Weblog 19. Mai

Weblog 19. Mai: Schweine und Kunst

Wittenberg - Im ersten Kapitel von Moby Dick findet sich die Erkenntnis dass „nur das von Wert erscheint in der Welt, was sich am Kontrast Geltung verschafft“. Dies als gültig vorausgesetzt, muss der letzte Mittwoch in meiner Welt das Prädikat „besonders wertvoll“ ...

Von Peter Benedix 22.05.2017, 18:49

Im ersten Kapitel von Moby Dick findet sich die Erkenntnis dass „nur das von Wert erscheint in der Welt, was sich am Kontrast Geltung verschafft“. Dies als gültig vorausgesetzt, muss der letzte Mittwoch in meiner Welt das Prädikat „besonders wertvoll“ erhalten.

Der Spaß beginnt gegen Mittag, als der Fahrer eines Pritschenwagens an einer Kreuzung im Gesundbrunnen der Auffassung zu sein scheint, sein Fahrzeug wäre durchlässig und dies versucht an meinem Fahrzeug darzulegen. Da ich mit ca. 20 bis 30 km/h auf ihn aufpralle, kann man diesen Versuch als gescheitert ansehen. Er kam von links, ich fuhr geradeaus. Bumms. Aus. Ende.

Personen kamen Gott sei Dank keine zu Schaden allerdings hat mein Auto jetzt laut Gutachten wahrscheinlich nur noch Schrottwert und wollen Sie noch die Pointe des Ganzen hören? Der Unfallverursacher gehörte zum deutschen Zoll, welcher gerade eine verdeckte Übung durchgeführt hatte und im Zuge dessen im laufenden Verkehr wilde Sau gespielt hat.

Na da war aber plötzlich was los, kann ich Ihnen sagen. Eine letzte Bemerkung noch, bevor ich gänzlich den Faden verliere – wussten Sie, dass Bundesfahrzeuge nicht versicherungspflichtig sind? Ich auch nicht. Aber spulen wir den Tag mal vier Stunden weiter, als plötzlich eine Nachricht auf meinem Telefon auftauchte: „Abstimmung: Bestätigt mit drei Enthaltungen“.

Peter Benedix ist Filmregisseur und arbeitet an einer Langzeit-Dokumentation über das Reformationsjubiläum 2017 in der Lutherstadt Wittenberg. Auf der Seite www.mz.de/herz und www.worandeinherz.de berichtet der 36-Jährige über die Fortschritte bei den Arbeiten an dem abendfüllenden Film über seine Heimatstadt. Sie erreichen Peter Benedix per Mail unter [email protected]

Diese fünf Worte beenden einen Marathon den ich so nie gewollt habe aber an dessen Ziel ich nun doch glücklich sagen kann: Die Finanzierung steht! Der Stadtrat hat zusätzliche Gelder für „Woran du dein Herz hängst“ bewilligt und damit uns endlich die Freiheit zu arbeiten geschenkt, für die nicht nur wir, sondern auch viele Menschen aus Wittenberg so lange gekämpft haben.

Danke an jene, die darauf hingearbeitet haben und sich auch durch diverse Gegenwinde nicht haben zurückwerfen lassen. Wir haben noch einen Antrag beim BKM laufen, mit dem wir die Stadtkasse wieder etwas entlasten wollen – hoffentlich gelingt uns das auch.

Wir sehen also, an einem einzigen Tag können die emotionalen Pole mitunter sehr weit voneinander entfernt liegen. Versuchen Sie bitte nicht, dies nachzumachen. Es kann durchaus in Stress ausarten.

Zu einem entspannteren, wenn auch gleichsam aufregenden Thema. Am Donnerstag eröffnete „Luther und die Avantgarde“. Wer jetzt schon mit den Augen rollt und denkt ‚wieder so ein Kram, den keiner braucht‘, der überspringe diesen Absatz bitte, denn ich bin Fan und habe gerade keine Lust auf Objektivität.

Wie auch, denn Kunst und deren Wahrnehmung lebt von Subjektivität.  Jedenfalls war es kurz vor 11 bereits ein sehr heißer Tag und als ich bei der Pressekonferenz einige Kollegen ihre Stative mitten in der Sonne aufstellen sah, dachte ich mir ‚och nö‘ und sollte Recht behalten. Die Hitze wurde langsam unerträglich und die Menschen auf dem Podium versuchten stets mit den wandernden Schatten mitzuhalten.

Es gab ein paar geübte und ein paar weniger geübte Worte, es wurde geklatscht und gedankt und was es halt bei solchen Eröffnungen für die Presse so gibt. Von Lutherischem Mut war die Rede und von der Kraft der Kunst. Mein Blick wanderte jedoch immer wieder zu einem etwas unscheinbar wirkenden Mann am Rande der Veranstaltung.

