Weblog 31. Mai

Weblog 31. Mai: Ein Wochenende der Extreme

Wittenberg - Kaputtes Auto hin, geklaute Technik her – es ist so weit, wir haben den Kirchentag in der Stadt und die Eindrücke dieses Wochenendes kann man durchaus als kontrovers bezeichnen. Aber fangen wir einmal ganz von vorne ...

Von Peter Benedix 31.05.2017, 12:19

Kaputtes Auto hin, geklaute Technik her – es ist so weit, wir haben den Kirchentag in der Stadt und die Eindrücke dieses Wochenendes kann man durchaus als kontrovers bezeichnen. Aber fangen wir einmal ganz von vorne an.

Am Freitagabend reisen mein Kameramann David und ich an. David bezieht erst mal Quartier im Wassersportverein. Angeblich soll dort auch das SEK seinen Wasserstützpunkt haben, aber noch sind keine schwarzen Sturmmasken zu sehen und die Elbe lädt zum Verweilen ein. Geht aber nicht, da wir erst einmal drei Fahrräder brauchen.

Warum drei? Ein zweiter Kameramann wird am Sonntag zu uns stoßen und sich alles von der Pratauer Seite her anschauen und dieser muss ja schließlich auch mobil sein.

Peter Benedix ist Filmregisseur und arbeitet an einer Langzeit-Dokumentation über das Reformationsjubiläum 2017 in der Lutherstadt Wittenberg. Auf der Seite www.mz.de/herz und www.worandeinherz.de berichtet der 36-Jährige über die Fortschritte bei den Arbeiten an dem abendfüllenden Film über seine Heimatstadt. Sie erreichen Peter Benedix per Mail unter info@worandeinherz.de

Also ab zur Geschäftsstelle des Refo, denn diese bieten Fahrräder für Journalisten an. Man drückt uns 18 Fahrradschlüssel in die Hand und wünscht uns viel Glück. Hinter dem Haus stehen etwa 100 Fahrräder in wilder Reihenfolge und das Suchspiel beginnt. Nach etwa 25min haben wir drei fahrtüchtige Räder gefunden.

Die restlichen Schlüssel geben wir zurück, ein Fahrrad wird für Mann Nummer drei am Bahnhof deponiert und nach einem kleinen Abendessen geht es auf die Elbwiese, denn das davor ist oft so spannend wie das dabei.

Am Bahnhof Altstadt steht der Stand eines Predigers welcher lauthals seinen Standpunkt zum Thema Islam kundtut. Dass die vor ihm ausgerollte Flagge ein Kreuz aus den Farben des Deutschens Reichs bildet, ist nicht nur kein Zufall, sondern macht ihn sichtlich stolz. Nebenan sitzt der Verfassungsschutz und hört gelangweilt zu. Es wird nicht die einzige schillernde Begegnung an diesem Wochenende bleiben.

Auf die Wiese selbst kommen wir noch nicht direkt, daher fahren wir rüber nach Pratau und schauen uns die Sache von der anderen Seite her an. Das große Kreuz, die weiße Bühne und die Tribüne für die Bläser – alles sieht bereits nach großen Augenblicken aus.

Eine Sache ist jedoch seltsam – es gibt zur hinteren Seite hin keine Absperrung. ‚Vielleicht wird die noch aufgebaut‘, denke ich mir und bemerke an einer Stelle eine Gruppe Menschen, die nach Security aussehen. Zielstrebig gehen wir an ihnen vorbei, da ich keine Lust auf Diskussionen habe.

Als aber plötzlich einer ruft „Komm ich jetzt ins Fernsehen?“ und dabei eine Bierflasche schwenkt wird mir klar, dass diese Leute gar nicht für die Sicherheit, sondern nur für das Vergnügen hier sind. Wir kommen ins Gespräch. Die fünf kommen aus Pratau und sind dem Treiben auf ihrer Wiese eher skeptisch gegenüber eingestellt.

