Rekord-Tiefststände

Rekord-Tiefststände: Können Stauanlagen an der Elbe der Schifffahrt helfen?

Magdeburg - Der Wittenberger CDU-Politiker Sepp Müller will den Fluss anstauen, um Auwäldern und Binnenschiffern zu helfen. Naturschützer sind entsetzt.

Von Hagen Eichler 17.09.2019, 06:00
Die Digitalanzeige des Elbe-Pegels Strombrücke in Magdeburg zeigt Ende Juli 49 Zentimeter an.
Die Digitalanzeige des Elbe-Pegels Strombrücke in Magdeburg zeigt Ende Juli 49 Zentimeter an. ZB

So einen Sommer hatten auch die ältesten Kapitäne noch nie erlebt: 2018 plätscherte die Elbe als Rinnsal dahin, an den Pegeln gab es immer neue Rekord-Tiefststände, monatelang konnte kein einziges Güterschiff Sachsen-Anhalts Elbhäfen anlaufen. Doch das vermeintliche Ausnahmejahr war gar keines - auch in diesem Sommer sah es kaum besser aus. Der Wittenberger CDU-Bundestagsabgeordnete Sepp Müller hat daraus jetzt eine überraschende Schlussfolgerung gezogen: Er will das Wasser der Elbe mit Stauanlagen halten. „Wenn wir nichts tun, verwandelt sich die Landschaft an der Elbe vor unseren Augen in eine Steppe“, sagte Müller der MZ.

Nach eigenen Angaben geht es ihm vor allem um die Auwälder, die durch den anhaltend niedrigen Flusspegel vom Wasser abgeschnitten sind. Zugleich will er die Elbe als Wasserstraße erhalten, also passierbar für Güterschiffe . An diesem Dienstag berät sich Müller in Aken (Anhalt-Bitterfeld) und Dessau-Roßlau mit einer Handvoll weiterer CDU-Bundestagsabgeordneter, deren Wahlkreise an der Elbe liegen. Langfristig will Müller, dass die Unionsfraktion im Bundestag Druck ausübt. Die Elbe werde auf absehbare Zeit nicht mehr Wasser führen, vermutet Müller. „Deshalb müssen wir jetzt überlegen, wie wir das Wasser halten können.“

Der Wittenberger denkt an eine Kette von Stauanlagen mit Schleusen für Schiffe. Wie viele nötig wären und was das kosten würde, lässt er offen. Aber: „Wir haben ein ureigenes Interesse, die Elbe schiffbar zu machen“, sagte er und verwies dabei auf die Bedeutung für die Wirtschaft, die Häfen und die Ausflugsschifffahrt.

Attacke auf einen Konsens

Mit seinem Vorschlag stellt Müller einen Konsens in Frage, den Politik, Wirtschaft und Umweltverbände vor zwei Jahren gefunden hatten. Das „Gesamtkonzept Elbe“ nennt als Ziel, den Großteil des Jahres eine Fahrrinnentiefe von 1,40 Meter zu erreichen. Staustufen sind jedoch nicht vorgesehen - und auch sonstige Baumaßnahmen nur dann, wenn sie auch dem Naturschutz dienen.

Das Bundesumweltministerium unter Svenja Schulze (SPD) lehnt eine Anstauung strikt ab. „Das würde dem Gesamtkonzept Elbe eindeutig zuwiderlaufen“, sagte ein Sprecher. Staustufen stünden den Zielen von EU-Recht entgegen, insbesondere verhinderten sie die Wanderung von Fischen. Das Ministerium fürchtet zudem, dass der Fluss versandet. Auch zur Rettung der Auwälder sei die Idee nicht geeignet. „Sinnvoll“ seien hingehen Projekte wie die Rückverlegung von Deichen wie etwa in Lödderitz (Salzlandkreis).

Kontra bekommt der CDU-Abgeordnete Müller auch von Landesumweltministerin Claudia Dalbert (Grüne). „Staustufen für die Elbe stehen nicht zur Diskussion“, sagte sie der MZ. Das Land halte sich an den Kompromiss, wonach nur dann gebaut werden dürfe, wenn das Ökologie, Wasserwirtschaft und Verkehr zugleich voranbringe. „Staustufen erfüllen diese Voraussetzung nicht, da sie massiv in den natürlichen Flusslauf und damit in das Ökosystem eingreifen.“

BUND: „Die Elbe ist eine Perle, die es zu erhalten gilt“

Die Elbe ist Deutschlands letzter großer natürlich fließender Strom. Andere Gewässer wie Saale, Mosel, Neckar oder Donau sind vom Menschen seit langem stark reguliert. „Die Elbe ist eine Perle, die es zu erhalten gilt“, urteilt Iris Brunar vom Naturschutzverband BUND. Staustufen würden den Auwäldern keinesfalls helfen, sagte sie. „Die Flusslandschaften brauchen wechselnde Wasserspiegel. Bei konstanter Überflutung würde die wertvollen Auwälder absaufen. Das wäre keine Hilfe, sondern der Gau.“

Auch für Deiche hätte ein Anstauen Folgen: Sie sind für kurzzeitige Belastungen konstruiert, nicht für dauerhaftes Stehen im Wasser.

Der Elbanlieger Tschechien plant bei Tetschen (Decin) seit mehr als 20 Jahren eine Staumauer zum Sicherstellen der Schifffahrt. Die Elbe ist für das Binnenland die einzige Wasseranbindung an die Weltmeere. Eine Genehmigung scheiterte jedoch bislang, weil die zu überstauende Fläche in einem Natura-2000-Schutzgebiet liegt. Ausgleichsmaßnahmen sind zwingend nötig - es gibt aber in ganz Tschechien kein Areal, das als Ersatz für das einmalige Biotop dienen könnte. Umweltschützer in Nordböhmen warnen vor Schäden für die Ufer-Vegatation, vor Fischsterben und einem Rückgang des Bibers.

Seit 100 Tagen kein Schiff auf der Mittelelbe

Auf der Mittelelbe in Deutschland ruht die Güterschifffahrt bereits seit Monaten. Der Hafen Magdeburg ist seit 100 Tagen nur noch über den pegelunabhängigen Mittellandkanal erreichbar. Dass sich das ändert, ist nicht in Sicht.

„Wir brächten lang anhaltende Regenfälle im Quellgebiet der Elbe. Davon ist aber nichts zu sehen“, sagte Klaus Kautz vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Dresden.
Im vergangenen Jahr lag die Fahrrinnentiefe zwischen tschechischer Grenze und Geesthacht bei Hamburg an 240 Tagen und damit zwei Drittel des Jahres unterhalb des angestrebten Ziels von 1,40 Meter. Die Summe der 2018 transportieren Güter ging deutlich zurück. (mz)