RB Leipzigs Kapitän im Interview

Willi Orban von RB Leipzig im Interview: „Du darfst nicht lieb sein“

Leipzig - Der RBL-Kapitän spricht über Standard-Gegentore, die Hinrunde, das Schalke-Spiel, Davie Selke und den Zusammenhalt im Leipziger Team.

Von Martin Henkel und Ullrich Kroemer 12.01.2018, 09:54

Für RB Leipzig steht gleich zum Rückrunden-Start am Samstag (18.30 Uhr im Liveticker) ein ganz wichtiges Spiel gegen Schalke 04 an. RBL-Kapitän Willi Orban hat im Interview mit Martin Henkel und Ullrich Kroemer über das anstehende Spiel, die Stimmung in der Mannschaft, das Wiedersehen mit Davie Selke und die Probleme der Hinrunde gesprochen.

Willi Orban, nach fünf Spielen ohne Sieg und vor dem immens wichtigen Auftaktspiel gegen Schalke ist RB Leipzig in einer speziellen Situation. Was hat die Mannschaft unternommen, um sich darauf einzustellen?
Willi Orban: Für uns ist es keine spezielle Situation. Klar waren die letzten fünf Spiele nicht so erfolgreich. Aber wenn man es etwas größer und übergreifender sieht und das gesamte Jahr betrachtet, dann war das sehr erfolgreich. Ja, es war recht intensiv, und am Ende haben wir gespürt, dass es an die Substanz ging, gerade wenn du dann Spiele hast, in denen du dich für deinen Aufwand nicht belohnst. Dennoch ist es so, dass wir uns sammeln konnten in der Pause, jeder konnte Energie tanken. Jetzt wollen wir zuhause natürlich gleich punkten.

Fünf Pflichtspiele in Serie hat RB noch nie verloren, und die Mannschaft kennt die Situation nicht. Ist das nicht speziell?
In meinem ersten Profijahr beim 1. FC Kaiserslautern haben wir mal 16 Spiele hintereinander nicht gewonnen. Das war Druck. Das ist hier nicht so extrem, auch wenn es unser eigener Anspruch ist, es wieder besser zu machen. Jürgen Klopp hat es mal gut gesagt: Die Lust zu gewinnen muss größer sein, als die Angst zu versagen. So sehen wir das auch.

Aber Sie haben doch sicher die Ergebniskrise der vergangenen Spiele analysiert?
Wir haben uns die komplette Hinrunde angeschaut. Vor allem, wo wir stehen würden, wenn wir nicht so viele Tore durch Standards bekommen hätten. Gerade in der Champions League, das war ja beinahe grotesk. Wir haben die Statistik in einem Kuchendiagramm angesehen: Ein relativ hoher Prozentsatz unserer Gegentore haben wir aus Standardsituationen kassiert. Wir wären bestimmt weitergekommen, hätten wir in der einen oder anderen Situation besser verteidigt. Deswegen haben wir in den vergangenen Wochen auch viele Standards trainiert. 

Wie lief das ab?
Wir hatten letzte Woche ein paar Einheiten, da gab es auch blaue Flecke und eine blutige Nase. Aber diese Intensität war gut und wichtig. So muss es im Spiel laufen. Ich bin mir sicher, dass das Kuchenstück mit den selbst verschuldeten Toren nach ruhenden Bällen in der Rückrunde kleiner wird.

Wie erklärt man einem Laien, dass man seine Standardabwehr-Talente in einem halben Jahr verlernt?
Größtenteils ist es eine mentale Frage. Man muss den Willen und die Aggressivität haben, einen Standard mit aller Macht zu verteidigen. Jeder muss bei einem Standard seine Aufgabe erfüllen. Und jeder muss die Verantwortung in so einer Situation für sich und die Mannschaft übernehmen. Seien es die Leute, die im freien Raum stehen, dass sie zum Ball gehen. Oder die Jungs organisieren, die gegen den Mann eingeteilt sind. Keiner darf den Gegenspieler frei einlaufen lassen. Gegen Ende der Hinrunde war es dann so, dass einige in diesen Situationen vereinzelt Konzentrationsprobleme hatten. Das war wie bei einer gesättigten Lösung, irgendwann waren wir übersättigt und dann verlangsamt sich die Reaktion. Dazu kamen viele Ballverluste und wir haben nicht ökonomisch gespielt. Das zieht natürlich auch Energie.