 Eine 18-jährige Frau erklärt mir, dass es in der Pratauer Katharina-von-Bora-Schule bereits durch die Decke regnet und der allgemeine Zustand desaströs wäre. Dass der Staat dann vor ihrer Haustür Millionen für ein kirchliches Fest ausgibt, könne sie nicht wirklich nachvollziehen.

Wir treffen noch eine weitere Gruppe Pratauer, welche sich ähnlich äußert. Im Gegensatz zur ersten Gruppe, sind hier jedoch bekennende Christen vertreten. Die Meinung ist trotzdem sehr ähnlich.

Als unsere Kamera kaum mehr Licht zu schlucken bekommt, radeln wir nach Hause. Die Wiesen sind inzwischen feucht und die Nacht verspricht kühl zu werden. Hätten wir eine Vorstellung davon gehabt, wie die kommenden zwei Tage werden, hätten wir dies vielleicht sogar genossen.

Am Samstag möchte ich meinen Kameramann um 8:20 Uhr abholen. Da ich aber mal wieder vergessen habe, dass Wittenberg etwas überschaubarer ist als Berlin, bin ich schon 8:05 Uhr vor Ort. Wir besorgen uns eine Zugangsberechtigung für die Festwiese und schauen uns jetzt das kommende Spektakel von Nahem an.

Bereits um 10 Uhr merken wir, wie die Sonne zu brennen beginnt und auf der schattenlosen Elbwiese die Temperaturen zu steigen beginnen. In den kommenden Stunden wird uns das Pressezelt des Refo-Vereins buchstäblich am Leben erhalten, denn es wird heiß, drückend und sehr fordernd. Wir machen ein paar Kurzinterviews und landen schließlich auf der Pontonbrücke, die gerade zur Probe einmal aufgebaut wurde.

Respekt! Das Ding liegt im Wasser wie einbetoniert. Vier Boote der Bundeswehr drücken die Brücke gegen die Strömung. Wir holen uns ein kurzes Statement vom verantwortlichen uniformierten Pressesprecher und möchten vor allem wissen, warum die Bundeswehr ohne Katastrophenfall im Inneren eingesetzt wird?

Was ich bis dahin noch nicht wusste – die Bundeswehr darf auch bei einem Amtshilfegesuch ausrücken und dies hatte der Landrat gestellt. Jedenfalls bin ich von der Ingenieursleistung dieser Brücke beeindruckt und als der MP (Ministerpräsident) auftaucht und zusammen mit anderen für die Presse über die Brücke flaniert, kommt fast so etwas wie Feierlichkeit auf.

Da die Hitze ein Catering im nicht-klimatisierten Pressezelt unmöglich macht, schleicht sich langsam Hunger bei uns ein. Leider ist es dieser Tage aber so, dass an jeder Ecke tolles Futter für unsere Kamera lauern könnte und schon ist wieder eine Stunde um, ohne dass man etwas im Magen hatte.

So essen wir prophylaktisch eine Wurst am Straßenrand, bevor wir wieder in die Stadt radeln. Vom Altstadtbahnhof aus gelangen wir direkt zum Markt und stehen direkt vor einem riesigen Luther aus Pappmaschee, welcher sich selbst entblößend einen schriftlichen Vergleich zu Hitler auf seinem Talar präsentiert.

Auch ein Moses aus Pappe ist dabei, welcher das 11. Gebot ‚Du sollst deinen Kirchentag selbst zahlen!‘ anmahnt. Die Initiatoren wollen zum einen eine klarere Trennung von Staat und Kirche und fordern dies auch im Finanziellen, aber möchten auch auf Luther als Hassprediger und Feind der Juden aufmerksam machen.

Die Reaktionen auf dem Markt sind breit gefächert. Von Zustimmung bis zu ‚schämen Sie sich‘ ist alles dabei. In Berlin wurden diese Figuren auch schon präsentiert und dafür gab es eine Anzeige wegen Volksverhetzung. In Wittenberg wird selbiges noch geprüft. Ich mag die Diskussion über die Verflechtung von Kirche und Staat sehr, da sie wichtig ist und zum Selbstverständnis unserer Gesellschaft beiträgt.