Kurz vorher waren wir ins Gespräch gekommen und ich hatte ihn schließlich interviewt. Er war russischer Jude und hat ebenfalls eine Zelle im alten Gefängnis mit seiner Kunst ausgestaltet. Er hatte ein echtes Problem mit der Person Luther. In seinen Augen können dessen Leistungen seine damaligen Ansichten über das Judentum nicht aufheben oder auch nur schmälern.

Zwei Stunden zuvor hatte ich gehört, dass es wieder Streit um die Judensau an der Stadtkirche gibt und befragte ihn zu seiner Meinung. Er war dafür, das Relief abzunehmen, aber dafür in ein Museum zu stellen, um ihm Kontext geben zu können. Auch eine Variante. Ich selbst wäre gegen die Entfernung dieses Reliefs und zwar aus zwei Gründen.

Zum einen ist und bleibt es ein Zeugnis seiner Zeit und wie soll man aus der Vergangenheit lernen, wann man deren Bilder stürmt (und jetzt bitte keine Vergleiche zum Dritten Reich).

Zum anderen bin ich auch der Auffassung, das absolut niemand dieses Relief wahrnehmen oder gar dessen einstige Bedeutung erkennen würde, wenn nicht wirklich jeder Stadtführer dort halt machen und den Finger zum Schweine hebend das ganze zum Thema machen würde – und es ist gut, dass dies geschieht, denn dies bildet automatisch den notwendigen Kontext und wir stellen uns damit dem Umstand, dass Luther nun mal nicht nur der lustige Typ auf dem Babystrampler war (schönen Gruß an die Wittenberg Info) sondern sein Erbe auch dunkle Fassetten hat.

Schwieriges Thema? Ganz sicher, aber wie sagte ein befreundeter Stadtführer einst zu mir: Das ist hier eben nicht Disneyland. Noch eine Frage am Rande – ich hatte einst gelernt, dass es Jüdensau heißt. Mit Ü. Aber wenn ich „Wittenberg“ und „Jüdensau“ bei Google eingebe, gibt es nur zwei Treffer. Finden Sie mal heutzutage noch eine Wortkombination mit solch einem Resultat.

Zurück zu „Luther und die Avantgarde“. Ich mach’s kurz. Gehen Sie hin! Es ist vielleicht nicht ganz so gefällig wie das Panorama, aber die Umgebung des alten Gefängnisses und die Vielfältigkeit der Ausstellungen sind wirklich beeindruckend.

Auch wenn die Ausstellung im Rahmen der Weltausstellung und damit durch die evangelische Kirche präsentiert wird, sind die Auseinandersetzungen mit Religion und Glaube erfrischend kritisch und mal ehrlich – eine Außenstelle der Documenta in Kassel zu ein ist auch nicht gerade uncool.

Jetzt gibt es aber noch eine ganz andere Sache zu berichten, denn am gleichen Tage wurde auch das städtische WLAN eingeweiht. Klingt erst mal nach einer drögen Nummer hatte aber durchaus Unterhaltungswert. Es fing damit an, dass der dafür angereiste Wirtschaftsminister keinen Parkplatz fand. Hahaha! Es geht den Menschen wie den Leuten!

Dann gab es wieder Worte und Sätze zum Thema und schließlich begaben sich OB Zugehör und der Herr Minister auf den Markplatz. Dort steht seit kurzem ein roter Kubus mit der Aufschrift „Hier stehe ich“. Auf diesem Kubus kann man dann auch wirklich stehen, was die beiden auch taten und sich feierlich ins WLAN einloggten.

Ja gut…es war mehr witzig als feierlich aber warum denn auch immer so ernst. Klugscheißerwissen am Rande: Ist Ihnen schon mal die Asymmetrie aufgefallen, mit der Luther und Melanchthon auf dem Markt abhängen? Einst sagte man mir, dass es ursprünglich drei Statuen hätte geben sollen – entweder Cranach oder Bugenhagen – hab ich vergessen.

Aber dann war das Geld alle und aus die Maus. An eben dieser freien Stelle kann man nun selbst stehen. Ist doch ne nette Idee. Jetzt gibt es jedenfalls WLAN in der Innenstadt und ich muss sagen, es funktioniert richtig gut. Ach und noch etwas – es gibt jetzt im alten Rathaus den Witteberg Pavillon.

Dort kann man ruhen und raten und ein paar spannende Infos über die Zeit nach 2017 in Wittenberg erfahren. Schauen Sie doch mal vorbei. Ist ja Ihr Rathaus.

Eigentlich gibt es noch so viel mehr zu berichten, aber jetzt muss ich mal langsam ins Bett, denn in ein paar Stunden wird die „Weltausstellung der Reformation“ eröffnet und ich kann mir vorstellen, dass dies nicht uninteressant werden wird. Gute Nacht!