Medizin-Campus Steintor

Medizin-Campus Steintor: In Halle eröffnet in wenigen Tagen die neue Zahnklinik

Halle (Saale) - Was lange dauert, wird doch noch gut. In Halle eröffnet in wenigen Tagen die neue Zahnklinik. Von dem Millionenprojekt profitieren nicht nur Studenten, sondern auch viele Patienten. Es wurde mit Hilfe einer ungewöhnlichen Spendenaktion möglich.

Von Walter Zöller

Hans-Günter Schaller steht in einem hellen Behandlungszimmer, so wie es Patienten vom Zahnarztbesuch kennen - nur dass es ganz neu ist. Er zeigt auf eine Buchse, an die das Kabel einer Mini-Kamera angeschlossen werden kann.

Ein Zahnarzt wird sie schon bald in den Mund eines Patienten führen, die Kamera liefert dann Bilder der besonderen Art: Auf einem Bildschirm kann sich der Patient zum Beispiel den Backenzahn hinten rechts anschauen, der seit Wochen schmerzt und wie eine Großbaustelle für einen Dentisten wirkt. Ein Klick genügt, und auf dem Bildschirm ist in einer Simulation zu sehen, wie der Zahn nach getaner Arbeit des Zahnarztes aussehen wird. Der Patient ist also voll im Bilde. Insgesamt gibt es 36 dieser Behandlungsplätze - alle identisch eingerichtet.

Schaller ist Geschäftsführender Direktor des Departments für Zahn-, Mund- und Kiefernheilkunde an der Uniklinik Halle. In seiner Verantwortung liegt ein Großprojekt, das nach jahrelangem Tauziehen nun fertig ist. In wenigen Tagen wird auf dem Medizin-Campus Steintor an der Magdeburger Straße die neue Zahnklinik eröffnet, die viel mehr als Mini-Kameras zu bieten hat und weit über Halle hinaus von Bedeutung ist.

Zahnklinik auf dem Medizin-Campus Steintor Halle: Keine weiten Wege mehr

„Das ist ein Meilenstein in der Ausbildung des zahnärztlichen Nachwuchses in Sachsen-Anhalt“, sagt Schaller. Raumordnung und Arbeitsabläufe seien jetzt so, wie sie in einer Zahnklinik sein müssten. Auch die Patienten würden davon profitieren. „Es gibt keine weiten Wege mehr, alles ist an einem Ort“, versichert er.

Ortswechsel. Jetzt steht der Zahnmediziner im Untergeschoss jenes Gebäudes, in dem früher die Chirurgie beheimatet war. Schaller lässt keinen Zweifel daran, dass hier gebüffelt werden soll: „Der Saal ist der Kasernenhof der zahnmedizinischen Ausbildung“, sagt er. Zwar mit einem Augenzwinkern, aber auch mit gehörigem Ernst in der Stimme. „Hier müssen die Studenten üben, üben, üben, bis alle Eingriffe wie selbstverständlich funktionieren.“

Bis zur Eröffnung der neuen Ambulanz am 4. September in der Magdeburger Straße hält die Zahnklinik am Harz 5 eine Notfallambulanz mit fünf Behandlungsstühlen offen.

Wer Zahnschmerzen hat, kann später die neue Ambulanz aufsuchen. Nach der Erstuntersuchung werden nach Angaben von Klinikchef Hans-Günter Schaller für die weitere Behandlung jeweils Termine vergeben. Die Wartezeit soll dann maximal 20 Minuten betragen.

Der Lehrbetrieb in der neuen Zahnklinik beginnt am 9. Oktober. Zuvor findet am 12. September ein Festakt statt, an dem auch Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) teilnimmt. An der Zahnklinik studieren derzeit rund 220 Frauen und Männer, 45 Erstsemester werden im Oktober beginnen. Sie werden von 40 Zahnmedizinern betreut.

Die Zahnklinik befindet sich auf dem Gelände des Medizin-Campus Steintor an der Magdeburger Straße. Es ist neben dem Uniklinikum in der Ernst-Grube-Straße in Kröllwitz der zweite große Standort der halleschen Universitätsmedizin.

Dort befinden sich unter anderem das Ausbildungszentrum für Gesundheitsfachberufe, die Institute für Rechtsmedizin, für Umwelttoxikologie und für Pathologie. Ein größerer Teil der alten Klinikgebäude ist saniert, weitere Projekte sollen in den kommenden Jahren umgesetzt werden.  (zö)

In diesem langgestreckten Saal werden Studenten über Monate an 21 Arbeitsplätzen nicht nur das unfallfreie Bohren üben. Die hochmodernen Simulationseinheiten haben alles, was eine richtige Arztpraxis auch hat: Viel technisches Gerät sowie Patienten, oder besser gesagt Plastikköpfe samt Gebiss, an denen die verschiedensten Behandlungen geübt werden können.