Was Luther als Hassprediger und Antisemit angeht, so muss ich sagen, dass solche Auftritte zwar kurzzeitig Aufmerksamkeit generieren, aber mich auch ein wenig langweilen. Die Aufarbeitung der Figur Luthers ist schon sehr lange im Gange – vielleicht nicht so lange, wie es nötig gewesen wäre, aber wenn wir in die Gegenwart schauen so habe ich nicht den Eindruck, dass Luther heute noch verklärt oder gar heiliggesprochen wird.

Selbstverständlich waren seine frühen Ansichten über das Judentum oder den Islam nach heutigen Maßstäben absolut indiskutabel aber zu behaupten, dass dies in der allgemeinen Diskussion unter den Teppich gekehrt wird, halte ich für falsch. Einen Tag später treffe ich übrigens auf einen Infostand der Satirepartei „Die Partei“ an welchem Luther mit dem Satz „I have a dream“ und einem Bild des Konzentrationslagers Auschwitz in Verbindung gebracht wird.

Leute – macht es euch bitte nicht so einfach. Wenn ihr Einseitigkeit und Geschichtsverklärung anprangern wollt, dann könnt ihr das gern tun, aber bitte nicht mit den Mitteln, die ihr selbst bekämpfen wollt – und ehrlich gesagt, finde ich es auch nicht witzig. Meine Meinung.

Zurück zum Samstag. Inzwischen ist es später Nachmittag. Wir treffen auf Rikscha-Uwe, der gerade etwas entnervt seinen Grillstand abgebaut hat. Kaum Kundschaft. Zu viel Konkurrenz von den neuen Buden am Schlossplatz. Er hat zwar schon seine Preise gesenkt, aber der Tag war für ihn enttäuschend.

Ähnliches hören wir auch aus dem Culinela und anderen Gastronomen. Alle hoffen drauf, dass die erhofften/befürchteten Massen am Sonntag kommen werden. Mein Bruder schließt sich uns für eine Stunde an, wir essen etwas und dann geht es zurück auf das Festgelände. Die Elbbrücke wurde schon gesperrt und so kann man mal schön zweispurig mit dem Fahrrad Slalom fahren. Inzwischen strömen mehr und mehr Übernachtungsgäste auf das Gelände.

Um 21 Uhr beginnt der Abendgottesdienst und ich bin überrascht, wie voll es schon ist. Ich habe keine genaue Zahl, aber mit so vielen Besuchern hätte ich nicht gerechnet. Zu Beginn der Feierlichkeiten tritt ein junger Mann auf die Bühne und stellt sich als die Person vor, die im Falle eines sicherheitskritischen Vorfalls der Ansprechpartner sein wird.

Er spricht betont ruhig und langsam und versucht dabei in möglichst viele Gesichter zu blicken. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich zu dieser Idee des Ansprechpartners im Krisenfall stehe. Zum einen kann dies wirklich im Ernstfall etwas Ruhe und vor allem Orientierung bieten. Andererseits hat jetzt die Angst ein Gesicht.

Die Zeremonie beginnt und am Ende erleuchtet ein Meer aus kleinen Kerzenflammen die Wiese. Ein wirklich schönes und friedliches Bild. Oberbürgermeister, Bürgermeister und die zugehörigen Damen sind ebenfalls vor Ort. Auch für sie ist dies ein ganz besonderer Moment, den sie ganz privat empfinden möchten.

Schließlich versuche ich mir zu merken, wo das Nachtlager von Torsten Zugehör sein wird, denn natürlich möchte ich den Moment nicht verpassen, wenn der OB nach einer Nacht auf der kalten Wiese völlig gerädert aus dem Schlafsack kriecht. Ich kann jedoch vorweg nehmen, dass alle Beteiligten am nächsten Morgen ausgesprochen glücklich und ausgeruht wirkten.

Jedenfalls neigt sich der Tag dem Ende zu, wir radeln noch einmal in die Stadt (denn heute ist auch „Nacht der Lichter“) schießen ein paar Bilder und gehen schließlich ins Bett. Nach drei Stunden Schlaf beginnt dann für uns der Kirchentag in Wittenberg.

