Untreue-Verdacht bei der Volksbank Halle

Untreue-Verdacht bei der Volksbank Halle: Die Affäre Manfred Kübler

Halle (Saale) - Es ist eine konzertierte Aktion von Staatsanwaltschaft und Polizei. Am vergangenen Donnerstagmorgen durchsuchen rund 20 Beamte zeitgleich die Zentrale der Volksbank Halle in der Wilhelm-Külz-Straße sowie zwei Privathäuser des Vorstandsvorsitzenden Manfred Kübler. 13 Kartons mit Akten und Dokumenten sichern sie nach der mehrstündigen ...

Von Jan-Ole Prasse 07.07.2015, 09:40

Es ist eine konzertierte Aktion von Staatsanwaltschaft und Polizei. Am vergangenen Donnerstagmorgen durchsuchen rund 20 Beamte zeitgleich die Zentrale der Volksbank Halle in der Wilhelm-Külz-Straße sowie zwei Privathäuser des Vorstandsvorsitzenden Manfred Kübler. 13 Kartons mit Akten und Dokumenten sichern sie nach der mehrstündigen Aktion.

Es ist der vorläufige Höhepunkt der Affäre um den Vorstandsvorsitzenden, die seit Monaten die Volksbank Halle erschüttert. Der 62-Jährige steht laut Staatsanwaltschaft im Verdacht der Untreue. Auch gegen zwei Aufsichtsratsmitglieder wird ermittelt. „Strafrechtlich kommt es hier aber darauf an, welchen Kenntnisstand sie bei ihren Entscheidung hatten“, sagte Oberstaatsanwältin Heike Geyer.

Die Zuspitzung der Affäre hat auch mit neuen, internen Erkenntnissen der Volksbank zu tun. Anfang Juni ist der neue Prüfbericht des zuständigen Genossenschaftsverbandes Hannover zum Jahresabschluss 2014 erschienen. Er liegt der MZ in Auszügen vor. Darin werden neue Vorwürfe gegen Kübler laut. Dabei geht es vor allem um Dienstreisen und Veranstaltungen, die über die Volksbank Halle abgerechnet wurden.

„Durch den Vorstandsvorsitzenden werden in einem Maße Ausgaben getätigt, die unseres Erachtens nicht mehr mit den geschäftlichen Belangen der Bank zu begründen sind“, heißt es in dem Bericht. So soll Kübler im vergangenen Jahr mehrere Reisen unternommen und Veranstaltungen besucht haben, die mit seinem Hobby als Golfer oder seiner Tätigkeit im Rotary-Club Halle zusammenhängen. Auch Spenden sollen ohne erkennbaren Grund vergeben worden sein.

Auffällige Dienstreisen

Konkret kritisieren die Prüfer zwei Hotelaufenthalte Küblers im Jahr 2014 - einen in der Nähe seines Heimatortes in Baden-Württemberg und einen im Ausland. Dafür seien Kosten in Höhe von rund 2.800 Euro angefallen. „Die Begründungen dazu sind sehr weitgehend. Die für die Hotelaufenthalte angefallenen Kosten liegen zudem deutlich über den Werten, die bei einem Einzelreisenden anfallen würden“, heißt es in dem Bericht.

Auch mit 17 Dienstreisen aus dem Jahr 2013 für insgesamt 11.300 Euro gehen die Prüfer hart ins Gericht. Die Ziele lagen vorzugsweise in Süddeutschland, zumeist in der Nähe des Heimatortes von Kübler. In acht Fällen habe er Bewerbergespräche als Grund der Reise angegeben. Allerdings seien keine Nachweise darüber vorhanden. Die Personalabteilung sei nicht eingebunden gewesen; eine Ausschreibung für die Stellen läge nicht vor. „Personaleinstellungen aufgrund der Gespräche konnten wir nicht feststellen“, so die Prüfer.

Fünfmal soll Kübler als Grund für die Reisen den Einkauf von Kundengeschenken sowie Geschenken für den Aufsichtsrat angegeben haben. In zwei Fällen sei es um die Vorbereitung von Kundenfahrten gegangen. „Derartige Reiseanlässe erachten wir angesichts seiner Aufgaben für einen Vorstandsvorsitzenden ungewöhnlich.“ Hinzu kämen zwei Reisen zu Golf- beziehungsweise Rotary-Veranstaltungen. In allen diesen Fällen würden die einzelnen Übernachtungsbelege auf eine zweite teilnehmende Person hindeuten, „die jedoch gegenüber der Bank nicht benannt wurde.“ Alle Belege sollen laut Prüfbericht vom Aufsichtsratsvorsitzenden abgezeichnet worden sein.

