Morde an der Pfännerhöhe in Halle

Morde an der Pfännerhöhe in Halle: Sieben „Samurai“ seit 20 Jahren gesucht

Halle (Saale) - Vor 20 Jahren töteten Zigarettenhändler in Halle zwei Konkurrenten auf offener Straße. Die Verdächtigen stehen bis heute oben auf der Fahndungsliste - ohne große Chance, je gefasst zu werden.

Von Steffen Könau 24.01.2014, 22:07

Vor 22 Jahren töteten Zigarettenhändler in Halle zwei Konkurrenten auf offener Straße. Die Verdächtigen stehen bis heute oben auf der Fahndungsliste - ohne große Chance, je gefasst zu werden.

„Es ist kurz vor elf Uhr vormittags, als am 26. Januar vor 22 Jahren die Gewalt losbricht. Jagdszenen an der halleschen Pfännerhöhe, ein Dutzend Männer schlagen und treten aufeinander ein, mit Baseballknüppeln wird zugeschlagen und einige Beteiligte schwingen sogar Samurai-Schwerter. Blut auf der Straße. Verletzte schreien. Sirenen. Zwei Männer liegen leblos auf der Straße, alle anderen rennen fort. Passanten stehen fassungslos an der Straßenbahnhaltestelle, Autofahrer glauben, in Dreharbeiten für einen Gangster-Thriller geraten zu sein.

Aber nein. Was damals passiert, am helllichten Tage auf offener Straße in der größten Stadt des Landes, ist ein neuer Höhepunkt im Krieg zwischen Zigarettenschmuggler-Banden um die lukrativen Vertriebsrechte auf dem halleschen Markt. Umkämpft ist dieser besonders umsatzträchtige Platz schon seit dem Ende der DDR, als viele der vom SED-Politbüro als billige Arbeitskräfte in die Arbeiter- und Bauernrepublik geholte Vietnamesen arbeitslos werden und den illegalen Verkauf von in osteuropäischen Fabriken nachgemachten Markenzigaretten als neues Geschäftsfeld entdecken.

Mit grenzenloser Brutalität

Skrupellos und mit grenzenloser Brutalität wird zwischen den bald entstandenen organisierten Banden um Marktanteile gerangelt. Gruppen wie die nordvietnamesische Nghe-Tinh-Gang - zu deutsch „die Barmherzigen“ - stehen gegen die Hanoi-Gang. Händler werden überfallen, Lager ausgeraubt, Familien bedroht. Im Dezember 1992 schlagen Vollstrecker eines Kartells einem Mitarbeiter eines anderen in Halberstadt mit einem Samurai-Schwert eine Hand ab, die andere verstümmeln sie schwer. Im November 1993 stürmen zehn Männer mit Pistolen und Samurai-Schwertern eine Wohnung in Weißenfels. Sie fesseln und misshandeln die Bewohner, erpressen 20.000 Mark und fliehen.

Und nun diese Schlacht, die mit zwei Toten und zwei Schwerverletzten endet. Polizei und Staatsanwaltschaft sind nicht erst jetzt alarmiert, doch gerade im Milieu der damals sogenannten „gelben Mafia“ stoßen die Ermittler immer wieder an ihre Grenzen. Kleine Straßenhändler wie den Feinmechanikingenieur Le Van Ngo, der 1988 als Teil eines vietnamesischen „Leistungsimportes“ (DDR-Amtssprache) nach Deutschland gekommen war, werden zwar erwischt. An die großen Fische aber ist kaum ein Herankommen.

"Es herrscht das Gesetz des Schweigens."

Denn Zigarettenhandel ist ein allzu lohnendes Geschäft für alle Beteiligten: Die Industrie liefert die Stange für elf Mark. Polnische und russische Großhändler bitten ihre Vertriebe mit 15 Mark pro Stange zur Kasse. Raucher zahlen bei Händlern wie Le Van Ngo das Doppelte. 750 Millionen Mark verdienen die Banden jährlich mit dem Straßenverkauf der unversteuerten Glimmstängel. Den Schaden hat der Finanzminister, dem pro Jahr eine Milliarde Euro entgeht.

Selbst wenn Männer wie Le Van Ngo angeklagt werden, das Geschäft brummt. „Es herrscht das Gesetz des Schweigens, Zeugen fallen um oder erscheinen nicht“, beschreibt Reinhard Beer, damals Sprecher des Landeskriminalamtes, das den Kampf der Behörden gegen die Vietnam-Connection bundesweit koordiniert. Van Ngo sieht das Schweigen als Teil des Berufs: Wer zu viel rede, sagt er, rede bald gar nicht mehr.

