Prozess gegen Adrian Ursache

Prozess gegen Adrian Ursache : „In meinem Saal wird nicht geschossen“

Halle (Saale) - Mit einem ersten wirren Auftritt hat der frühere Mister Germany Adrian Ursache klargestellt, dass er mit dem Rechtsstaat weiter spielen will.

Von Steffen Könau
Der ehemalige "Mister Germany" Adrian Ursache (hinten 3.v.r.) spricht im Landgericht in Halle (Saale) vor Prozessbeginn im Gerichtssaal mit Journalisten.
Der ehemalige "Mister Germany" Adrian Ursache (hinten 3.v.r.) spricht im Landgericht in Halle (Saale) vor Prozessbeginn im Gerichtssaal mit Journalisten. dpa-Zentralbild

Er kommt extra ein paar Minuten früher in den Hochsicherheitssaal X01 im halleschen Justizzentrum, in dem die Kamerateams schon warten. Adrian Ursache, Ex-Mister-Germany, Ex-Unternehmer, Ex-Staatsgründer, will Hof halten vor den Objektiven, ehe die Fernsehteams den Raum verlassen müssen. In schwarzem Hemd, grauem Schlips und passgenauem Anzug, eine Fußfessel über den polierten Schuhen und den rechten Arm noch immer von Drähten und Spannern markiert, genießt Ursache seinen ersten großen Auftritt seit einem Jahr.

Damals hatten SEK-Beamte einen Gerichtsvollzieher auf sein Grundstück im Örtchen Reuden bei Zeitz begleitet, um eine Zwangsräumung durchzusetzen. Ursache hatte sich zuvor geweigert, ausstehende Schulden zu bezahlen. Als Begründung gab er an, er müsse das nicht tun, weil er inzwischen Bürger des Staates Ur sei und der bundesdeutschen Justiz nicht mehr unterliege.

Zielte Adrian Ursache auf den Kopf des Beamten?

Einen Beamten der Sondereinheit, die der Anklageschrift zufolge vier Minuten lang versuchte, ihn zum Niederlegen eines Revolvers zu bewegen, schoss Ursache „gezielt auf den Kopf“, so der Staatsanwalt. Nur dem Umstand, dass die kleinkalibrige Kugel am Helmvisier abprallte, verdanke der Beamte mit der Dienstnummer ST 325 sein Leben.

Versuchter Mord, nennt das die Anklage. Als eine Art Selbstverteidigung will es Adrian Ursache verstanden wissen. Der 42-Jährige, der seit der Schießerei in Haft sitzt, zeigt sich auch vor Gericht als der eloquente Redner, als der er vor dem Tattag im August 2016 im Internet eine Fangemeinde aus sogenannten Reichsbürgern um sich versammelt hatte. Ursache, von Beruf Betriebswirt, wedelt auch heute wieder mit dem Grundgesetz, er nennt die Anklage „widerrechtlich“, streitet ab, der Adrian Ursache zu sein, „von dem hier die Rede ist“, und beruft sich auf sein „Recht zum Widerstand gegen aus seiner Sicht nicht rechtsstaatliche Maßnahmen, „weil andere Abhilfe nicht möglich ist“.

Die normalen Verfahrensabläufe ignoriert der gebürtige Rumäne

Die normalen Verfahrensabläufe ignoriert der gebürtige Rumäne, der am Bodensee aufwuchs und der Liebe wegen nach Reuden zog, dabei nach Kräften. Immer wieder platzt er mit Wortmeldungen herein, redet auf die schwerbewaffneten Justizwachleute neben sich ein und animiert das Publikum, genau hinzuschauen. „Ich bin ein politischer Gefangener“, behauptet Ursache, er nennt die Richter „Spinner“ und ruft „wo ist denn der Unterschied zur Türkei?“

Der Vorsitzende Richter Jan Stengel geht auf die meisten Vorhalte des Angeklagten nicht ein. Gelassen führt er das Verfahren, für das noch weitere elf Termine angesetzt sind. Als Ursaches Frau Sandra kurz im Zeugenstand Platz nimmt, um einen neuen Ladungstermin zu erfahren und der Angeklagte ankündigt, er werde seine Frau jetzt küssen, „oder Sie müssen mich erschießen“, kommentiert Stengel knapp: „In meinem Saal wird nicht geschossen.“ Ursache darf küssen. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. (mz)