Die Straßensperren sind bereits völlig geschlossen, als ich um 4 Uhr meinen Kameramann einsammle und wir zur Festwiese radeln. Der heiße Vortag und die kurze Nacht machen sich bereits bemerkbar. David hatte am Vortag einen Schrittzähler mitlaufen lassen und kam auf etwa 25.000 Schritte. Sport frei!

Jetzt schleichen wir über die schlafende Wiese. Hier wird geschnarcht, dort schon etwas geblinzelt. Ich finde den Ort, an dem die Zugehörs ihr Lager aufgeschlagen hatten…wohlgemerkt…HATTEN. Mist. Sie sind umgezogen. Das fällt mir aber auch erst auf, nachdem wir zehn Minuten vor zwei gefüllten Schlafsäcken gewartet haben.

Die Insassen waren so in ihre Kokons vergraben, dass man die Gesichter nicht sehen konnte. Schließlich beginnt am großen, weißen Kreuz eine kleine Band leise zu spielen. Im Laufe der nächsten Stunde wird die Musik langsam lauter, die Sonne steigt über den Horizont und die Menschen erwachen. Es ist für mich einer der schönsten Momente an diesem Wochenende.

Jetzt wollen wir aber die Massen sehen, die sich nach Wittenberg hineinwälzen. Vorher jedoch gibt es Kaffee und Brötchen bei Bäcker Lantzsch, welcher als einziges Geschäft überhaupt um sechs Uhr schon geöffnet hat. Na gut…geöffnet ist das falsche Wort. Vielmehr ist es Mitleid mit zwei übernächtigten Journalisten wie uns, welches die Dame des Hauses dazu verleitet uns eine Stunde vor der Zeit zu verköstigen.

 Ich habe die Stadt noch nie so leer erlebt. Nicht mal ein Hund wird Gassi geführt. Ich muss jedoch sagen, dass ich gar nicht weiß, ob ich jemals um diese Zeit in der Stadt gewesen bin. Egal. Kameramann Nummer zwei signalisiert, dass er im Zug nach WB sitzt und wir entschließen ebenfalls einmal einen Blick zum Bahnhof zu werfen.

Punkt acht sind wir dort und haben Mitleid mit einem Imbisstand, welcher genau im toten Winkel zweier geplanter Besucherströme steht. Sie werden von beiden Seiten kurz vor ihm vorbeigeleitet – das ist zumindest der Plan, denn noch strömt es nicht, sondern tröpfelt nur vor sich hin. Zufällig treffen wir auf den zweiten Kameramann.

Andreas ist ausgeruht, satt und verdammt gut drauf. Wir hassen ihn dafür. Er übernimmt sein Fahrrad und macht sich auf zur Pratauer Seite. Ein dritter Kameramann postiert sich gerade auf der Brücke über den Gleisen und macht eine Zeitrafferaufnahme der ein- und ausgehenden Züge. Läuft bei uns! Als wir merken, dass auch halb neun noch nichts so richtig strömt, beschließen wir zur Pontonbrücke zu gehen.

Wir nehmen den Weg durch die Stadt und treffen immer wieder auf orientierungslose Kirchentagsbesucher. Leider scheint es in der gesamten Innenstadt weder Schilder noch menschliche Wegweiser zu geben, die den Besuchern die Richtung weisen könnten.

Scheinbar hat man sich darauf verlassen, dass alle die direkten Wege von den vorgesehenen Ankunftspunkten her nehmen. Ein Trugschluss. Am Markt gibt Frau Margot Käßmann gerade per Schalte ins Studio dem ZDF ein Interview. Eigentlich wollte sie ja auch am Vortag auf der Wiese übernachten, hatte es sich aber dann doch kurzfristig anders überlegt.

Wir steuern auf den Übergang Altstadtbahnhof zu und treffen auf eine Situation, die an diesem Tage noch vielen sauer aufstoßen wird. Der Übergang zur Elbwiese ist gesperrt und die Leute werden über die Brücke am Hafen geleitet. Viele Leute sind der Ansicht, dass dies vorher anders kommuniziert worden war und machen ihrem Unmut deutlich Luft.

