Paul Biedermann beendet Sportkarriere

Paul Biedermann beendet Sportkarriere : Sehnsucht nach Normalität

Halle (Saale) - In die Ruhe abtauchen zu können ist ein Luxus. Paul Biedermann war das lange nicht vergönnt. Doch nun? Völlig entspannt sitzt Halles Schwimmstar auf dem sonnigen Außendeck eines zur Gaststätte umfunktionierten Ausflugsdampfers. Er schaut auf das Wasser der Saale, auf dem in diesem Augenblick zwei Enten für die einzig wahrnehmbare Bewegung sorgen, genießt in der Postkartenidylle am Ufer in seiner Heimatstadt Halle die Ruhe. Und das in einem T-Shirt mit dem Schriftzug einer Band, mit dem er sich als Anhänger des brachialen Death Metals zu erkennen gibt. Krawall-Musik würden wohl die meist älteren Leute sagen, die an den Nachbartischen von Paul Biedermann auch gerade auf ihr Mittagsessen warten. Ein Widerspruch in ...

Von Petra Szag

In die Ruhe abtauchen zu können ist ein Luxus. Paul Biedermann war das lange nicht vergönnt. Doch nun? Völlig entspannt sitzt Halles Schwimmstar auf dem sonnigen Außendeck eines zur Gaststätte umfunktionierten Ausflugsdampfers. Er schaut auf das Wasser der Saale, auf dem in diesem Augenblick zwei Enten für die einzig wahrnehmbare Bewegung sorgen, genießt in der Postkartenidylle am Ufer in seiner Heimatstadt Halle die Ruhe. Und das in einem T-Shirt mit dem Schriftzug einer Band, mit dem er sich als Anhänger des brachialen Death Metals zu erkennen gibt. Krawall-Musik würden wohl die meist älteren Leute sagen, die an den Nachbartischen von Paul Biedermann auch gerade auf ihr Mittagsessen warten. Ein Widerspruch in sich?

Ende nach den Olympischen Spielen

Für Paul Biedermann nicht. „Das Riveufer ist einfach nur schön“, begründet er die Wahl seines Interview-Ortes. „Ich sitze gerne hier.“ Am liebsten mit der Familie, mit der er danach meist noch einen Spaziergang macht bis zu der Eisdiele nur einen Steinwurf entfernt, in der es Lakritze-Eis gibt.

Paul Biedermann ist bekennender Hallenser. Doch mehr als die Hälfte seines Lebens war der Schwimmstar durch seinen sehr trainingsintensiven Sport so weit weg von einem normalen Leben, dass er sich nach dem Alltag sehnt. Der 30-Jährige hat nach den Olympischen Spielen seine Karriere beendet. „Ich werde jetzt auf jede Geburtstagsfeier gehen“, verspricht er. „Ich freue mich auf die Familie, mich da jetzt mehr einbringen zu können.“ Eine Freundin gehört im Augenblick nicht dazu. Letztes Jahr hatten er und Schwimm-Olympiasiegerin Britta Steffen sich nach fünf Jahren getrennt.

Nicht mehr im Kontrollsystem

Das Kapitel Leistungssport ist beendet. In Rio hatte Paul Biedermann seinen letzten Auftritt im Becken. Mit Platz sechs konnte sich der Weltrekordler zwar nicht das Erfolgserlebnis verschaffen, das er sich erhofft hatte. Und doch bot die olympische Bühne den idealen Zeitpunkt zum Aufhören. Noch in Rio hat er sich beim Schwimmweltverband abgemeldet - und sein Karriere-Ende damit offiziell gemacht. „16 Jahre war ich im Antidopingsystem“, erzählt er ganz pragmatisch. Ein großer Schritt also. Doch er erzählt ohne nostalgische Anwandlung. „Du füllst ein Formular aus und zwei Tage später bist du auch schon raus.“

Angstfrei Steak und Kuchen essen

Ganz unspektakulär kehrt er also in das zivile Leben zurück. Paul Biedermann muss nun nicht mehr ständig und überall für Doping-Fahnder erreichbar sein. Er gönnt sich sein Steak im Restaurant, ohne befürchten zu müssen, es könnte mit Clenbuterol verseucht sein. Beim Grillen zu Hause braucht er nicht mehr die Extra-Wurst. Und er freut sich auf Mohnkuchen, wann immer er Appetit hat. Weil Mohnsamen Morphin beinhalten, hätte diese Leidenschaft für ihn als Sportler zur Dopingfalle werden können.

So ganz verinnerlicht hat Paul Biedermann aber noch nicht, dass nun ein neuer Abschnitt in seinem Leben beginnt. Nach den Strapazen zuletzt, dem auf ein furioses Finale ausgerichteten Training mit bis zu 15 Kilometern täglich im Wasser, ist jetzt Regeneration angesagt. Selbst wenn er nicht aufgehört hätte, wäre er gerade im Feierabend-Modus. Vor Oktober kehrt Paul Biedermann nicht in die Schwimmhalle zurück.

