IHR WOCHENENDE MIT DER MITTELDEUTSCHEN ZEITUNG Lebenswerk in Gefahr

es lässt sich vielleicht darüber streiten, was der einstige US-Präsident John F. Kennedy konkret geleistet hat, was ihn überdauerte. Unbestritten war der Mann aber ein glänzender Redner, von ihm sind große Sätze in Erinnerung geblieben. Etwa dieser: „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern frag, was du für dein Land tun kannst.“ Das sollte ein Aufruf an die US-Bürger sein, sich für das Gemeinwohl einzusetzen und für die Gesellschaft zu engagieren. Nun haben die US-Amerikaner ein anderes Verständnis von dem, was ein Staat leisten soll und darf als wir Deutschen. Aber hüben wie drüben gilt: Eine funktionierende Gemeinschaft ist vom Einsatz ihrer Mitglieder abhängig. Bis hierhin würde wahrscheinlich auch Marcel Fratzscher mitgehen, bei den Schlussfolgerungen hat er aber spezielle Vorstellungen. Der Ökonom und Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaft hat jetzt ein verpflichtendes Soziales Jahr für Rentner vorgeschlagen. Nach einem Arbeitsleben zum Ehrenamt gezwungen zu werden, das kommt bei den potentiell Betroffenen nicht gut an. Meine Kolleginnen Stefanie Greiner und Livia Müller haben sich in Köthen mal umgehört, hier geht es zu ihrem Text.

Die Sachsen-Anhalterin der Woche: Regina Zoogbaum aus Merseburg
Regina Zoogbaum braucht keinen Rat von Marcel Fratzscher. Die 63-Jährige engagiert sich längst. Und sie sagt: „Ich bin dafür, dass sie sich hier integrieren, eine Ausbildung kriegen, dass sie nicht umsonst hergekommen sind und irgendwann auch dem Land helfen können.“ Sie, das sind Flüchtlinge. Regina Zoogbaum arbeitet als Integrationslotsin. Sie hilft den Flüchtlingen anzukommen und sich einzubringen. Das tut sie mit viel zeitlichem Einsatz und sehr handfest. Mein Kollege Robert Briest hat sich mit ihr getroffen, hier geht es zu seinem Text. Vor zehn Jahren hat die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ja den berühmten Satz gesagt: „Wir schaffen das.“ Das Wie blieb damals offen - am Beispiel der Merseburgerin bekommt man aber eine Vorstellung davon.

Das Schicksal der Woche: Ein Hotel auf der Kippe
Einen solchen Satz sagen zu müssen, wünscht man niemandem. Dahinter stecken eine bedenkliche Entwicklung und eine traurige Geschichte. „Ich habe das Gefühl, gescheitert zu sein“, sagt Melanie Tröger. Sie fürchtet um ihr Lebenswerk. Die 51-Jährige hat im Harz ein Hotel aufgebaut, mit viel persönlichem Einsatz, Risiko und Geld. Die „Waldperle“ wird auch gut angenommen von Gästen, das ist nicht das Problem. Es fehlt Melanie Tröger an ausreichend Personal für ihren Betrieb. Ihr Fall ist ein konkretes Beispiel für das, was sonst abstrakt diskutiert wird: den Fachkräftemangel. Die Geschichte von Melanie Tröger, die Entwicklung der Misere und warum das Hotel gerade überhaupt noch läuft, hat meine Kollegin Lisa Garn hier aufgeschrieben.

Der Ort der Woche: Neulingen
Ein Oscar gilt als die höchste Auszeichnung für Filmschaffende. Und es könnte sein, dass demnächst ein Streifen mit dem Goldjungen gekrönt wird, der hier entstanden ist: „In die Sonne schauen“ ist als deutscher Oscar-Beitrag nominiert. Die Regisseurin Mascha Schilinski hat den Film in der Altmark gedreht, in Neulingen - ein Dorf mit etwa 60 Seelen. Bei den Dreharbeiten ist die Regisseurin auf enorm hilfsbereite Menschen getroffen. Das halbe Dorf hat am Ende bei den Dreharbeiten mitgemischt: Von der Dorfältesten, die das Drehbuch auf Plattdeutsch übersetzte bis hin zum Bürgermeister, der Schweine für den Film besorgte. Mein Kollege Alexander Schierholz hat die Neulinger besucht und überprüft, ob stimmt, was die Regisseurin Schilinski gesagt hat: „Dieses Dorf hat den Film gemacht.“ Hier geht es zu seinem Text. Und, wer weiß, vielleicht wird dieses Dorf im Norden Sachsen-Anhalts nun auch weltberühmt.

Der Satz der Woche: „Ich dachte, es springt einfach raus“
Das Empfinden puren Glücks in Worte zu fassen, ist ganz schwer. Ich finde, Roksolana Hlynchak hat mit „Ich dachte, es springt einfach heraus“ eine tolle, erfrischende Formulierung gefunden. Sie hat damit ihr Herz gemeint, wie es hüpfte, als sie zur Thüringer Weinprinzessin gekürt wurde. Wer glaubt, Weinprinzessinnen müssten nur hübsch aussehen, liegt daneben. Man muss fachlich einiges draufhaben, es gibt eine - wie ich finde - gar nicht so leichte Prüfung. Roksolana Hlynchak wirbt jetzt nicht nur kräftig für die Thüringer Weinregion, sie ist auch ein Beispiel, wie dem Fachkräftemangel in Fällen wie der Waldperle - siehe oben - beizukommen ist. Roksolana Hlynchak hat in einem Hotel in Bad Sulza eine Lehre absolviert und arbeitet dort jetzt. Ihr Einsatz hilft der Region also doppelt. Das heißt noch lange nicht, dass alle Leute dankbar für ihr Engagement sind. Denn Roksolana Hlynchak stammt aus der Ukraine, sie kam vor dem russischen Angriff auf die Ukraine her. Wegen ihrer Herkunft gibt es Leute, die meinten ihre Krönung so kommentieren zu müssen: „Haben wir keine Mädels aus Thüringen?“ Roksolana Hlynchak reagiert auf so etwas sehr tapfer, wie ich finde. Mein Kollege Steffen Höhne hat die Weinprinzessin getroffen. Ihre Geschichte, wie sie mit Anfeindungen umgeht und Beispiele für die Weinprüfung finden sie hier in seinem Text.

Tipp der Woche: Das Laternenfest
Zehntausende Besucher aus der ganzen Region werden an diesem Wochenende nach Halle strömen: Es ist wieder Laternenfest. Neben den vielen Fahrgeschäften und Imbissständen wird insbesondere Kindern eine Menge Unterhaltung geboten. Meine Kollegin Canan Edemir bietet hier einen Überblick, was man wann wo erleben kann. Viel Spaß an der Saale!

Das war meine MZ-Woche. Ich freue mich über Anregungen, Fragen und Kritik unter: [email protected]
Ich wünsche Ihnen ein friedliches und schönes Wochenende!
Ihr Kai Gauselmann