 Ich selbst kann ehrlich gesagt auch nicht verstehen, warum das Sicherheitskonzept an dieser Stelle nicht auf die Gegebenheiten reagieren kann, denn von Menschenströmen ist wahrlich nicht zu sprechen und vor allem den Älteren hätte man diesen Umweg ersparen können, ohne ein erhöhtes Risiko einzugehen.

Auch dringen immer wieder Meldungen durch, dass es keine Shuttles vom Bahnhof für Menschen gibt, die nicht gut zu Fuß oder gar gänzlich auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Es gibt aber neben dem Leitsystem für An- und Abreise noch weitere Punkte, die ich für nicht ganz optimal gelöst wahrgenommen habe. Hier in Kürze:

Friederike Sittler, rbb-Abteilungsleiterin Redaktion Kirche und Religion warf dem Veranstalter am Montag auf Radio1 im Hinblick auf das Sicherheitskonzept und die angegebenen Besucherzahlen „Gigantomanie“ vor. Soweit würde ich vielleicht nicht gehen, jedoch wäre eine gewisse Flexibilität in bestimmten Bereichen sehr willkommen gewesen.

Übrigens finde ich es irgendwie unangemessen, wenn der Moderator des Kirchentags für seine Musik-CD wirbt. Aber wenn wir schon dabei sind, hier auch eine kurze Liste von Dingen, die meiner Ansicht nach richtig gut liefen:

Aber kehren wir wieder zum Inhaltlichen zurück. Um 12 Uhr begann der Festgottesdienst, gleich nachdem Bundespräsident Steinmeier Platz genommen hatte. Ich hatte mir eine ziemlich zentrale Position an der vorderen Bühnenabsperrung gesichert und führte die Kamera selbst.

David macht zwar die spannenderen Bilder, aber ich habe die ruhigere Hand und ohne Stativ und bei einer Entfernung zum gewünschten Objekt von ca. 70m ist das nicht verkehrt. Direkt vor mir, nur durch ein Absperrband getrennt, steht ein Herr. In der linken Hand hält er eine lederne Herrenhandtasche (es gibt im Duden dafür sogar ein eigenes Wort – aber das verrate ich hier nicht) und die rechte Hand versteckt er darin.

Mein Verdacht bestätigt sich, als er sich einmal ins Profil dreht und ich die Waffe sehe, die seine Hand in der Tasche umschließt. Sollte der Ernstfall eintreten, muss dieser Herr nicht erst zur Waffe greifen und verliert auch ganz sicher keine Zeit beim Entsichern. Wenigstens hat er einen Knopf im Ohr, so dass mir ein klein wenig weniger mulmig ist.

Der Gottesdienst beginnt. Mist. Mein Akku ist fast alle. Eigentlich müsste ich jetzt schnell wechseln, aber irgendwie halte ich es für keine gute Idee, jetzt hektisch meinen Rucksack abzuwerfen und darin nach einem neuen Akku zu kramen, während der Typ vorn weiterhin seine Hand in der Tasche wärmt. Also mache ich alles ganz langsam und bedacht.

David hilft mir dabei und wir können weiter drehen. Nach ca. 15 Minuten verlasse ich meine disponierte Position und wir machen erst mal eine Pause. Unser zweiter Kameramann ist irgendwo auf dem Gelände und filmt fleißig weiter. Schließlich kommt die Predigt, gehalten vom südafrikanischen Bischof Thabo Makgoba.

Gut – es mag Leute geben, die am deutschen evangelischen Kirchentag diese gern auf Deutsch gehört hätten, aber das ändert nichts daran, dass es eine starke und gefühlvolle Predigt war, die selbst mich als Mensch ohne Glauben berührt hat. Ohnehin muss ich sagen, dass trotz der Strapazen von Anreise und Verweilen die Stimmung sehr gut war.

