Eil

Teil zwei der Analyse

RB Leipzig in der Analyse: Was RBL noch fehlt

Leipzig - Teil zwei der Saisonanalyse zu RB Leipzig: Was dem Team noch für eine echte Spitzenmannschaft fehlt.

Von Martin Henkel 09.11.2017, 08:00
Vor allem in den Spitzenspielen konnte sich RB Leipzig bislang nicht durchsetzen.
Vor allem in den Spitzenspielen konnte sich RB Leipzig bislang nicht durchsetzen. dpa-Zentralbild

Alles sei eine Frage der Perspektive, heißt es. Oder des Vorurteils. Dass RB Leipzig anders als viele Vereine ist, vor allem der Finanzreserven wegen, die in der Red-Bull-Zentrale in Fuschl am See ruhen, heißt nicht, dass sie die Ansicht vom variablen Standpunkt nicht auch für sich in Anspruch nehmen dürfen.

Also bestimmen die Parameter das Zwischenfazit. Mehrfachbelastung und destruktive Gegner sind zwei davon. Die anderen bestehen aus: Vizemeisterschaft, ein Kader voller Topleute und Geld in der Kasse, mit dem Sportdirektor Ralf Rangnick im Sommer einkaufen durfte, ohne bei jedem Cent auf die Bilanz schauen zu müssen.

Man darf es sich also aussuchen, was die Daten nach dem elften Spieltag bedeuten. Isoliert betrachtet ist RB Zweiter und hat 18 Tore geschossen sowie 13 Tore kassiert. Und im Verhältnis zum Vorjahr? Ist RB einen Rang schlechter und hatte vor einem Jahr eine Trefferbilanz von 23 zu 9. Schnell gerechnet: Die Sachsen haben aktuell fünf Tore weniger geschossen und vier mehr kassiert.

RB Leipzig: Drei Punkte, in denen RBL noch zulegen muss

Standardsituationen und Abwehrverhalten

Dass es vorn nicht mehr zugeht wie 2016, das hat RB nicht allein zu verantworten. Die Gegner sind es, die ihre Hinterhöfe mittlerweile verbarrikadieren. Aber dass es hinten selbst zugiger ist als noch vor zwölf Monaten, das dürfte Hasenhüttl dann doch Kopfzerbrechen bereiten.

Denn RB hat bis auf die Partie gegen Stuttgart in jeder anderen mindestens einen Treffer kassiert. Und nicht selten waren es Tore, die den RB-Aufwand torpediert haben. Wie etwa das 1:1 im Champions-League-Spiel gegen Monaco oder das 0:1 und 1:2 im Rückspiel gegen Porto. Zu verteidigen waren sie alle, auch die zwei Gegentreffer gegen die Portugiesen im Hinspiel, die Leipzigs 3:2-Sieg arg gefährdet hatten.

Immerhin, dass alle fünf Tore nach Standards und hohen Bällen fielen -  Einwürfen, Ecken und Freistößen - erleichtert Hasenhüttl das Nachdenken in der freien Zeit. Er weiß so nämlich schnell, bei welcher Verteidigerstirn er genau nachsehen muss, ob sie sich für das Spiel in der Luft eignet.

Das dürfte vor allem für Neu-Nationalspieler Marcel Halstenberg gelten, der hinten kurioserweise wenig hoch springen kann als im Spiel nach vorn. Ebenso für Lukas Klostermann, der nach seinem Kreuzbandriss immer noch um Anschluss an sein Vorverletzungsniveau ringt. Und für Willi Orban, der zuletzt den Eindruck hinterließ, als könne er das Entwicklungstempo des Kaders gerade nicht mitgehen.

Spitzenreiter in Gelb und Rot

Der Kapitän kann immerhin darauf hinweisen, dass er im jüngsten Spiel gegen Hannover auf der Tribüne saß – und trotzdem handelte sich Leipzig mal wieder einen Gegentreffer ein, der die Partie auf Messers Schneide hob. Nur, warum saß er da?

Einer Roten Karte wegen, die er sich beim 0:2 in München vor knapp zwei Wochen abgeholt hatte. Ein unnötiges Foul, wie Marcel Sabitzer später befand. So spielte RB ab Minute 13 in Unterzahl gegen den Deutschen Meister, womit das Spiel gelaufen war. Zur Halbzeit lagen die Bayern 2:0 vorn, Hasenhüttl sagte später, man hätte zu diesem Zeitpunkt auch nach Hause fahren können.

Die Sachsen haben ein Platzverweisproblem, auch das wird Hasenhüttl zu denken geben. Kein gravierendes, aber wer oben mitspielen will, der braucht nicht nur jeden Punkt, sondern auch jeden Mann. RB ist Liga-Spitzenreiter, was die Summe von Roten und Gelben Karten anbetrifft. Aktuell sind es 19 Verwarnungen und drei Feldverweise, zwei davon mit Rot (Orban, Naby Keita), einer mit Gelb-Rot (Stefan Ilsanker).

Rechnet man die Pokal-Gelb-Rote-Karte von Keita aus dem Pokal-Spiel gegen die Bayern dazu, dann sind es sogar vier. Nur der SC Freiburg ist mit 18 Gelben Karten und drei Platzverweisen annähernd ungestüm.

Zu selten auf Top-Niveau

Alles ist neu. Immer noch. Vergangenes Jahr war es für RB Leipzig die Liga allgemein - das erste Mal Oberhaus. Dieses Jahr ist es die Rolle des Vizemeisters und die das Champions-League-Teilnehmers, Debütanten also auf europäischem Parkett und Spitzenteam daheim. Beide Rollen scheinen noch eine Nummer zu groß. 

Was Hasenhüttl nicht entgangen sein wird, ist der Umstand, wie eng viele Spiele gegen die einheimischen Gegner bisher gewesen sind. Gegen Hannover war es knapp (2:1), gegen Stuttgart (1:0), gegen Dortmund (3:2), gegen Köln (2:1) und gegen Eintracht Frankfurt (2:1). Alle Spiele hätten leicht auch anders ausgehen können.

Vor allem langt RB noch nicht an das Niveau der Topklubs heran, obwohl es sich in deren Klub aufhält. Das Pokalspiel gegen die Bayern war gar nicht mal verdient verloren, RB spielte lange in Unterzahl und rettete sich ins Elfmeterschießen, dort aber wurde der Unterschied deutlich.

Die Bayern schossen wie deutsche Sterotype: mit kalten Herzen. Sie trafen alle. RB bekam das Zittern, alle vier Treffer waren knapp versenkt, ehe Timo Werner seinen verschoss. Eklatant aber war der Unterschied im Rückspiel sowie in den Champions-League-Partien gegen Besiktas Istanbul und in Porto. In beiden Spielen war RB nicht schlechter, aber naiver.

Gegen die Türken wurde ihnen vor der Kulisse die Knie weich, gegen Porto ob der Chance, sich als Gruppenzweiter zu etablieren. Aber Coolness kann man nicht lernen, sondern nur erwerben. Insofern hat Ralph Hasenhüttl an dieser Stelle nicht viel nachzudenken. Gut Ding braucht Weil.

(mz)