Der Standard-Komplex

RB Leipzig: Wie RBL seine Phobie bei Standardsituationen abstellen will

Leipzig - Immer wieder Gegentore nach Standardsituationen für RB Leipzig: Wie kann der Klub das Problem lösen? Und wurde es zu lange ignoriert?

Von Ullrich Kroemer 21.01.2018, 18:00
Während Freiburg über den Sieg jubelt, herrscht bei Leipzigs Ibrahima Konaté Enttäuschung.
Während Freiburg über den Sieg jubelt, herrscht bei Leipzigs Ibrahima Konaté Enttäuschung. dpa

Am Ende des missratenen Nachmittags im Breisgau unterbreitete Willi Orban dem Trainerteam von RB Leipzig noch einen unorthodoxen Vorschlag. „Vielleicht sollten wir mal zum Handball gehen. Wenn man sieht, wie es da körperlich zur Sache geht, würde es uns vielleicht ganz guttun, mal eine Einheit mitzumachen”, sagte der RBL-Kapitän.

Grund für Orbans Anleihen beim Handball ist ein Problem, das sich gerade zur „Phobie” auswächst, wie Trainer Ralph Hasenhüttl selbst sagte. Beim 1:2 (0:0) in Freiburg kassierte RB Leipzig die Standard-Gegentore zwölf und 13 in dieser Saison – Elfmeter noch gar nicht eingerechnet. Allein sieben der insgesamt neun Gegentore in den vergangenen fünf Spielen resultierten aus ruhenden Bällen. Eine desaströse Quote.

Standard-Phobie kostet RB Leipzig wichtige Punkte

In Freiburg verschenkte RB „fahrlässig”, wie Orban zu Recht anmerkte, binnen vier Minuten die 1:0-Führung durch Timo Werner (65.) durch zwei Eckbälle. Beim Ausgleich durch Janik Haberer (72.) auf Höhe des Elfmeterpunktes pennte Bruma; beim Siegtreffer durch Robin Koch (76.) sprang Konrad Laimer unter dem Ball hindurch, Orban ließ sich von Kapitän Nils Petersen abblocken, und Kevin Kampl schaute dem Ball nur hinterher.

CL gegen Porto (H): 1:3 nach Einwurf, 2:3 nach Eckball
CL gegen Porto (A): 0:1 nach Ecke, 1:2 nach Freistoß
BL gegen Leverkusen (A): 2:2 nach Eckball
CL gegen Monaco (A): 1:3 nach Freistoß
BL gegen Mainz (H): 1:1 nach Freistoß, 2:2 nach Eckball
BL gegen Hertha BSC (H): 0:2 nach Freistoß, 0:3 nach Ecke
BL gegen Schalke 04 (H): 1:1 nach Freistoß
BL gegen SC Freiburg (A): 1:1 nach Ecke, 2:1 nach Ecke

Entnervt sagte Marcel Sabitzer: „Das zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Saison. Wir analysieren das Woche für Woche. Wenn man 1:0 führt, muss man das auch mal über die Zeit bringen und nicht immer so einfach durch Standardsituationen herschenken.”

Je nachdem, welche Studie man bemüht, fällt etwa ein Drittel der Tore in der Bundesliga nach ruhenden Bällen. Um Ecken, Freistöße und Einwürfe abzuwehren, gibt es zwei Abwehrvarianten: Die Verteidigung gegen den Mann und ballorientiert im Raum. RB agiert mit einer Mischform: Hasenhüttl lässt Ecken mit klarer Zuteilung abwehren, Freistöße eher im Raum.

Taktikexperte Professor Daniel Memmert von der DSHS Köln erklärt auf MZ-Anfrage: „Die Verteilung beider Strategien hält sich in etwa die Waage. Bei einer Mann-Mann-Deckung hat die angreifende Mannschaft das Heft des Handelns mehr in der Hand, weil sie durch taktische Laufstrategien Spieler freiblocken kann.” So geschehen beim 1:1, als Orban nicht mehr zu Haberer durchdrang.

RB Leipzig hat die Standard-Schwäche zu lange ignoriert

Trainer Hasenhüttl sprach nach dem neuerlichen Standard-Doppelschlag nun von einer „selbsterfüllenden Prophezeiung. Je größer man das Thema macht, umso mehr wird es auch zur Phobie.” Dabei hat es der Trainer offensichtlich versäumt, dem Standardkomplex schon früher mehr Zeit zu widmen.

Bereits im Herbst in der Champions League war die Schwäche bei ruhenden Bällen eklatant. Doch RBL beschäftige sich im Stress der englischen Wochen mehr mit der Entwicklung des Ballbesitzspiels; da wirkte die Standard-Anfälligkeit noch wie eine lästige Plage, die vorbeigeht, wenn man sie nicht zu sehr thematisiert. Erst in der Winterpause machte RB den Komplex zu einem Hauptthema im Training. Noch ohne Erfolg.

„Wir haben noch ein paar Patronen im Colt”

„Ich finde, dass wir seit der Winterpause schon aggressiver verteidigen, besser am Mann sind, uns aber dennoch nicht entscheidend verbessert haben”, so der Österreicher. So sei das Problem Standards eine „Baustelle, die nach wie vor nicht geschlossen ist und in die wir sehr viel Zeit investieren – mehr als man normalerweise für das Thema übrig hat”.

Um seinem Team auf die Sprünge zu helfen, das einst so fix lernte, dass es für Außenstehende kaum nachvollziehbar war, nun aber seit Wochen auf dem Schlauch steht, wolle der Trainer in den Standard-Einheiten, „immer neue Situationen kreieren, die uns helfen”. Hasenhüttl sagte: „Wir haben noch ein paar Patronen im Colt.” Vielleicht gehört ja auch der Besuch einer Einheit beim Handball dazu. „Wir müssen mal die Köpfe freikriegen und uns von dem Thema lösen”, forderte Orban und schob hinterher: „Und das müssen wir schnell hinkriegen.” (mz)