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Getrennt nach 60 Jahren LiebeKein gemeinsamer Lebensabend?: Familienstreit entzweit zwei Rentner aus Dessau

Dessau - Zwei Dessauer Rentner ziehen nach Thüringen - und sind nun unfreiwillig getrennt. Tochter kämpft für gemeinsames Leben. Doch der Riss in der Familie ist tief.

Von Lisa Garn 22.08.2017, 09:42
Ein Familienstreit entzweit die beiden Senioren
Ein Familienstreit entzweit die beiden Senioren imago stock&people

Es ist eines der fast letzten Dinge, die die Tochter für ihre Eltern tun will. Seit Monaten kämpft Grit Leiste, die ihren richtigen Namen nicht nennen will, um ihre 81 Jahre alte Mutter und den 85-jährigen Vater wieder zusammenzubringen.

An diesem Dienstag hätten sie ihren 60. Hochzeitstag feiern sollen. Doch das Paar trennen fast 200 Kilometer: Er wohnt in Thüringen, sie ist Ende 2016 wieder zurück nach Dessau gezogen.

Nicht, weil sie sich nicht mehr liebten. Sondern, weil ein tiefer Riss durch die Familie geht - und der gerichtlich eingesetzte Betreuer des schwer dementen Vaters einen Umzug nach Dessau ablehnt.

Inzwischen beschäftigen sich Anwälte und Gerichte mit dem Fall, der ein Beispiel dafür ist, dass das Betreuungssystem an Grenzen stoßen kann und Menschen drohen verloren zu gehen.

Gebrochenes Versprechen der Enkelin?

Der Bruch begann Anfang 2015. Da zogen die hoch betagten Rentner zur Enkelin, der Tochter von Grit Leiste, in den thüringischen Saale-Orla-Kreis. Über 50 Jahre hatten sie zuvor in Dessau gelebt. In Thüringen erwartete das Paar ein Mietkauf-Haus, in dem die Enkelin mit Ehemann und zwei Kindern lebt - mit einer Vereinbarung, sich die Kosten zu teilen.

„Meine Tochter hatte ihnen versprochen, dass man sich um alles kümmern würde“, sagt Grit Leiste. „Doch das waren vorgegaukelte Versprechungen - meine Eltern sind dort verwahrlost und haben mindestens 30.000 Euro verloren.“

Leiste hat Einblick in die Kontoauszüge. „Jeden Monatsanfang wurden 1.000 Euro abgebucht, aber zusätzlich hier mal 200 Euro, da mal 500 Euro.“ Die Betreuungsverfügung für beide und Zugriff auf das Konto hatte die Enkelin.

Streit zwischen Tochter und Enkelin entzweite das Paar

Grit Leiste war zu Besuch gewesen, sah, dass es den Eltern nicht gut ging und veranlasste eine gerichtliche Prüfung der Betreuungstätigkeit. Ende 2016 entzog das Amtsgericht der Tochter die Zuständigkeit und bestellte einen gerichtlichen Betreuer für den Vater.

Für die Mutter ist Grit Leiste als Betreuerin eingesetzt. Dass es eine getrennte Zuständigkeit gibt, liegt an dem Streit in der Familie. Tochter und Enkelin werfen sich gegenseitig vor, ausschließlich eigene Interessen zu vertreten. Der Vater kann durch die Demenz nicht mehr selbst entscheiden - es brauchte einen neutralen Betreuer.

Im Dezember 2016 zog die Mutter zurück nach Dessau und lebt nun in einem Pflegeheim. „Sie hatte schwere Krankheiten, war monatelang in Kliniken. Als sie sich auch noch das Becken brach, habe ich gesagt: Schluss jetzt.

Du kommst jetzt nach Hause. Nur für meinen Vater ging das nicht“, so Leiste. Seit über einem halben Jahr hat sich das Paar nicht gesehen. „Ich vermisse ihn, er soll bei mir sein“, das sagt die Mutter immer wieder. „Sie hält das zweite Bett in ihrem Zimmer für ihren Mann frei. Er könnte dort jederzeit einziehen.“

Betreuer des Vaters schließt eine Zusammenführung in Dessau aus

Doch der Betreuer aus Thüringen hält eine Zusammenführung für unmöglich. „Ihrem Wunsch kann nicht nachgekommen werden“, schrieb er vergangene Woche in einem Brief, der der MZ vorliegt.

„Die Reise ist unter Anbetracht der gesundheitlichen Situation meines Klienten nicht zumutbar.“ Die Ehefrau könne aber kommen - zu Besuch. Für Grit Leiste sind die Sätze nicht verständlich. „Das ist reine Schikane. Mein Vater schafft so eine Fahrt, ich würde ihn abholen.“

Leiste hat nun einen Anwalt eingeschaltet, um die Verlegung des 85-Jährigen nach Dessau zu erreichen. „Was der Betreuer da macht, ist unmenschlich. Es muss doch über allem stehen: dass ein Paar, das sein ganzes Leben geteilt hat, wieder vereint wird. Die beiden können jetzt nicht mal ihre diamantene Hochzeit feiern.“

Zusammenführung wichtig für die seelische Gesundheit

Zu den Vorwürfen äußert sich der Betreuer vom Betreuungsverein Saaletal auf MZ-Anfrage nicht.

Dessau-Roßlaus Sozialdezernent Jens Kraus will den konkreten Fall nicht einschätzen, sagt aber allgemein: „Dass alte Menschen ihren Lebensabend zusammen verbringen, muss oberste Priorität sein.“ Für eine Demenz-Krankheit gebe es in einem Pflegeheim besondere Konzepte: „Am Ende geht es immer darum, dass es ein gewohntes Umfeld gibt. Das können solche Einrichtungen.“

Auch der Betreuungsverein in Dessau schätzt eine Zusammenführung von Paaren als wichtig für die seelische Gesundheit ein. „Wir hatten kürzlich einen Fall“, sagte eine Mitarbeiterin, „bei dem wir einen Umzug zum Partner nach Brandenburg organisiert haben.“

Zeilen des Gerichts machen Hoffnung

Im Februar war Grit Leiste zum letzten Mal mit der Mutter in Thüringen. „Meine Tochter hat mir ein Hausverbot ausgesprochen. Es gibt nichts mehr zu reden.“ Tief enttäuscht hätte auch die 81-jährige Mutter mit der Enkelin gebrochen.

Leiste hat ihre Tochter angezeigt - und Landkreis, Amtsgericht und Landgericht eingeschaltet. In Betreuungsverfahren üben die Gerichte eine Kontrollfunktion aus.

Nach einem Termin vor Ort schrieb das Landgericht Gera jetzt: Ein Gespräch mit dem 85-Jährigen war „kaum möglich, weil er kaum folgen kann“. Er habe aber gesagt: „Ich bin ganz alleine hier.“ Das Haus wird im Schreiben als kaum renoviert und kaum altersgerecht beschrieben.

Die Zeilen des Gerichts machen Leiste Hoffnung. „Ich werde weiter kämpfen, damit der Betreuer abgesetzt wird. Die beiden müssen ihre letzten Jahre gemeinsam verbringen.“ (mz)