RBL-Capo im Interview

Capo von RB Leipzig im Interview: „Zu viele Befindlichkeiten zwischen den Fangruppen“

Leipzig - Im Interview spricht Sebastian (36), Capo bei RB Leipzig, über die Premierensaison für die RB-Fans in der Bundesliga, Entwicklungen und Probleme in der Fanszene wie die Gruppierung L.E. United, Verhältnis zu Klub und Spielern und weshalb er bis Dezember im Fanblock fehlen wird

Von Ullrich Kroemer 18.08.2017, 14:55
Stimmung in der RBL-Fankurve - hinter den Fans der „Roten Bullen“ liegt ein Jahr in der Fußball-Bundesliga.
Stimmung in der RBL-Fankurve - hinter den Fans der „Roten Bullen“ liegt ein Jahr in der Fußball-Bundesliga. imago sportfotodienst

Sebastian (36) war bereits beim ersten Pflichtspiel von RB Leipzig 2009 in Markranstädt dabei und hat seitdem nur wenige Heimauftritte verpasst. Auch auswärts ist er seit den Anfangstagen regelmäßig am Start, wenn es sein Job als Soldat zulässt – einer der Fan-Pioniere von Rasenballsport.

Als Vorsänger, Capo nennen das die Ultras, stimmt der Mann mit der mächtigen Stimme auf dem Ultra-Podest bei den Spielen die Fangesänge an. Im Interview spricht er über die Premierensaison für die RB-Fans in der Bundesliga, Entwicklungen und Probleme in der Fanszene wie die Gruppierung L.E. United, Verhältnis zu Klub und Spielern und weshalb er bis Dezember im Fanblock fehlen wird. Aus privaten Gründen möchte Sebastian nicht mit vollem Namen genannt werden.

Sebastian, Du hast im vergangenen Jahr gesagt, dass die erste Bundesligasaison eine Orientierungssaison für die RB-Fanszene wird. Wie fällt Dein Fazit aus?
Capo Sebastian: Das war auch aus Sicht von uns aktiven RB-Fans eine coole erste Saison. Wir haben uns gerade auswärts wirklich gut präsentiert, hatten richtig gute Stimmung im Block und die Mitmachquote war top. Dass nach Dortmund, München oder Berlin um die 8000 und mehr Leute mitfahren, war ein Selbstläufer. Aber auch bei den anderen Auswärtsspielen waren immer mindestens 1000 Fans dabei – außer in der englischen Woche in Mainz. Was mir bei uns noch etwas fehlt, ist die Bereitschaft, auch an einem Mittwoch-, Freitag- oder Sonntagabend für einen ausverkauften Gästeblock zu sorgen.

Gab es Feedback aus anderen Fanszenen?
Durch meinen Beruf als Soldat lerne ich auch jede Menge aktive Fans aus ganz Deutschland kennen. Es gibt immer wieder Leute aus anderen Fanszenen, die nicht geglaubt hätten, dass wir so geschlossen und lautstark auftreten. Viele andere Fanszenen dachten und denken, dass wir nur Konsumenten sind, Fanartikel kaufen, an jedem Spieltag 20 Getränke unseres Investors zu uns nehmen und dem Geldgeber stumpf hinterherlaufen. Aber dem ist nicht so. Das ist deutlich geworden. Viele unserer Lieder sind zum Beispiel auswärts gut angekommen. Da gibt es hinter vorgehaltener Hand durchaus positive Resonanz.

Was waren für Dich die Höhepunkte der Saison?
Von der Stimmung her war das Auswärtsspiel in Berlin der Höhepunkt. Da haben wir 90 Minuten durchgesungen. Und für mich persönlich war Wolfsburg das absolute Knaller-Spiel. Da bin ich mehr als sonst eskaliert. Ich bin ja ohnehin sehr aktiv auf dem Capo-Podest, aber in der Form habe ich mich selber zum ersten Mal erlebt. Da haben wir noch einmal eine Schippe draufgelegt.

Warum gerade in Wolfsburg?
Vielleicht weil wir unser Megafon in Leipzig vergessen hatten. Da musste das halt mit bloßer Stimme gehen. Die Stimmung hat sich bis in den Oberrang übertragen – ein geiles Spiel. Dabei fing das gar nicht so gut an: Als wir aus dem Bus gestiegen sind, wurden unsere Jungs erstmal beim Wasserlassen von der Polizei abkassiert. Wildpinkeln in Wolfsburg ist sehr teuer (lacht).

Und negative Höhepunkte der Saison wie in Dortmund?
Ich selbst habe von den Angriffen in Dortmund nicht viel mitbekommen, weil ich später angereist bin. Aber ein Fan unseres Fanclubs wurde dort heftig umgeboxt. Das waren teils widerliche Szenen, die sich nicht wiederholen sollten. Aber ich habe dazu auch eine differenzierte Meinung. Wenn ich weiß, dass eine gegnerische Fanszene nicht gut auf uns zu sprechen ist, dann beachte ich das auswärts und behänge mich auf dem Weg zum Stadion nicht mit Fanartikeln wie einen Weihnachtsbaum. Es gibt Regeln, die man bei Auswärtsspielen beachten sollte. Letztlich war die Polizei mit der Situation völlig überfordert. Ich bin mal gespannt, wie die Verantwortlichen das bei unserem nächsten Auswärtsspiel beim BVB im Oktober regeln wollen.