Führen Sie die Standard-Gegentore auch auf eigenes Verschulden zurück?
Klar, ich nehme jedes Gegentor auf meine Kappe. Es ist meine Pflicht dafür zu sorgen, dass es da hinten richtig läuft. Da muss ich in die Verantwortung.

Gibt es Kandidaten in der Abwehr, die man besonders auf ruhende Bälle einstellen muss?
Ja. Es gibt schon einige Jungs, die man situativ ein bisschen wachrütteln muss. Die haben dann zwar andere Qualitäten. Aber hinten sind wir zum Teil noch viel zu lieb. Du darfst aber nicht lieb sein, du musst deinen Gegner auch mal anpacken. Da kann und muss man etwas aggressiver, reifer und abgezockter sein.

Der Kader ist nach zwei Abgängen recht dünn. Braucht es noch Verstärkungen?
In der Viererkette sind wir mit Stefan Ilsanker sehr variabel. Generell ist das schwer zu sagen, kommt auch darauf an, wie weit wir in der Europa League kommen. Aber jeder Mannschaft tun Verstärkungen gut – gerade in der Breite. Am Ende ist das aber nicht mein Job. Unser Sportdirektor wird das alles richtig machen und entscheiden.

Ralf Rangnick hat in der Winterpause Grundsätzliches wie Mentalität und Einstellung kritisiert, die in den letzten fünf Spielen fehlende RB-DNA angemahnt. Hat er Recht?
Wir wissen, dass wir nicht so viele Umschaltsituationen haben. Weil das Spiel anders geworden ist. Teilweise werden wir zu einer anderen Spielweise gezwungen. Wir müssen uns überlegen, wie wir wieder mehr Lösungen mit dem Ball kreieren können. Aber auch, wie wir wieder besser in Umschaltsituationen kommen können. Das heißt, auch mal auf Fehler des Gegners warten zu können. Sie also wieder mehr ins Spiel einzubeziehen. So viele lange Bälle wie in der Liga gegen uns gespielt wurden, sind schon eine Ausnahme. Normalerweise sieht man das in anderen Spielen nicht.

Muss sich die Mannschaft ein Stück weit neu erfinden?
Unser Spiel hat sich grundsätzlich verändert, vor allem auch deshalb weil sich unsere Gegner mittlerweile anders gegen uns verhalten. Es gibt mehrere Komponenten, die dabei eine Rolle spielen. Das hat man schon beim ersten Spiel auf Schalke gesehen. Die standen hinten ganz eng beieinander. Das zwingt uns, unser Spiel zu verändern und weiterzuentwickeln. Klar wollen wir unsere DNA weiter behalten, das sind auch ganz klar unsere Basics im Training: Gegenpressing, Umschaltspiel. Das dürfen wir nicht verlieren. Aber wir müssen uns auch im Ballbesitz weiterentwickeln.

Was braucht es dafür noch?
Wenn ich mich erinnere, wie wir vor eineinhalb Jahren noch mit dem Ball gespielt haben und wie es jetzt ist, dann haben wir schon einen riesigen Schritt gemacht. Jetzt haben wir deutlich mehr Möglichkeiten, wissen aber auch, dass es noch eine Menge Potenzial gibt. Gerade im Spiel über die Außen, oder Verlagerungen von rechts nach links auch oder die Positionierung in der Box - da müssen wir ein Stück weit noch mehr Spielintelligenz entwickeln.

