Mia san Leipzig!

RB Leipzig - FCB: Sieben Gründe für das neue Selbstbewusstsein bei RBL

Leipzig - Der Slogan „Mia san mia” ist eigentlich das Vereinsmotto des FC Bayern München. Doch auch RB Leipzig geht überaus selbstsicher in die beiden Duelle gegen den Rekordmeister (Mi, 20.45 Uhr und Sa, 18.30 Uhr im Liveticker). Fehlt eigentlich nur noch, dass RBL-Trainer Ralph Hasenhüttl in seinem warmen österreichischen Dialekt „Mia san Leipzig” ...

Von Ullrich Kroemer 25.10.2017, 17:40
Selbstbewusst in die Bayern-Woche: RB Leipzig ist zur Zeit in guter Form.
Selbstbewusst in die Bayern-Woche: RB Leipzig ist zur Zeit in guter Form. dpa-Zentralbild

Der Slogan „Mia san mia” ist eigentlich das Vereinsmotto des FC Bayern München. Doch auch RB Leipzig geht überaus selbstsicher in die beiden Duelle gegen den Rekordmeister (Mi, 20.45 Uhr und Sa, 18.30 Uhr im Liveticker). Fehlt eigentlich nur noch, dass RBL-Trainer Ralph Hasenhüttl in seinem warmen österreichischen Dialekt „Mia san Leipzig” ausruft.

Die Gründe für das neue Selbstverständnis am Cottaweg vor der „heißen Pokalnacht” (Hasenhüttl):

Mutige Herangehensweise

So selbstbewusst ist RB Leipzig das Duell gegen ein Topteam noch nie angegangen. Noch vor zehn Monaten ging RB mit viel Ehrfurcht in die Partie. Nun sagt Trainer Ralph Hasenhüttl: „Das wird ein 50:50-Spiel. Wir sind nicht der krasse Außenseiter. Es geht nur darum, zu gewinnen – ob in der regulären Spielzeit, in der Nachspielzeit oder im Elfmeterschießen – ganz egal wie.” Sowohl Selbstvertrauen als auch die Form stimmten im Team, betonte der Chefcoach.

Und anders als vor der Premiere gegen München im Vorjahr glauben das nicht nur Hasenhüttl und Sportdirektor Ralf Rangnick, sondern auch die Leipziger Spieler. Marcel Sabitzer sagte keck: „Man will ja net früher in den Urlaub gehen, von daher hauen wir alles raus. Im Pokal ist alles drin.”

Und Willi Orban prophezeite überzeugt ein „Offensivspektakel”. Der Spielführer kündigte an: „Wir sind jetzt im Rhythmus drin – körperlich und mental. Wir sind reifer geworden.” Mittelfeldmotor Diego Demme sagte unmissverständlich: „Zuhause wollen wir gewinnen.”

Spielerische Einstellung

Hasenhüttl weiß: „Die große Kunst und Herausforderung wird es sein, mutig bei eigenem Ballbesitz zu sein, aber auch nicht leichtsinnig.” Die Mannschaft habe in Dortmund und gegen Porto gemerkt, dass sie auch gegen große Gegner gewinnen kann. Das Hauptaugenmerk des RB-Trainers liegt gegen den FCB auf der viel beschworenen Arbeit gegen den Ball. „Das wird der Schlüssel zum Erfolg sein. Man darf keine Sekunde unkonzentriert sein”, forderte der 50-Jährige.

Weiteres Rezept: Standards durch unnötige Fouls am besten vermeiden oder zur Not konsequenter verteidigen als jüngst beim 3:2 gegen den FC Porto oder beim 4:5 im Mai gegen den FC Bayern. Die Spektakelniederlage der Vorsaison kann dabei durchaus als Blaupause dienen – zumindest die ersten 70 Minuten. „Wir haben uns selbst gezeigt, wie es gehen könnte”, sagt Hasenhüttl.

Das sagt „Taktik”-Professor Daniel Memmert*: „Durch die offensiven Ansagen im Vorfeld wollen auch die Spieler, dass sofort der Funke vom Platz auf die Ränge überspringt. Wir werden von der ersten Minute an das aggressive, offensive Spiel sehen, das wir von Leipzig gewohnt sind, dass hoch attackiert wird, im Mittelfeld viel nachgeschoben wird und die Viererkette hoch steht.”

Taktische Variabilität:

* Professor Dr. Daniel Memmert ist geschäftsführender Institutsleiter am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik der DSHS Köln. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen im Bereich der Sportspielforschung. Memmert ist Herausgeber und Autor von Lehrbüchern zu modernem Fußballtraining. Für die TSG Hoffenheim arbeitete der Heidelberger 15 Jahre lang als Spielanalyst, unter anderem von 2006 bis 2011 für den damaligen TSG-Cheftrainer Ralf Rangnick. Aktuell unterstützt Memmert Red Bull Salzburg mit Analysetools bei Scouting und Spielanalyse im Nachwuchs und gibt den Trainern der Jugendteams in Referaten Impulse für die Nachwuchsausbildung. Seine beiden aktuellsten Bücher heißen „Revolution im Profifußball” und „Elfmeter. Die Psychologie des Strafstoßes”

Der Trainer analysiert: „Wir verfügen mittlerweile über mehrere Gesichter, sind in der Lage verschiedene Systeme zu spielen, können Gegner bespielen, die tief stehen, aber auch wie in Dortmund mit 35 Prozent Ballbesitz gewinnen. Es ist gut, dass wir schwerer ausrechenbar sind.”