Kübler selbst hat sich zu diesen neuen Vorwürfen nicht geäußert. Die Fragen der MZ zu den Gründen für die Reisen und der Kritik des Genossenschaftsverbandes daran ließ der 62-Jährige mehrfach unbeantwortet.

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Auch die schon seit dem Sommer 2014 im zehnköpfigen Aufsichtsrat bekannten Vorwürfe gegen Kübler konkretisiert der neue Prüfbericht noch einmal. So sei die Vergütung Küblers mehr als doppelt so hoch wie das Gehalt von Vorstandsvorsitzenden vergleichbarer Volksbanken. Nach MZ-Informationen verdient er zwischen 600.000 und 700.000 Euro pro Jahr. Das Gehalt setzt sich aus Grundgehalt und Tantiemen zusammen. „Angesichts der aktuell verschlechterten Ertragslage der Bank steht die Vergütung nach unserer Auffassung nicht mehr in einem angemessenen Verhältnis zu seinen Aufgaben und Leistungen sowie zur wirtschaftlichen Lage der Bank“, schreiben die Prüfer.

Zudem kritisieren sie noch einmal die Kreditvergabe an Kübler. Insgesamt soll der Vorstandsvorsitzende in den vergangenen Jahren 1,35 Millionen Euro Darlehen bekommen haben. Genehmigt vom sogenannten Personalausschuss, einem dreiköpfigen Untergremium des Aufsichtsrates, das für die Vergütung und Kredite der beiden Vorstände zuständig ist. Allerdings soll Kübler bis heute keine Sicherheiten für diese Darlehen hinterlegt haben. Die Prüfer bezeichnen das Risiko, dass die Kredite für die Bank ausfallen könnten, als „latent erhöht“. Auch dazu hat Kübler auf MZ-Anfrage nicht Stellung genommen.

Der Prüfbericht beleuchtet aber auch die internen Verhältnisse in der Volksbank - insbesondere zwischen den beiden Vorständen Kübler und Egbert Alter. So heißt es, dass der Vorstandschef eine „faktisch dominierende Stellung“ innerhalb des Geldinstituts habe. Nach einem Schreiben des zweiten Vorstandes Alter an den Aufsichtsrat vom 26. August 2014 soll er ihm den Zugang zur Eingangspost sowie die Nutzung des Vorstandssekretariats verweigert haben. Zudem habe Kübler nach Angaben der Prüfern einem Mitarbeiter im Vorstandsekretariat einen unbefristeten Arbeitsvertrag gegeben - trotz der ausdrücklichen Ablehnung durch den zweiten Vorstand.

Blockade im Vorstand

Bei Bonuszahlungen an Mitarbeiter soll Kübler seinen Kollegen übergangen haben. So habe er höhere Tantiemen an zwei Angestellte angewiesen, obwohl Alter dem ausdrücklich widersprochen haben soll. Der Prüfbericht kommt angesichts dieser Vorkommnisse zu einem harschen Urteil: „Insgesamt ist das Vieraugenprinzip im Rahmen der Zusammenarbeit im Vorstand aus unserer Sicht so stark beeinträchtigt, dass notwendige Entscheidungen blockiert beziehungsweise mit zeitlichem Verzug getroffen werden.“ Dies betreffe insbesondere Maßnahmen zur Verbesserung der Ertragslage der Bank.

Der Aufsichtsrat der Volksbank hatte angesichts dieser Vorwürfe schon Anfang Juni die Reißleine gezogen und die beiden Vorstände beurlaubt. Der zweite Vorstand Alter ist mittlerweile wieder zurück im Dienst. Der Aufsichtsrat widerrief nach MZ-Informationen seine Beurlaubung am vergangenen Montag. Er soll nun zusammen mit einer vom Genossenschaftsverband interimsmäßig eingesetzten Kollegin das Geldinstitut führen.

Denn für die Volksbank Halle, die auch in Mansfeld-Südharz, im Saalekreis und im Burgenlandkreis aktiv ist, bedeuten die Vorwürfe gegen Kübler eine schwere Belastung. Schließlich führt der 62- Jährige, der ursprünglich aus Schwäbisch-Hall in Baden-Württemberg stammt, die Bank seit Mitte der 90er Jahre, organisierte die Fusionen mit den kleineren Geldinstituten im Umland. Unter ihm baute die Volksbank ihr Geschäft kontinuierlich aus. Die Bilanzsumme und die Spareinlagen der Kunden stiegen stetig. Auch im gesellschaftlichen Leben in Halle war Kübler stark präsent, veranstaltete mit dem Volksbankball jahrelang eines der beliebtesten Events der Stadt. (mz)