Wie ist die Situation in der Kabine? Es heißt, es hätten sich zu viele Grüppchen gebildet?
Wir haben ein sehr gutes Klima und einen entsprechenden Teamspirit in der Mannschaft. Aber wenn du keine Ergebnisse lieferst, dann wird so etwas natürlich von außen immer gern zu einem Thema gemacht. Es ist ganz normal, dass es in einer größeren Gruppe kleinere Grüppchen gibt. Die arbeiten aber nicht gegeneinander, sondern miteinander, das ist das Wichtigste.

Wie ist es um die Motivation von „Stars” wie Emil Forsberg oder Naby Keita bestellt? Geben noch alle alles für den Erfolg?
Ja, definitiv. Aber natürlich ist die Verantwortung auf den Schultern einiger ziemlich groß. Und dann müssen eben auch junge Spieler wie Naby noch dazu lernen. Es ist immer die Frage: Wie machst du dich locker, wenn alle Blicke auf dich gerichtet sind? Und es ist auch mental nicht einfach, alle drei Tage zu performen. Doch auch das ist ein Lernprozess, da muss man durch.

Haben Sie Emil Forsberg in diesem Jahr schon gesehen?
An diesem Mittwoch habe ich ihn wiedergesehen, er hat positive Energie ausgestrahlt. Das ist ja schon mal sehr wichtig. Aber man sollte ihm jetzt keinen Druck machen. Es war ein sehr intensives Jahr für Emil, gerade wenn ich an die Spiele mit Schweden denke – sehr emotional, viele Auf und Abs. Dennoch ist er nach wie vor unheimlich wichtig für uns.

RB hat sich gegen ein Winter-Trainingslager entschieden. Fehlt Ihnen Portugal?
Mir fehlt die Sonne ein bisschen, sprich Vitamin D. Das tut der Psyche gut. Aber hier in Leipzig haben wir auch super trainieren können, von daher ist alles gut so wie es ist.

Haben Sie auch ohne Trainingslager etwas fürs Teambuilding unternommen?
Wir waren einmal gemeinsam Essen. Aber man darf das nicht falsch verstehen, wir verbringen den ganzen Tag miteinander, trainieren miteinander, essen miteinander, wir sind immer alle mindestens eine Stunde früher am Morgen da. Nach dem Training spielen viele Billard, manche zocken noch Stunden „Siedler von Catan” zusammen. Da muss man nicht auch noch abends etwas zusammen machen. Drei Punkte am Samstag sind das beste Teambuilding, das wir haben können.

Wer sind jetzt eigentlich die Kabinen-Unterhalter, da Davie Selke und Terrence Boyd nicht mehr da sind?
So einen gibt es nicht mehr in der Form.

Hatten Sie eigentlich Kontakt zu Selke während des Spiels gegen die Hertha?
Ja, es gab ein paar Wortwechsel.

Nett?
(lacht) Nicht wirklich. Aber wir sind hier Profis, damit können wir umgehen.

Mit welcher Erwartung gehen Sie in das Spiel gegen Schalke?
Der größte Druck kommt von uns selbst. Wir haben die größten Erwartungen an uns. Wir wollen das Spiel gewinnen, unbedingt. Deshalb habe ich ja nach dem Test gegen Prag auch die Formulierung, wir hauen Schalke weg, gewählt. Positiv und überhaupt nicht überheblich oder übermütig gemeint. Natürlich ist Schalke eine super Mannschaft, die man nicht so ohne weiteres weghaut. Wir brauchen eine breite Brust. Aber die haben wir. Ich habe den Anspruch, dass wir uns wieder für die Champions League qualifizieren. Das will ich schaffen mit der Mannschaft, deswegen bin ich hier.

Und was, wenn das Spiel wieder schiefgeht?
Daran verschwende ich keinen Gedanken. Wir wollen siegen, darauf bereitet sich jeder vor. Ich esse wie ein Spartaner, schlafe auf die Minute genau elf Uhr ein (lacht). Dafür willst du dich einfach belohnen. (mz)