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Absurde Thriller-SerieRasante Räuberpistole - Anti-Olsenbande im Ausnahmezustand

Schnell und gnadenlos, aberwitzig, aber traurig: Mit „Testo“ hat „4 Blocks“-Star Kida Khodr Ramadan ein abscheulich schönes Gangster-Drama voll skurriler Gestalten gedreht. Jetzt in der ARD-Mediathek

Von Steffen Könau 10.02.2024, 07:00
Kida Khodr Ramadan ist als "Keko" (2.v.l.)  Chef einer Anti-Olsenbande voll glückloser Gangster-Gestalten
Kida Khodr Ramadan ist als "Keko" (2.v.l.) Chef einer Anti-Olsenbande voll glückloser Gangster-Gestalten ARD Degeto

Halle/MZ. - ist ein ganz einfacher Plan, Schnell rein, schnell raus, die Taschen voller Geld. Keko, Kongo, Stulle, Pepsi und Barro sind Freunde seit ihren Kindertagen auf dem Hinterhof-Bolzplatz. Aus den großen Träumen, die sie damals teilten, sind zerrüttete Lebensläufe geworden. Vier aus der Gang sitzen gerade im Gefängnis, doch einen gemeinsamen Freigang wollen sie nun für den einen großen Coup nutzen. Die „Bergmann Bank“ soll es sein, ein flotter Überfall, Maske über, Safe auf, Geld raus, und ab, ehe die Polizei überhaupt alarmiert ist.

Willkommen im Paradies

Es kommt natürlich ganz anders in „Testo“, der rasanten Räuberpistole, die sich „4 Blocks“- und „Asbest“-Star Kida Khodr Ramadan für die ARD ausgedacht hat. Nach acht Minuten entdeckt Pepsi den offenstehenden Raum mit den Schließfächern. Das Paradies, von dem der leidenschaftliche Geldschrankknacker schon als Kind geschwärmt hatte. Nach neun Minuten ist ein Wachmann tot und Pepsi schwer verwundet. Nach neuneinhalb ist Bandenchef Keko überzeugt, dass hier mehr zu holen ist als ein paar Taschen voller Bargeld. „Masken sind jetzt egal, wir brauchen einen neuen Plan.“

Aus dem Überfall wird einer mit Geiselnahme, aus dem Kurzbesuch in der Bank ein nervenaufreibendes Drama, das zugleich ein Experiment ist: Zusammen mit Regisseurin Olivia Retzer hat Kida Khodr Ramadan keinen gewöhnlichen Fernseh-Thriller entworfen, sondern eine Serie aus sieben Teilen, die mit den üblichen TV-Standards bricht. Jede Episode dauert nur eine Viertelstunde.

Es treten jede Menge bekannte Fernsehgesichter auf, allerdings weder belehrende Zeigefinger noch private Probleme von Kommissaren oder Kriminellen. „Testo“, abgeleitet vom männlichen Sexualhormon Testosteron, versucht sich als eine Art „Pulp Fiction“ für das öffentlich-rechtliche Spätprogramm. Eigentlich in kurze Teile gestückelt, um ein junges Publikum mit begrenzter Aufmerksamkeitsspanne im Internet abzuholen, lief die Olsenbande auf Speed im linearen ARD-Programm als zweistündiges Gesamtkunstwerk. Allerdings fünfmal unterbrochen durch den Vorspann mit blutroter Schrift, dramatischen Soundwolken und hektischen Betriebsgeräuschen.

Was genau „Testo“ sein will, bleibt über die gesamte Dauer unklar. Ein Star-Ensemble mit Katharina Thalbach, Ruby O. Fee, Uwe Preuss, Stipe Erceg, Frederic Lau und Nicolette Krebitz verwandelt das kammerspielartige Geschehen in eine Klassenfahrt des Fernsehballetts. Ronald Zehrfeld, bekannt als ZDF-Privatermittler Dengler, gibt einen zwielichtigen Einsatzleiter, die Thalbach eine leutselige Polizeipräsidentin, Jeanette Hain („Luden – Könige der Reeperbahn“) spielt die krebskranke und opferbereite Filialleiterin, der Rapper Veysel Gelin, als Abbas Hamady in „4 Blocks“ schon ein Musterbeispiel für muskulöse Aggressivität ohne einen Hauch von Hirn, liefert auch hier wieder eine brachiale Vorstellung als gewissenloser Gewalttäter. Als ihm alles nicht rasch genug vorangeht, setzt er kurzerhand ein Zeichen. Und erschießt eine Geisel.

Sinnlose Tode

Sinnloser ist im deutschen Fernsehen noch niemals getötet worden. Doch weil in „Testo“ ohnehin wenig zusammenpasst, passt das genau. Halb Farce und halb Komödie, halb launige Milieustudie und halb knallharter Thriller, schwankt die Produktion zwischen dem Versuch, ihr Publikum zu erschrecken und es angesichts der Absurdität von Handlung und Dialogen vor Lachen brüllen zu lassen.

Letztlich klappt dann beides nicht bei Kida Khodr Ramadans Versuch, wegzugehen vom „theatralischen Ingwertee-Biotomaten-Film“ und „mal ein bisschen Gas geben, mutig sein, nicht die Sehgewohnheiten bedienen“. Zu stumpf muten die zum Teil improvisierten Dialoge an, zu groß sind die logischen Löcher bis hin zum Happy End, das wohl schon die Tür zur nächsten Staffel öffnet.

Weitere Informationen:

www.ardmediathek.de