Umweltbundesamt in Dessau

Umweltbundesamt in Dessau : Plastik als Kunst- Ausstellung über Werkstoff und Müll

Dessau-Rosslau - Die Ausstellung "Plastic Obsession" im Umweltbundesamt Dessau beschäftigt sich mit Kunststoff.

Von Kai Agthe 10.08.2016, 11:17

Das Umweltbundesamt ist als Architektur eigentlich schon Kunstwerk genug. Dennoch werden seit 2005, seit dem Umzug der Bundesbehörde von Berlin nach Dessau, im sogenannten Forum - dem großzügig bemessenen und öffentlich zugänglichen Lichthof des Gebäudekomplexes am Wörlitzer Platz - mit schöner Regelmäßigkeit Ausstellungen zum übergreifenden Thema „Kunst und Umwelt“ gezeigt. Kuratiert werden sie seit 2012 von Fotini Mavromati, der Kunstbeauftragten der von den Mitarbeitern und den Dessauern kurz „Uba“ genannten Einrichtung.

Dass das 1974 gegründete Umweltbundesamt nach Dessau übersiedelte, geht zurück auf einen Beschluss der Föderalismuskommission von 1992. Das Umweltbundesamt ist eine von drei Bundesbehörden, die in der Folge von West nach Ost umzogen. Das Bundesarbeitsgericht fand sein neues Domizil in Erfurt, das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. 1 500 Bedienstete gehören heute zum „Uba“, das seit 2014 von Maria Krautzberger geleitet wird. Schon in seinen Berliner Jahren waren Kunstausstellungen ein ebenso fester wie öffentlichkeitswirksamer Bestandteil der Arbeit dieser Institution.

Aktuell sind in Dessau 25 Arbeiten von acht Künstlern zu sehen, die sich mit dem Phänomen Kunststoff beschäftigen. „Plastic Obsession“ heißt die Schau, die vor allem „zum Nachdenken über Nachhaltigkeit anregen will“, wie Mavromati sagt. Denn Plaste ist nicht nur ein unverzichtbarer Werkstoff, sondern nach ihrem Gebrauch hartnäckiger Müll, der kaum verrottet und so eine ernsthafte Gefahr für die Weltmeere und deren Lebewesen darstellt. Viele Millionen Tonnen Plaste-Abfälle treiben heute in den Ozeanen. Die Hoffnung, dass sich das Problem auf natürlichem Weg lösen mag, ist jedoch illusorisch: 450 Jahre soll es etwa dauern, ehe sich eine im Meer treibende Pet-Flasche zersetzt hat.

In Vogelmägen gefunden

Eine Künstlerin, die auf die Vermüllung der Meere und deren fatale Folgen für das globale Ökosystem hinweist, ist Swaantje Güntzel (43). Mögen ihre Objekte auch mit verblüffend einfachen Mitteln entstehen, so ist deren Aussagekraft doch enorm, weil erschütternd. So etwa die Arbeit „Magen-Inhalte XXL“. Bei der handelt es sich um einen roten Warenautomaten, in dem durchsichtige Kugeln bunte Inhalte bergen. Derartige Apparate stehen oft in Einkaufspassagen und erfreuen Kinder, die für wenig Geld eine kleine Überraschung bekommen. Böse Überraschungen bietet hingegen der von der Hamburgerin gefüllte Automat: Die Plastestücke, die in Güntzels Kugeln eingebettet sind, sind zwar auch Spielzeuge, gelangten aber ins Meer und wurden dort von Seevögeln verschluckt, die, aufgrund von Form und Farbe, glaubten, es handle sich um Meerestiere. Diese durch Obduktion der Vögel „wiedergewonnenen“ Plasteteile erhielt die Künstlerin von Wissenschaftlern, die auf Hawaii Mageninhalte („Stomach Contents“) verendeter Vögel analysierten.

Nicht minder verblüffend sind Güntzels drei Leinentücher, bei denen es auf den ersten Blick den Anschein hat, als ob die Stickmaschine wild geworden wäre. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass hier Bewegungsmuster von Gegenständen in den Weltmeeren wiedergegeben werden. „15FXZ“ etwa zeigt, wie sich ein mit einem GPS-Gerät ausgestattetes Stück Müll von 2008 bis zum Erlöschen des Signals 2013 in den Ozeanströmungen bewegte.

Güntzel, die auch durch subtile Provokation nachdenklich stimmt, ist selbst Teil eines Kunstwerks: Das Foto „Mikroplastik II“ zeigt ihr mit Plastestücken beklebtes Gesicht. Diese Partikel fand sie am Strand von Lanzarote auf nur einem Quadratmeter. Ihre blutige Nase darf als Hinweis verstanden werden, dass wir mit Plastemüll nicht nur den Meeren, sondern auch uns Gewalt antun.

Während Güntzel aus harten wissenschaftlichen Fakten Kunst macht, wählt Andreas Blank (Jahrgang 1976) einen eher spielerischen Ansatz, der auch mit Verfremdung arbeitet. Seine Exponate machen zwar glauben, sie seien aus Plaste, doch seine weiße Kunststofftüte („Untitled“) ist ebenso aus Alabaster gearbeitet wie seine Tupperdose in „Still Life 22“. Auch wenn es gestattet wäre, sollte man nicht in Blanks schwarze Gummistiefel, die zum Objekt „Floorpiece With Boots“ gehören, schlüpfen, weil die nicht aus weichem Kunststoff geformt, sondern täuschend echt aus Serpentinit-Gestein gehauen und geschliffen wurden.

Abfall wird zu Künstler-Gold

Aus Stroh Gold zu spinnen, ist ein ebenso alter Traum wie aus Nichts Bonbons oder eben aus Müll Edelmetall zu machen. Jan Kuck (38) hat Nespresso-Kapseln so in Kunstharz eingegossen, dass sie den Eindruck von Goldbarren erwecken. „Black Gold“ (Schwarzes Gold) heißen diese Objekte, die zeigen, dass nutzlose Dinge, Abfälle mithin, auch unter der Hand von Künstlern neuen Wert erhalten können.

Von dem Berliner Künstler stammt auch jenes „Packet-Soup I“ betiteltes Schwimmbecken, das nicht mit Wasser, sondern mit Kunststoffbeuteln gefüllt ist. Darin baden will keiner. Auch nicht in vermüllten Weltmeeren. Und so sagt uns die Kunst in Dessau: Zeit zum Handeln, Menschheit!

„Plastic Obsession“, Umweltbundesamt Dessau, Wörlitzer Platz 1, bis zum 8. September, Mo-Fr 9-18 Uhr, Eintritt frei (mz)