Kann sich die Erfolgsgeschichte der Firma Ifa-Rotorion aus Haldensleben (Börde) wiederholen? Wieviel Ifa steckt in Mifa? Zumindest soviel: Die Familie von Nathusius als Eigentümer.

Denn die Familie um Patriarch Heinrich von Nathusius hat nun auch den insolventen Fahrradhersteller Mifa aus Sangerhausen (Mansfeld-Südharz) übernommen. Am Donnerstag wurden die Verträge unterschrieben. Mit der Familie habe man „für die Mifa den idealen strategischen Partner gefunden“, sagte der Mifa-Insolvenzverwalter, der hallesche Anwalt Lucas Flöther. Von Nathusius sei ein „Partner mit langem Atem, der Mifa wieder eine langfristige Perspektive bietet“. Über den Kaufpreis schweigen sich die Vertragspartner aus, auch über weitere Details der Finanzierung.

Land hilft mit Kredit

Dass der Deal gelingt, galt allerdings als wahrscheinlich - nachdem der Gläubigerausschuss des insolventen Radherstellers dem Verkauf an Nathusius bereits am Mittwoch grünes Licht gegeben hatte und die Landesregierung die Übernahme mit einem Kredit der landeseigenen Investitionsbank flankieren wird (die MZ berichtete).

Es soll sich bei dem Darlehen um eine niedrige zweistellige Millionensumme handeln. Die Landesregierung hat diese Entscheidung in einer Sondersitzung des Kabinetts gefällt, um dem Unternehmen eine neue Chance auf dem Markt zu eröffnen, hieß es aus Regierungskreisen. Man glaube an das Geschäftsmodell der Mifa, an ihre Produkte und an die Menschen, die dort arbeiten. Politisches Ziel sei, dass die Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region erhalten bleiben und das Unternehmen nicht zerschlagen wird.

„Investor des Jahres“

Nach MZ-Informationen hat es eine Reihe namhafter Interessenten gegeben, in der Landesregierung genießt die Familie von Nathusius aber einen guten Ruf. Heinrich von Nathusius gilt als ein Vorzeige-Unternehmer des Landes und wurde unter anderem 2003 als „Investor des Jahres“ geehrt. Der heute 71-jährige ist im Westen aufgewachsen, hat aber Wurzeln in der Region Magdeburg. Und was für welche: Mit nur ein wenig Übertreibung kann man seinen Ur-Ur-Großvater Johann Gottlob Nathusius den Erfinder der Industrie im heutigen Sachsen-Anhalt nennen.

Unerwartet verkündet Mifa einen zweistelligen Millionenverlust für 2013. Ursache seien falsche Verbuchung des Materialaufwandes.

Es wird bekannt, dass die Mifa-Bilanzen seit Jahren fehlerhaft sind. Die Verluste summieren sich auf 28 Millionen Euro. Retten soll Mifa frisches Geld vom Weltmarktführer Hero Cycles aus Indien.

Die Mifa-Führung stellt ihr Restrukturierungskonzept vor. Es soll einen Schuldenschnitt geben. Zudem darf Hero bis zu 89 Prozent der Mifa-Aktien erwerben.

Nach internen Prüfungen verkündet Mifa für 2013 einen Verlust von 13,2 Millionen Euro und für 2012 von 9,9 Millionen Euro.

Der Einstieg von Hero scheitert. Den Indern wird Industriespionage vorgeworfen. Das kann aber nicht belegt werden. Mifa meldet Insolvenz in Eigenverwaltung an.

Die Mifa-Gläubiger sprechen sich für eine externe Insolvenzverwaltung aus. Der Rechtsanwalt Lucas Flöther wird eingesetzt und zeigt sich auf Grund der gut gefüllten Auftragsbücher optimistisch. (jul)

Der Magdeburger Kaufmann gründete 1787 eine Tabakfabrik - und baute Anfang des 19. Jahrhunderts etwas auf, was man heute einen Mischkonzern nennen würde: Einen Betrieb mit Mühlen, Bäckereien, Schlachthof, der ersten industriellen Zuckerfabrik Deutschlands und einer Maschinenfabrik - alles in allem mit 4000 Mitarbeitern. Nach dem Tod des Ur-Unternehmers zog sich die Familie auf die Landwirtschaft zurück. Das Unternehmertum gehört also quasi zur DNA derer von Nathusius. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie allerdings enteignet und ging wie viele andere in den Westen.

Erfahren Sie auf der nächsten mehr zur Entstehung und Geschichte des Unternehmens.

Begrenztes Risiko

Nach dem erfolgreichen Aufbau hat von Nathusius den Posten des geschäftsführenden Gesellschafters der Ifa mittlerweile an seinen Sohn Felix weitergegeben. Sein beachtliches Lebenswerk wird unabhängig von der Mifa bestehen, falls die Übernahme wie erwartet zustande kommt. Denn die Ifa würde dann nicht in Sangerhausen einsteigen, sondern die Familie direkt mit ihrem persönlichen Vermögen. Mit dem Engagement geht sie also ein Risiko ein, schützt aber gleichzeitig die Ifa.

Heinrich von Nathusius soll lange überlegt haben, ob er für die Mifa bietet. Den Ausschlag für ein ernsthaftes Interesse sollen die Marke, der feste Kundenstamm und die Innovationskraft der Mifa gegeben haben. So sollen die Sangerhäuser mit der Hochschule Anhalt etwa ein Elektro-Fahrrad mit einem kettenlosen Antrieb entwickelt haben, dem zugetraut wird, den Markt zu erobern. Nach dem Rückzug aus der Ifa-Führung hatte Heinrich von Nathusius eigentlich ein bisschen mehr persönliches Vergnügen im Sinn: „Wenn Zeit ist, würde ich gerne eine Foto-Safari in Afrika machen“, hatte er der MZ gesagt. Wie es aussieht, hat Heinrich von Nathusius höchstwahrscheinlich eine näherliegende Unternehmung gefunden.