Ost-Kult im Supermarkt DDR-Kultlebensmittel: So viel Original steckt noch in Zetti, Nudossi, Rondo und Co.
DDR-Kultlebensmittel sind bis heute in Ostdeutschland beliebt. Aber wie viel ist noch vom Original übrig? Und was macht den Geschmack wirklich aus? Die MZ hat bei Produzenten nachgefragt. Die berichten von einem kniffligen „Spagat“ zwischen Tradition und Neuerung – bei den Rezepten verfolgen die Ostprodukte jedoch eine klare Linie.

Halle (Saale). - So ein Kultgeschmack ist eben nicht leicht einzufangen: TV-Koch Sebastian Lege ist bekannt dafür, Supermarkt-Produkte in seinem Fernsehstudio minuziös zu kopieren. An den Zetti-Knusperflocken scheiterte er jedoch. Die Knusprigkeit nah am Original, der Geschmack aber nicht, urteilte ein Testesser in der ZDF-Show „besseresser“. Dabei stehen die Zutaten auf der Verpackung. Darunter: Roggenvollkornmehl, Kakaobutter, Vollmilchpulver, Kakaomasse, Haferflocken, pflanzliche Öle. Üblich also. Aber das, was die Knabberei wirklich ausmacht, steht nicht im Kleingedruckten. Denn DDR-Kultprodukte – das zeigt diese MZ-Recherche – sind eben mehr als die Summe ihrer Zutaten.
Zetti gehört zu einer überschaubaren Gruppe von Lebensmittelmarken aus Ostdeutschland, die sich nach der Wiedervereinigung halten konnten. Zetti gab es in der DDR seit den 1970ern. Es ist vielleicht die ostdeutsche Antwort auf die westdeutschen Choco Crossies.
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„Der Geschmack der Zetti Knusperflocken ist einzigartig und daran rütteln wir nicht“, sagt Michael Hohmann, Geschäftsführer der Goldeck Süßwaren GmbH aus Leipzig, die den DDR-Klassiker im Werk in Zeitz (Burgenlandkreis) herstellt. Die Rezeptur sei immer noch die selbe und „wir werden diese auch nicht anrühren“. Denn Hohmann spricht von einem „großen Fanlager“. Damit sind die Knusperflocken unter den Ost-Produkten nicht allein.
Viele Ostmarken wurden Mitte der 90er wiederentdeckt
Viele DDR-Marken haben es nach der Wiedervereinigung indes nicht geschafft, sich gegen die West-Konkurrenz zu behaupten oder wurden Opfer von Schließungen durch die Treuhand. Spätestens ab Mitte der 90er Jahre gab es in Ostdeutschland allerdings eine Rückbesinnung auf heimische Waren, damit war auch der Name Ost-Produkt geboren.
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„Kennzeichen dieser Produkte ist, dass sie in Ostdeutschland eine starke Marktstellung haben und mit ihrer Herkunft aus der ehemaligen DDR verbunden werden“, sagt Wirtschaftsforscher Erik Maier, der an der TU Chemnitz den Lehrstuhl für Marketing innehat. „Aus meiner Sicht sind es heute jedoch Regionalmarken, die es in ähnlicher Form auch in Bayern oder Norddeutschland gibt“, so Maier.

Warum ist das so? Gibt es also einen Ost- und einen Westgeschmack? Und wie viel vom DDR-Original steckt heute noch drin? Eine Spurensuche zeigt: Viele Firmen sehen sich zu einem Spagat zwischen Traditionspflege und der Erschließung neuer Zielgruppen gezwungen. Beim Umgang mit DDR-Rezepten verfolgen sie allerdings eine klare Linie.
Geschmack ist Trumpf: DDR-Marken auch bei Jüngeren beliebt
Auch wenn das Zetti-Original-Rezept unangetastet bleibt: Die Qualitäten der Rohstoffe habe sich verändert, so Hohmann. „Dabei ist es uns immer wichtig, dass die Qualität gleich oder höher umgesetzt wird.“ Der Geschäftsführer meint zudem: Die Geschmäcker in Ost und West sind bis heute unterschiedlich. „Nicht umsonst isst man im Norden Grünkohl oder im Süden süßen Senf.“ Auch zwischen den Generationen gebe es starke Unterschiede.
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Aber der Goldeck-Chef meint sogar: „Wir stellen immer fest, dass Geschmäcker über Generationen weitergegeben werden.“ Kurz: Wer Knusperflocken als Kind gern gegessen hat, der kauft sie meist auch für seine Kinder. Zetti soll also sein wie damals. In anderen Bereichen fällt das den Produzenten nicht so leicht – sie müssen auch neue Wege gehen.
35-Mann-Firma behauptet sich mit Nudossi gegen Nutella und Co.
Der Kult-Brotaufstrich Nudossi etwa wird bis heute im Stammwerk im sächsischen Radebeul produziert. Das 35-Mann-Unternehmen behauptet sich mit seiner Schoko-Haselnuss-Creme trotz Konkurrenz durch Platzhirsche wie Nutella. „Viele haben mitbekommen, dass doch nicht alles schlecht war im Osten“, sagt Thomas Hartmann, Geschäftsführer der Sächsischen und Dresdner Back- und Süßwaren GmbH & Co. KG.
Diese Erkenntnis musste allerdings reifen: Nach der Wende wurde das Nudossi-Werk zunächst geschlossen, erst zehn Jahre später nahm das Unternehmen die Herstellung wieder auf. Die Originalrezeptur hätten ehemalige Mitarbeiter mitgebracht, erzählt Hartmann.
Klar, die Güte der Zutaten – Haselnüsse, Kakaopulver, Fett – sei heute eine andere. „Aber in seinen Hauptbestandteilen ist es noch das DDR-Rezept.“ Denn vor allem in Ostdeutschland sei die Nachfrage danach groß.
Hit im Supermarkt: DDR-Marken auch im Westen beliebt
Aber auch in Supermärkten im Westen füllt Nudossi die Regale – dank eines Alleinstellungsmerkmals, das noch aus der DDR-Zeit stammt: Mit 36 Prozent ist der Haselnussanteil hier mehr als doppelt so hoch wie beim Marktführer Nutella. „Wir sind bis heute die mit dem höchsten Anteil.“ Doch um sich zu halten, müsse man auch jüngere Menschen im Westen ansprechen, sagt der 55-Jährige.