Sonderkommission "Samurai" mit ersten Festnahmen

Doch in den Stunden nach den Samurai-Morden von Halle sieht es so aus, als könne sich diesmal alles ändern. Es gibt Zeugen, es gibt sogar Fotos von der Tat, schon am Nachmittag gibt es die ersten Namen möglicher Täter und keine 24 Stunden später meldet die Sonderkommission „Samurai“ erste Festnahmen. Sy Loan Bui ist unter den Festgenommenen, ein schwächlich wirkender kleiner Mann mit glattem Haar. Zeugen glauben, Bui öfter als Schutzwache im Umfeld von bekannten Verkaufsecken gesehen zu haben. Sieben weitere Haftbefehle werden erlassen. Weil der Verdacht besteht, dass die Mörder aus Tschechien eingereist sind, werden alle Grenzübergänge genau kontrolliert. „Wir ermitteln mit Hochdruck“, versichert Halles Polizeipräsident Günter Hermann.

Aber nur zwei der Gesuchten werden gefasst. Der 32-jährige Van Viet H. bestreitet, an dem Überfall beteiligt gewesen zu sein, wird aber bereits zwei Monate später zu zwölf Jahren Haft wegen zweifachen Totschlags verurteilt. Sein mutmaßlicher Mittäter Sy Loan Bui dagegen muss wieder auf freien Fuß gesetzt werden, weil nicht ausreichend Beweise gegen ihn vorliegen. Zwei Jahrzehnte nach dem Bluttag an der Pfännerhöhe ist er einer der sieben Samurai, die im Zusammenhang mit dem Doppelmord von 1994 und der abgehackten Hand von Halberstadt bis heute auf der LKA-Liste der meistgesuchten Kriminellen stehen.

Die Ermittler kennen die Namen, die Geburtsdaten, sie haben Bilder und sie wissen, dass die Gesuchten wahrscheinlich ständig eine Waffen bei sich führen. Aber ihre Chance, die Flüchtigen zu fassen, liegt inzwischen bei nahezu Null. „Einer der Anführer hält sich in Vietnam auf“, beschreibt Staatsanwalt Klaus Wiechmann. Aber wie alle Staaten liefert das südostasiatische Land seine eigenen Staatsbürger nicht ins Ausland aus. Die übrigen Verdächtigen sind gar ganz von der Bildfläche verschwunden. Die seit 20 Jahren bestehenden Haftbefehle können nicht vollstreckt werden, weil es keine neue Spur der Samurai gibt. „Allerdings“, sagt Klaus Wiechmann, „verjährt Mord nicht, so dass auch die Mittäter von damals nicht hoffen können, dass eines Tages nicht mehr nach ihnen gesucht wird.“

Schwarzmarkt weiter lukrativ

Die Situation auf dem Schwarzmarkt ist nach Angaben von Oberstaatsanwalt Andreas Schwieweck heute nicht mehr vom Maß an Gewalt geprägt, das in den Jahren nach der Menschenjagd von Halle zu noch mehr szeneinternen Morden führte. Immer noch aber ist es höchst gewinnbringend, Zigaretten schwarz zu verkaufen, schließlich hat sich doch die Tabaksteuer seit 1994 mehr als verdoppelt. Nur die Händler, die vorm Supermarkt sitzen, gebe es nicht mehr. „Heute bedienen die Betreffenden eher einen festen Abnehmerkreis.“

Wie beim Pizza-Dienst wird ins Haus geliefert. Bekannt sind auch Fälle von halbprivaten Verkaufstreffen bei interessierten Gastgebern. Solche an Tupperpartys erinnernde Termine sind so wenig öffentlich, dass Polizei und Staatsanwaltschaft kaum eine Chance haben, zuzuschlagen. „Es ist dadurch schwer, den Verfolgungsdruck hoch zu halten“, sagt Schwieweck.

Klar sei dennoch, dass es sich beim illegalen Zigarettenhandel auch ohne die gnadenlose Brutalität früherer Jahre um organisierte Kriminalität handele, die Profite mit allen Mitteln verteidige. Schweigen gehört dazu: In Fällen, in denen Ermittler aus den Umständen der Tat herauslesen, dass es sich um Auseinandersetzungen im längst nicht mehr nur von Vietnamesen dominierten Milieu handeln könnte, herrscht in der Regel völlige Funkstille über die Hintergründe. Selbst Opfer sind nicht bereit, Hinweise zu geben. Denn wer redet, dabei ist es geblieben, sagt bald gar nichts mehr. (mz)