Jeder Behandlungsplatz ist mit einem zentralen Computer verbunden, von dem aus die Lehrkräfte sich jederzeit in die Bohrbemühungen der Studenten einschalten und Fehler korrigieren können. „Auf diesen Saal mit seinen technischen Möglichkeiten bin ich richtig stolz. Dagegen wirken unsere bisherigen Simulationseinheiten, die 1995 beschafft wurden und damals dem Standard entsprachen, wie Modelle aus der Zeit Heinrich des Achten, also sehr veraltet“, sagt Schaller.

Einweihung der neuen Zahnklinik in Halle hat lange Vorgeschichte

Wer verstehen will, welche Bedeutung die Einweihung der neuen Zahnklinik hat, muss knapp fünf Jahre zurückblicken. Damals war die Universitätslandschaft in heller Aufregung: Der Wissenschaftsrat hatte der Medizinischen Fakultät in Halle ein schlechtes Zeugnis ausgestellt; dem damaligen Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) schien der Rotstift das liebste Handwerkzeug zu sein; in Halle grassierte die große Sorge, die Eigenständigkeit der Uniklinik sei in Gefahr. In dieser Situation kam es am alten Standort der Zahnklinik in der Großen Steinstraße - einem ehemaligen Bankgebäude - zu einem großen Wasserschaden. Die Zahnklinik zog zum Teil in ein Provisorium in der Nähe der Mensa am Harz.

In normalen Zeiten hätte das Lande viele Hebel in Bewegung gesetzt, um das Problem rasch zu lösen - am sinnvollsten mit einem Umzug in ein saniertes altes Klinikgebäude. Zumal die Zahnmedizin-Ausbildung in Halle bundesweit einen hervorragenden Ruf hat - damals wie heute. Doch die Zeiten waren nicht normal. Das Engagement des Landes für die Zahnklinik hielt sich in Grenzen.

Und in dieser Situation geschah in Halle etwas, was seinesgleichen sucht: Unter der Federführung der Landesärztekammer und der CDU-Mittelstandsvereinigung lief eine Spendenaktion unter dem Motto „Zahn um Zahn“ an. Daran beteiligten sich viele Hallenser. Für den Klinikerhalt wurde während eines Opernballs getrommelt, eine namentlich nicht genannte Hallenserin spendete sogar 25 000 Euro. Und Hartmut Möllring (CDU) - damals Wissenschaftsminister in jener Landesregierung, die die Zahnklinik nicht oben auf der Prioritätenliste hatte - übernahm die Schirmherrschaft der Aktion. Eine ungewöhnliche Doppelrolle. Nach Angaben der Präsidentin der Landesärztekammer Simone Heinemann-Meerz kamen so rund 90 000 Euro zusammen.

Die Irrungen und Wirrungen aus diesen Tagen sind Geschichte. Der Medizinischen Fakultät geht es viel besser, Bullerjahn ist im Ruhestand und dessen Nachfolger im Amt des Finanzministers, André Schröder (CDU), jubelt: „Zahnklinik endlich saniert“ - für knapp 13 Millionen Euro.

Das Geld scheint gut angelegt. Davon können sich auch Patienten ab 4. September überzeugen. Dann öffnet die neue Ambulanz. Dank der kassenärztlichen Zulassung ist die Klinik für jeden offen, der Probleme mit den Zähnen hat. Jährlich werden 14.000 bis 16.000 Behandlungen registriert.

Empfang und Wartezimmer sind großzügig angelegt - wie alles in der Klinik. Die lichtdurchfluteten Räume wirken einladend; dazu trägt das Farbkonzept bei, in dem weiß und hellgrau dominieren. Die Behandlungszimmer verfügen über eine „zeitgemäße technische Ausstattung“, wie es Schaller leicht untertrieben formuliert. Zum Arbeitsgerät der Zahnärzte zählen etwa auch digitale Röntgentechnik und ein digitaler Volumentomograph, mit dessen Hilfe 3D-Bilder von Zähnen und Kiefer gemacht werden können.

Zahnarztausbildung in Halle: Bohren unter Aufsicht

Gebohrt, poliert oder gezogen wird unter anderem in einem zweiten großen Saal, in dem sich Behandlungsplatz an Behandlungsplatz reiht. Hier müssen auch Studenten ran, die genug im „Kasernenhof“ geübt haben. Ohne praktische Erfahrung am lebenden Objekt funktioniert die Zahnarztausbildung nicht.

Dass mancher Patient sich nicht unbedingt von einem Studenten in den Mund schauen lassen will, kann Schaller nachvollziehen. Er hält Bedenken aber für unbegründet. „Die Studenten lernen in den ersten sechs Semestern die verschiedenen Behandlungsmethoden wie Kinder das Fahrradfahren“, sagt er. Erst wenn sie wirklich sicher seien, dürften sie ab dem siebten Semester Patienten behandeln - unter Aufsicht der Ausbilder. Die Studenten gingen dabei sehr sorgfältig zu Werke.

Und im Übrigen kann der Patient auch Nein sagen. Dann bohrt ein vollständig ausgebildeter Zahnarzt.  (mz)