1. MZ.de
  2. >
  3. Lokal
  4. >
  5. Nachrichten Halle
  6. >
  7. Mit Video: Lage am Hermesareal in Halle dramatisch - Zwangsstopp für Tram droht

Nach Einbruch der ParacelsusstraßeMit Video: Lage am Hermesareal in Halle dramatisch - Zwangsstopp für Tram droht

Die Suche nach der Ursache für die Havarie am Hermesareal in Halle erweist sich als schwierig und könnte noch weitere erhebliche Folgen für den Verkehr haben. Halles Straßen sind aber generell ein Problem.

Von Dirk Skrzypczak Aktualisiert: 08.12.2023, 12:56
In der Paracelsusstraße klafft ein gigantisches Loch. Arbeiter suchen dort nach dem Grund für die Absenkung der Fahrbahn.
In der Paracelsusstraße klafft ein gigantisches Loch. Arbeiter suchen dort nach dem Grund für die Absenkung der Fahrbahn. Foto: Dirk Skrzypczak

Halle (Saale)/MZ - Der Schlund ist gewaltig. Auf der viel befahrenen Kreuzung Paracelsusstraße/Äußere Hordorfer Straße haben Bauarbeiter einen mächtigen Krater freigelegt. Vor einer Woche war dort die Fahrbahn abgesackt.

 
Straßeneinbruch in Paracelsusstraße in Halle: Lage am Hermesareal dramatisch - Zwangstopp für Tram droht.(Bericht: Christian Kadlubietz)

Seitdem wird nach der Ursache gesucht. Als wahrscheinlich gilt ein Leck in einer Trinkwasserleitung. Aus dem Rohr mit dem stolzen Durchmesser von 80 Zentimetern soll Wasser ins Erdreich sickern. Sedimente werden weggespült, Hohlräume bilden sich. Die Straße bricht ein. So das vermutete Szenario.

Straßeneinbruch in Paracelsusstraße in Halle: Straßenbahn betroffen?

Donnerstagmittag hat sich an dieser Theorie nichts geändert, allerdings ist der Havarieort am Hermesareal da noch nicht gefunden. „Mitten auf der Kreuzung, wo er sein sollte, ist er nicht“, sagen Arbeiter der MZ.

Deshalb wird die Straße in Richtung der Straßenbahngleise der Linie 1 (Frohe Zukunft) geöffnet – aus der Richtung drückt das Wasser in einem kleinen Rinnsal in die Grube. Das Problem: „Wenn das Rohr unter den Schienen kaputt ist, steht die Tram still. Und die Arbeiten ziehen sich hin“, heißt es vor Ort. Dass der geplante Fertigstellungstermin am 15. Dezember gehalten werden kann, glaubt auf der Baustelle angesichts der Havarie keiner mehr.

Nun hat der vermeintliche Rohrbruch in der Paracelsusstraße und die daraus resultierende Sperrung nichts mit den verschlissenen Straßen zu tun, die in Halle überall zu finden sind. Gefühlt war es noch nie so schlimm vor Beginn eines Winters.

Schlechte Straßen in Halle: Zu wenig Geld für Instandhaltung

Und man mag sich kaum vorstellen, in welchem Zustand die kaputten Fahrbahnen erst sind, wenn der Frost gewichen ist. Norbert Schültke, Fachbereichsleiter für Mobilität in der Stadtverwaltung, spricht von einem Fehler im System, unter dem alle Städte leiden würden. „Seit Jahren wird viel zu wenig Geld in die Instandhaltung von Straßen investiert. Das rächt sich irgendwann“, sagt er.

 
Video vom 21.05.2023: Schlaglöcher in der Burgstraße, der Freyburger Straße und in der Liebenauer Straße. Die Stadt Halle hat zu wenig Geld für die Ausbesserungen. Das Dreifache wäre nötig, um alle Löcher zu schließen. (Bericht: Anna Lena Giesert)

Der Investitionsstau im 646 Kilometer langen halleschen Straßennetz addiert sich mittlerweile auf geschätzte 80 Millionen Euro. Laut Schültke gibt es wissenschaftliche Berechnungen, nach denen die Eigentümer von Straßen pro Jahr und Quadratmeter etwa zwei Euro einsetzen müssten, um die Bausubstanz zu halten. „Das wären für Halle neun Millionen Euro im Jahr“, sagt der Mobilitätsmanager.

Im Haushalt für 2024 stehen für Verkehrsanlagen zwar 6,3 Millionen Euro drin – mehr als in diesem Jahr. Davon sind aber nur 2,5 Millionen Euro tatsächlich für Straßensanierungen und eine weitere Million Euro zur Beseitigung von Winterschäden geplant. Zwei Millionen Euro fließen in die Instandhaltung von Rad- und Gehwegen, über 800.000 Euro für die Straßenentwässerung an die Stadtwirtschaft HWS.

Lesen Sie auch: Mit Video: Schlagloch-Alarm für Autofahrer in Halle - Kaputte Straßen und Millionen-Stau

Ergo: Die Schäden nehmen nicht ab, sie nehmen zu. „Ohne ein staatliches Förderprogramm werden wir den Konflikt nicht lösen. Darauf warten alle Städte.“ Und selbst wenn man die 80 Millionen Euro bekäme, könnte man sie nicht sofort verbauen. „So viele Baufirmen, wie man bräuchte, gibt es gar nicht. Und wir können auch nicht die Stadt lahmlegen.“

Risiko von Einbrüchen in Halle groß durch Bergbau

Dafür verabschiedet sich der Ratshof von der Flickschusterei. So sollen die Merseburger Straße in Ammendorf, die Paracelsusstraße und die Trothaer Straße im nächsten Jahr großflächig erneuert werden.

In Ammendorf wollte die Stadt eigentlich auf den Um- und Ausbau der Verkehrsanlagen im Rahmen des Stadtbahnprogramms warten. „Allerdings haben wir von der Havag die Auskunft bekommen, dass die Umsetzung wohl erst Anfang der 2030er Jahre beginnt. Solange können wir nicht warten“, sagt Schültke.

Lesen Sie auch: Nächste Staufalle in Halle: Kröllwitzer Straße im Dezember dicht

Unterdessen lauern unter dem Paulusviertel noch Gefahren, die sich schwer einschätzen lassen. Was nur noch wenige wissen: Im 19. Jahrhundert waren hier wie in der Frohen Zukunft oder in Nietleben Bergbaukammern und Schächte angelegt worden, um Braunkohle zu gewinnen. Dass noch immer das Risiko besteht, dass es zu Einbrüchen kommen kann, zeigte sich 2010 und 2011.

Damals hatten sich auf einem Bolzplatz der Dürer-Schule und in einer Gartenanlage im Paulusviertel plötzlich tiefe Löcher aufgetan. Zeitzeugen hatten deshalb die Vermutung geäußert, dass der Schaden in der Paracelsusstraße auch eine Folge des Altbergbaus sein könnte.