Die Jungs wird Biedermann vermissen

Vermeiden lassen wird sich das aber dann nicht mehr. Der Körper muss sich langsam von den enormen Belastungen entwöhnen. Abtrainieren heißt das im Fachjargon. „Statistiken sagen, dass du zwei Jahre lang 50 bis 60 Prozent deiner früheren Trainingsleistung bringen sollst“, erklärt Paul Biedermann und muss selbst dabei lachen. Hieße für ihn nämlich mindestens sechs, sieben Kilometer am Tag weiterschwimmen bis er 32 ist. Ist das überhaupt realistisch? Paul Biedermann zuckt mit den Schultern. Darüber will er sich jetzt noch keine Gedanken machen. Das schlauchende Training wird er ganz sicher nicht vermissen. Die Leute schon, mit denen er so viel Zeit verbracht hat. Die Jungs aus seiner Trainingsgruppe und auch die in der Nationalmannschaft hat er im Laufe der Jahre schätzen gelernt. Die Kontakte werden bestimmt nicht abreißen.

Joggen geht nicht

Mit Yannick Agnel, dem Olympiasieger von 2012 aus Frankreich, steht er lose in Verbindung. Zukünftige Besuche sind nicht ausgeschlossen. Und sein Trainer Frank Embacher? „Ich glaube nicht, dass wir uns oft sehen werden. Er hat seine Arbeit, und ich werde die Schwimmhalle erst mal meiden.“ Noch immer siezt er den Mann, der ihn zum Bezwinger des unbezwingbaren Rekordolympioniken Michael Phelps gemacht hat. „Das ist alte DDR-Schule“, sagt Paul Biedermann. Und: „Er hat mir ja noch nicht das Du angeboten.“

Ob sich das ändern wird? Er weiß es nicht. Bei anderen Dingen ist er sich sicher. Seine Essgewohnheiten zum Beispiel. Nach bis zu 5.000 Kilokalorien hatte sein Körper in Hochzeiten verlangt. Davon muss er wegkommen. Joggen als Gegenmittel ist keine Option. „Dafür bin ich zu schwer, und ich werde ja auch nicht leichter werden“, sagt der 1,93 Meter große 98-Kilo-Mann. Bleiben Krafttraining, Mountainbiken - er ist nicht nur mangels Fahrerlaubnis mit dem Rad zum Interview gekommen - und eben doch wieder Schwimmen. „Vielleicht probiere ich etwas Neues aus“, sagt er. Bergsteigen? Oder Snowboarden, also vielleicht etwas Extremes? „Ich glaube, die letzten Jahre waren extrem genug.“

Viele interessante Bekanntschaften

Ihn reizt das ganz Normale, das bisher so unnormal war. Ausschlafen, zum Eishockey gehen, ohne besorgt sein zu müssen, sich möglicherweise erkälten zu können, Konzert-Besuche planen oder andere Dinge, die ihm Spaß machen, Elsterglanz zum Beispiel. Dass das witzige Duo aus dem Mansfeldischen zu seinem Bekanntenkreis zählt, verdankt Paul Biedermann seinem Prominenten-Status. „Ich habe einige interessante Menschen im Laufe der Jahre kennengelernt“, bestätigt er. Seine Erfolge als Schwimmprofi hatten ihm schon so manche Einladung beschert.

Dass ihn wildfremde Menschen auf der Straße ansprechen, empfindet er als angenehm. „Ich finde es schön, wenn die Leute auf einen zukommen und Mut zusprechen wollen. Einer hat mir gerade erst gesagt, das nächste Mal wird es Gold.“ Er hat ihm erklärt, dass es kein nächstes Mal geben wird.

Zwei Job-Angebote

Der Absolvent des Sportgymnasiums wird nun versuchen, beruflich Fuß zu fassen. Beim Tag der Offenen Tür der MZ verriet er am Sonntag, dass er Sportmanagement studieren wolle. „Das wird im Fernstudium geschehen.“ Gar nichts zu tun, kommt für ihn nicht in Frage. Klar hatte er während seiner Aktivenzeit einige Förderer und Werbeverträge. „Ich konnte mir etwas zurücklegen, so dass ich meinen Sport machen konnte. Das war für mich okay. Aber sorgenfrei in die Zukunft gucken? Nein!“ Zwei Angebote hat er aus dem Sport, das hat er schon vor Rio gesagt.

Beim Tag der Offenen Tür der MZ am Sonntag konnte Paul Biedermann die drei Zahlen ohne Nachdenken zum Besten geben: 1:42,00 Minuten, 3:40,07 und 1:39,37. Dies sind seine drei noch immer gültigen Weltrekorde über 200 Meter, 400 Meter und 200 Meter auf der Kurzbahn, die er allesamt im Jahr 2009 aufstellte.

In jenem Jahr feierte Biedermann seine größten Erfolge. Mit den Rekorden besiegte er bei der WM in Rom den schier unschlagbaren Star Michael Phelps (USA).

Bei der WM 2011 in Shanghai war er mit dreimal Bronze (200/400 m Freistil, 4x100 m Lagen) bester Deutscher. Die Heim-EM 2014 in Berlin war ein weiterer Höhepunkt, dort holte er Gold (4x200 m Freistil) und Silber (200 m). Bei der WM 2015 in Kasan folgte noch einmal Bronze (200 m Einzel).

Für welches er sich entscheiden wird, sagt er jetzt noch nicht. „Ich gehe das alles entspannt an. Es war immer alles durchgeplant, jetzt ist erst einmal nichts geplant, das finde ich gut.“ Sagt es und widmet sich in aller Ruhe seinem gerade gekommenen Mittagstisch: einem Schnitzel mit Pfifferlingen. (mz)