Nudossi setzt daher seit ein paar Jahren auf ein neues Zugpferd: Nachhaltigkeit. Inzwischen gibt es den Aufstrich in einer veganen Variante und ohne Palmfett – das soll die Regenwälder schonen.
„Wir waren damit die ersten am Markt. Das hat uns einen Hype gegeben.“ Doch auch das Original hat einen festen Platz im Sortiment; mit Palmfett natürlich. „Es gibt in den alten Bundesländern eine große Zielgruppe, die das so möchte. Geschmack ist gelernt. “
DDR-Kultprodukt Rotkäppchen Sekt: Aus Ostdeutschland in die ganze Republik
Es gibt weitere, einzelne ostdeutsche Hersteller wie Rotkäppchen-Mumm aus Freyburg (Burgenlandkreis), die es geschafft haben, sich im gesamten Bundesgebiet zu etablieren. „Da spricht auch noch kaum einer von Ost-Produkt“, sagt Maier. Laut dem Marketing-Experten nimmt „der Markenwert mit der Zeit jedoch ab, wenn nicht ins Marketing investiert wird“.
Auch die Erinnerung an einen bestimmten Geschmack oder eine frühere Konsumerfahrung verblasse mit der Zeit. Und durch Zuwanderung aus Westdeutschland und dem Ausland sei die Gesellschaft in Ostdeutschland heterogener geworden.
Maier sieht die Zukunft etlicher Marken eher als „Regionalprodukt“, das vom Image positiver besetzt ist. Er empfiehlt den Firmen daher, sich „vom Ost-Thema zu lösen“. Dabei ist die emotionale Bindung zu den Produkten gerade wegen ihrer DDR-Historie enorm.
DDR-Klassiker erzeugen emotionale Bindung bei Verbrauchern
Nochmal zurück zu TV-Koch Lege: Neben Zetti nahm er in einer weiteren Sendung auch Halloren Kugeln – laut Hersteller ebenfalls bis heute in Originalrezeptur – unter die Lupe. Und er übte Kritik: kaum Kakao, keine Sahne in der Creme, ein Schokoüberzug, der nicht einmal den Pralinen-Standard erfülle. „Mensch, seid doch ein bisschen großzügiger. Die Zeiten aus der DDR sind vorbei“, sagte Lege im ZDF in Richtung Halle.
Kurze Zeit später kochte es in den Online-Kommentarspalten. Viele Menschen verteidigten die Kultsüßigkeit. Eine Facebook-Nutzerin schrieb etwa: „Der Typ ist eben ein Wessi und versteht nicht, warum wir im Osten unsere Halloren-Kugeln so haben wollen, wie sie sind.“ Ja, warum eigentlich?
Deswegen mögen viele das Traditionelle. Es gibt Sicherheit – das kann auch ein Kaffee sein.
Ralf Dannehl / Röstfein-Prokurist
Ralf Dannehl hat dazu eine eigene Theorie. Er ist Prokurist der Röstfein Kaffee GmbH in Magdeburg, die den aus der DDR bekannten Rondo-Kaffee herstellt. Im Originalverfahren, im Originalwerk, teils mit Originalmaschinen. Hauptabsatzmarkt: Ostdeutschland. Bis heute kandiert Röstfein seine Bohnen zudem. Das macht den Kaffe kräftiger und ist laut Unternehmen ein Alleinstellungsmerkmal in Europa.
Wert auf DDR-Tradition: Firmen pflegen ihr Ost-Image
Dannehl meint: Die Welt wandle sich schnell, überall entstünden neue Unsicherheiten. „Deswegen mögen viele das Traditionelle. Es gibt Sicherheit – das kann auch ein Kaffee sein.“ Röstfein will sich deshalb nicht vom Ost-Image abwenden. „Wir wollen ein Stück Heimat sein.“

Und doch spricht auch Dannehl von einem nötigen „Spagat“. Vor einigen Jahren änderte Röstfein das Design der Verpackungen. Rondo gibt es nun auch als Bio-Variante, als Barista-Edition, als Cappuccino mit Kakao-Note. „Da gab es viel Unmut. Aber wir müssen auch das junge Publikum ansprechen.“
Die Gemengelage ist komplex: Nach der Wende wurden die DDR-Klassiker oft eingestampft, dann wiederentdeckt, nun müssen sie sich durch neue Kunden langfristig behauptet – ohne ihre langjährigen Liebhaber zu verprellen.
Und dann ist da noch die Magie am Gaumen: Die einen mögen ihren Kaffee eben kräftig-kandiert, ihre Schokocreme mit mehr Haselnüssen. Geschmackssache. Andere schmecken zwischen Zucker und Pflanzenfett aber offenbar noch etwas anderes heraus. Vielleicht eine vergangene, glückliche Zeit, Erinnerungen an die Kindheit, an die Heimat.