Die Gäste machten das Beste aus dem heißen Wetter und waren sichtlich froh, Teil dieses Ereignisses zu ein. Doch der Mensch ist für solche Witterungsbedingungen nicht gemacht und so setzte der Rückstrom bereits kurz nach der Predigt ein und als dann schließlich OB Zugehör seine Rede gehalten hat und laut Programm ein Reformationspicknick starten soll, hat sich die Wiese schon deutlich geleert.

Jetzt aber sollte es noch einmal unterhaltsam werden, denn das Lutherpaar ist eingetroffen und zusammen mit seinem Gefolge werben sie für unser Stadtfest Luthers Hochzeit. Allerdings nicht in frommer Zurückhaltung, sondern mit mittelalterlichem Tanz und Trubel. Luther Naumann läuft zur Höchstform auf und schon bald wird der Tross von Handykameras und staunenden Gästen begleitet.

Natürlich trägt das gesamte Gefolge Gewand und diese Gewänder bestehen ganz sicher nicht aus kurzer Hose und T-Shirt. Beneidenswert ist das sicher nicht, aber es ist schön zu sehen, wie die Wittenberger einen eigenen kleinen Beitrag leisten und dies auf eine Art, den die Kirchentagsbesucher sicher in schöner Erinnerung behalten werden.

Dann wird es nochmal spannend, denn die ganze Zeit wurde das Gefolge von einer jungen Frau mit Knopf im Ohr geleitet, welche eine Zusammenkunft mit dem Bundespräsidenten und dem Lutherpaar arrangieren soll. Und so kommt es dann schließlich auch - und ich werde zu meinem großen Erstaunen nicht daran gehindert, mit der Kamera direkt dabei zu sein.

Auch sonst werden Gäste mit ihren Handys sehr dicht an Steinmeier herangelassen und da die Presse schon ihre Bilder hatte, wird dies eine sehr volksnahe und positive Nummer. Mein Kameramann und ich wollen noch einen Blick in die Stadt werfen um zu sehen, wie die so lange erwarteten Massen nun ihre Wirkung entfalteten.

Tun sie aber leider nicht. Durch die Umleitung am Alten Bahnhof werden die Leute vom Schloss her in die Stadt geleitet und je weiter man sich vom Schloss entfernt, desto weniger Menschen trifft man an. Im Culinela in der Mittelstraße herrscht Katerstimmung.

Die Tische und Stühle sind fast so schlecht besetzt wie am Tage zuvor. Die Besitzerin versorgt David und mich erstmal mit kalten Getränken, denn wir müssen nach diesem Ritt vom Samstagmorgen bis heute 16 Uhr ziemlich fertig aussehen.

Nach und nach erfahren wir, dass es vielen Gewerbetreibenden in der Innenstadt ähnlich gegangen ist. Die erwarteten Besucherströme fanden nicht statt oder begrenzten sich auf den Bereich am Schloss. Ich kann mir vorstellen, dass beim ein oder anderen das Bild vom Superjahr 2017 nun Risse bekommen hat.

Dadurch steigt der Druck auf den Verlauf der Weltausstellung. Dass Kirchentag und Weltausstellung für die Stadt eine großartige Change darstellen, daran glaube ich fest. Jedoch hoffe ich, dass die Bevölkerung weiterhin mitgenommen und in ihren Sorgen um den Verlauf des Jahres ernst genommen wird.

Es ist wichtig, dass wir weiterhin an einem Strang ziehen und niemandem ist geholfen, wenn die Stimmung kippt. Was unser kleines Projekt angeht – gegen 18 Uhr lasse ich mich in den Sitz eines RE fallen und werde zurück nach Berlin gefahren. Unterwegs schlafe ich zweimal fast ein.

Macht nichts. Berlin Südkreuz ist sowieso Endstation. Zusammengefasst war dies der anspruchsvollste Dreh, den ich seit Langem hatte und die Regeneration wird eine Weile dauern. Hat es sich gelohnt? Auf jeden Fall! Für wen? Nicht für alle, aber ich hoffe, das ändert sich noch. (mz)