Und Anfeindungen in anderen Stadien?
Das Gedisse wie die „Scheiß-Red-Bull”-Gesänge beeinflusst uns nicht und interessiert uns auch nicht. Wäre ich Marketingchef von Red Bull, würde ich mir ins Fäustchen lachen. Schließlich machen Fans anderer Klubs so bei jedem Spiel aufs Neue kostenlos Werbung für das Produkt, indem sie es immer wieder thematisieren. Wir RB-Fans hingegen versuchen, es eher zu vermeiden, den Sponsor zu nennen. Wir sprechen zum Beispiel eher von Rasenballsport als von RB.

Welche Strömungen und Entwicklungen hast Du in der Fanszene wahrgenommen?
Gerade an den letzten Spieltagen herrschte eine angespannte Stimmung im Block. Es gibt zu viele persönliche Befindlichkeiten zwischen den Fangruppierungen. Da vergessen einige, worum es beim Fußball geht. Ich will zu allererst meine Mannschaft unterstützen und mich nicht auf Facebook mit irgendwelchen Leuten auseinandersetzen.

Wie beurteilst Du die in der Sommerpause viel diskutierte Gruppierung L.E. United, die vorgeben, sich und andere Fans auswärts schützen zu wollen?
Kann man eine Fangruppierung ernst nehmen, die RB-Fans vor Ort schützen oder einschreiten will, wenn etwas eskaliert, aber zum Teil den Titel Tagesvollster verdienen? Ich kann das nicht ernst nehmen.

Wie geht die RB-Fanszene mit L.E. United um?
Der überwiegende Teil im Fanblock steht der Gruppe ablehnend gegenüber. Und auch der Verein hat ein Auge darauf.

Auch politisch gesehen hat L.E. United offenbar durchaus Konfliktpotenzial für die Kurve. Droht eine weitere politische Spaltung der RB-Fanszene?
Konkrete politische Botschaften, wie etwa das Anti-Erdogan-Banner, das beim Spiel gegen Augsburg gezeigt wurde, gehören meiner Meinung nach nicht ins Stadion, weil es dort nunmal vorrangig um Sport geht. Das bringt immer Unruhe und Gegenmeinungen und bietet für eine Fanszene unnötig Konfliktpotenzial. Dass man sich klar gegen Rassismus, Diskriminierung und Homophobie positioniert, ist für uns RB-Fans eine Selbstverständlichkeit. Das hat für mich nichts mit Politik, sondern mit gesundem Menschenverstand zu tun. 

Wie hat sich das Verhältnis zur Klubführung entwickelt?
Die Zusammenarbeit zwischen Verein und dem Capo-Team ist sehr gut. Wir haben uns in der Sommerpause ausgetauscht, arbeiten gut zusammen.

Eine aktuelle Studie bescheinigt RB Leipzig unter anderem in puncto Fanwohlmaximierung noch Nachholbedarf. Aber das siehst Du nicht so?
Es gibt immer Punkte, an denen man arbeiten kann. Wir haben zum Beispiel mal angesprochen, dass der Verein viel für die Fans tut, aber relativ wenig mit den Fans. Da fand ich es eine schöne Geste, dass die Mannschaft nach der Generalprobe gegen Stoke City ein Teamfoto im Fanblock gemacht hat. Vielleicht hat das Gespräch im Vorfeld den Verein zum Nachdenken bewegt.

Wie nah seid ihr den Spielern?
Natürlich wird alles professioneller und die Spieler haben nicht mehr in dem Maße Zeit wie früher, um zum Beispiel zu OFC-Treffen zu kommen. Aber wir können uns nach wie vor mit ihnen austauschen. Das haben wir in der vergangenen Saison zum Beispiel in einem Gespräch mit Dominik Kaiser wahrgenommen.

Die erste Saison in der Champions League wird wieder eine Premiere für die RB-Fanszene. Wie geht ihr das an?
Wir machen uns zum Beispiel schon Gedanken über die Reiseplanungen. Es lassen sich ja schlecht für Hunderte von Leuten Flüge buchen. Wir überlegen etwa, welche preisgünstigeren Alternativen es zu Flügen gibt. Auch darüberhinaus haben wir Ideen, die wir umsetzen wollen. Welche das sind, kann ich noch nicht verraten.

Darf man zum Bundesliga-Auftakt auf Schalke und zum Heimstart gegen Freiburg Choreografien erwarten?
Surprise, surprise.

Wenn man zurückdenkt, wie ihr 2009 angefangen habt, dann müssen Champions-League-Reisen zu den großen Klubs nach Spanien oder England für Euch kaum fassbar sein, oder?
Absolut. Wenn man überlegt, wie wir in Markranstädt mit ein paar Hundert Leuten angefangen haben, und bald stehen wir mit mehreren Tausend Fans in einem der großen Fußballtempel Europas – die Entwicklung ist Wahnsinn!

Du bist als Soldat bis Dezember in Afghanistan stationiert. Wie verfolgst Du die RB-Spiele dort?
Via Bundeswehr-TV. Über eine Kooperation mit Sky kann man auch in Afghanistan die Bundesliga verfolgen. Eine Flagge von RB Leipzig wurde auch schon gehisst und wird zumindest an den Spieltagen immer im Wind wehen.

Und wer vertritt Dich solange als Capo im Block?
Die Spiele während meiner Abwesenheit sind alle abgedeckt. Ich kann mich also ruhigen Gewissens in den Einsatz begeben. Und voraussichtlich Anfang Dezember bin ich ja wieder da. (mz)

Lesen Sie hier ein Interview mit RBL-Capo Sebastian vom März 2016