Und in der Tat hat RBL nach dem ersten Saisonviertel spielerische Leichtigkeit und Selbstverständnis zurückgefunden. Das Pressingnetz ist wieder dichter und klarer strukturiert, eigener Ballbesitz führt zu schnelleren und kreativeren Lösung in die Tiefe. Sinnbildlich dafür steht Kevin Kampl im defensiven Mittelfeld.

Das sagt Experte Memmert: „Kevin Kampl knüpft an seine späten Salzburger und frühen Leverkusener Zeiten an. Er hat mich offensiv beeindruckt und ich sehe ihn auch in der Defensiv-Bewegung als stark an. Er ist ein Laufmonster. Gerade die Sechser müssen bei RB Leipzig Pässe und Laufwege des Gegners enorm antizipieren, weil sie im defensiven Mittelfeld oftmals in Unterzahl agieren müssen. Das macht er hervorragend.”

Gruppentaktik vs. Individualität

Die klarere Spielidee als der FC Bayern hatte RB Leipzig auch schon in der vergangenen Saison. Doch während die Münchner ihren Stil unter Jupp Heynckes noch suchen und erst dabei sind, Automatismen zu entwickeln, hat RB Leipzig diesbezüglich Vorsprung. Hinsichtlich der technischen Qualität der Einzelspieler hat Rasenballsport derweil Boden gutgemacht.

Das sagt Experte Memmert: „Gruppentaktisch ist RB Leipzig im Vorteil, weil das Team viel länger mit seinem Trainer zusammenarbeitet, Automatismen und Routinen innerhalb der klaren Spielidee weiterentwickelt hat. Bei Bayern hingegen war das Training unter Carlo Ancelotti nicht mehr so zielgerichtet und intensiv. Da fehlen Automatismen, weshalb die Münchner mehr über individuelle Qualität punkten müssen. Aber RB hat auch hinsichtlich der Klasse der Einzelspieler aufgeholt. Das wissen beide Klubs und das spürt auch Bayern München. Zum jetzigen Saison-Zeitpunkt können diese beiden Duelle auf gleicher Augenhöhe ablaufen.”

Verfassung des FC Bayern

Hasenhüttl analysierte, dass der FC Bayern „das Gefühl vermittelt, dass sie wieder kompakter gegen den Ball geworden sind. Wenn man das in Verbindung bringt mit der überragendenden fußballerischen Qualität, die jeder Spieler hat, ist das schon wieder ein anderes Bollwerk, das da auf dem Platz steht.” Doch der RB-Trainer seinerseits vermittelte nicht den Eindruck, als sei ihm angst und bange vor den beiden Vergleichen. Wenn man den Bayern Schwächen aufzeigen wolle, „braucht man gute Automatismen”

Das sagt Experte Memmert: „Die Mannschaft des FC Bayern war hochgradig verunsichert. Die Mehrheit der Leistungsträger konnte nicht mehr mit Carlo Ancelotti arbeiten. Unter Jupp Heynckes sind diese Spieler nun wieder in der Lage, ihre unbestrittenen Qualitäten abzurufen und versuchen sich nun gerade zu finden und zu konsolidieren. Ich erwarte keinen fortschrittlichen Fußball von Jupp Heynckes. Das heißt aber nicht, dass Bayern München seine Ziele nicht verwirklichen kann. Heynckes ist ein Menschenversteher. Gutes Klima ist extrem wichtig, um als Mannschaft Erfolg zu haben. Und es ist schon noch immer etwas Pep Guardiola in dieser Mannschaft drin, da besteht also eine solide Basis.”

Personal

In Bruma (Oberschenkelverletzung) und Stefan Ilsanker (angebrochener Zeh) sind bei RB nur zwei Akteure für das Spiel am Mittwoch fraglich. Bayern München muss mit den Ausfällen von Thomas Müller (Muskelbündelriss), Franck Ribéry (Außenbandanriss im Knie), Manuel Neuer (Mittelfußbruch) und eventuell auch dem angeschlagenen Mats Hummels (Kapselriss im Sprunggelenk) mehr und noch wichtigere Spieler ersetzen.

Doppelduell

Dass RB Leipzig gleich zweimal hintereinander gegen die Bayern ranmuss, ist sicher kein Nachteil für den Herausforderer. Schließlich sind sie bei RBL für besonders detaillierte und gute Spielanalysen bekannt. Verliert RB das erste Spiel, will das Team mit Macht im Ligaspiel die richtigen Schlüsse ziehen und zeigen. Gewinnt RB im Pokal, steht der FC Bayern „dahoam” in der Pflicht.

Das sagt Experte Memmert: „Bei zwei Spielen hintereinander kann man ein Phänomen wie im Tennis erkennen: Wer kann sich in einer Periode von vier Halbzeiten besser auf den Gegner einstellen? Das zweite Spiel ist nicht nur ein Duell auf dem Platz, sondern auch ein Vergleich der Trainer und Spielanalysten, des gesamten Gefüges. Da zeigt sich wunderbar, wer das Talent hat, zu adaptieren.”

Fazit: RB Leipzig geht deutlich besser gerüstet und entwickelt – mental, individuell und gruppentaktisch – in die Partie gegen den Ligakrösus als in der vergangenen Saison. Zwei zumindest offene Spiele sind wahrscheinlich – ein Heimsieg im Pokal durchaus möglich.

Das sagt Experte Memmert: „Ich gehe in dieser Saison stark von einem Drei-, wenn nicht gar Vierkampf an der Tabellenspitze aus. Wir dürfen Hoffenheim nicht ganz vergessen. Das Duell um die Meisterschaft wird viel, viel länger eng bleiben.”

Das Schlusswort hat Ralph Hasenhüttl: „Ich wünsche mir, dass wir im richtigen Licht erstrahlen”, sagte Leipzigs selbstbewusster Trainer.

(mz)