Rausschmiss folgt „Bannmeile“

Rausschmiss folgt „Bannmeile“: Ex-Leiterin darf sich Kita in Teutschenthal nicht auf 50 Meter nähern

Teutschenthal - Kita in Teutschenthal ist bundesweit in den Medien wegen eines bizarren Streites. Der geht zwischen dem Bürgermeister und der ehemaligen Leiterin nun weiter.

Von Oliver Müller-Lorey

Wenn Simone Linda durch die gläserne Eingangstür in ihre alte Arbeitsstelle blickt, könnte sie dafür schon mächtig Ärger bekommen. Die Kindertagesstätte „Kleine Riesen“, die sie vor einigen Wochen noch leitete, ist für sie eigentlich tabu. Denn der Teutschenthaler Bürgermeister, Ralf Wunschinski (CDU), habe ihr streng verboten, sich Gemeindeeinrichtungen mehr als 50 Meter zu nähern, sagt Linda. Was ist passiert?

„Nach Auffassung der Gemeinde Teutschenthal hat Frau Linda in schwerwiegender Weise gegen ihre arbeitsvertraglichen Pflichten verstoßen“, begründet Wunschinski die Kündigung. Was genau der 50-Jährigen zur Last gelegt wird, darauf geht er nicht näher ein. Dass er  ihr verboten habe, sich Gemeindeeinrichtungen zu nähern, will er aber so nicht stehen lassen. „Ich habe Frau Linda darum gebeten, sich insbesondere von der Kindertagesstätte fernzuhalten. Eine schriftliche Verbotsverfügung wurde jedoch von mir nicht erlassen.“

Linda sieht die Kündigung und die „Bannmeile“ als Höhepunkt eines Kampfes

Linda sieht die Kündigung und die „Bannmeile“ als Höhepunkt eines Kampfes, den Wunschinski gegen sie führe. „Ich bin ein Mensch, der sagt, was er denkt, und damit kommt Herr Wunschinski nicht klar“, meint sie. Bereits kurz nach Amtsantritt sei sie wegen eines Urteils in Ungnade gefallen. Vor Gericht habe sie sich erfolgreich dagegen gewehrt, dass die Gemeinde ihre Wochenarbeitszeit kürzen wollte.

„Aber gegen die Gemeinde klagen, das geht aus Sicht von Herrn Wunschinski gar nicht“, sagt Linda. Ende Juni war sie dann in einen Vorfall involviert, der die Kita schon vor einigen Wochen in die Schlagzeilen brachte: Wunschinski hatte die Betreuungsplätze der Kinder zweier Eltern gekündigt, die ein Problem in der Kita offen angesprochen hatten. Auf einem Ausflug sollen Kinder ohne Kindersitz transportiert worden sein.  Linda habe sich pro Eltern positioniert. Möglicherweise ein Fehler?

Stellvertreterin ist nach MZ-Informationen inzwischen neue Leiterin

„Damals habe ich gesagt, dass es mir in diesem Fall schwerfiel, das Handeln meiner Mitarbeiter nachzuvollziehen“, erinnert sich Linda. Das sei ihr negativ ausgelegt worden. Wunschinski jedoch bestreitet, dass die Kündigung mit dem Vorfall unmittelbar zusammenhänge.

Ab diesem Zeitpunkt habe der Bürgermeister mit ihrer Stellvertreterin gemeinsam gegen sie gearbeitet. Die Stellvertreterin ist nach MZ-Informationen inzwischen neue Leiterin. Selbst Lappalien habe man ihr angelastet, etwa ein lustig gemeintes Schild in ihrem Büro, das zu Gewalt aufrufe. Eine Abmahnung habe sie erhalten, weil sie an einer Gemeinderatssitzung teilgenommen habe, obwohl sie krankgeschrieben gewesen sei. Ende August sei sie in Wunschinskis Büro zitiert und  gekündigt worden.

Mutter eines Kindes: „Bei Frau Linda war es wie im Bootscamp“

Doch gegen Linda werden auch schwere Vorwürfe erhoben: Peggy Eberwein, deren Tochter in die Kita „Kleine Riesen“ geht, habe mitbekommen, wie Linda das Mädchen am Arm gepackt und durch die Einrichtung geschleift habe. Außerdem hätten Kinder zur Strafe Liegestütze machen müssen. „Bei Frau Linda war es wie im Bootscamp“, sagt sie. Ihre Tochter habe nicht in die Kita gehen wollen, wenn Linda Dienst gehabt hätte.

Gegenüber der MZ kündigte Eberwein an, Strafanzeige bei der Polizei stellen zu wollen. Auch andere Eltern berichteten gegenüber der MZ Ähnliches und kündigten rechtliche Schritte an. Eine andere Teutschenthalerin, die anonym bleiben will, belastet die geschasste Leiterin ebenfalls. Kinder hätten, wenn sie einen Bestandteil des Kita-Essens nicht gemocht hätten, gar nichts essen dürfen und während  der Mahlzeit ohne Nahrung auskommen müssen. 

Ex-Kita-Leiterin hält Vorwürfe gegen sie für haltlos

Die Vorwürfe seien haltlos, kontert Linda. „Sowas mache ich prinzipiell nicht. Das ist Quatsch.“ Dass einige Eltern gegen sie aufbegehren, liege daran, dass sie Angst um ihre Betreuungsplätze und vor Bürgermeister Wunschinski hätten.

Unterdessen prüft der zuständige Landkreis Saalekreis, ob Wunschinski Linda überhaupt verbieten dürfte, sich Gemeindeeinrichtungen zu nähern. „Generell kann ein Bürgermeister im Rahmen des Hausrechts Verbote aussprechen“, sagt Kreissprecherin Kerstin Küpperbusch. Aber: „Inwieweit die gegenüber der Kita-Leiterin verfügte ,Bannmeile’ rechtens ist, wird derzeit auch seitens des Landkreises geprüft.“ (mz)