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Ringelröteln in Sachsen-Anhalt auf Vormarsch Warum Ringelröteln für Schwangere gefährlich sind

Kinder haben großfleckige Rötungen, erst auf den Wangen, später auch am restlichen Körper. Eine eher ungefährliche Infektion, doch sie kann für das ungeborene Kind tödlich sein.

Von Tatjana Bojic und Lutz Würbach Aktualisiert: 11.06.2024, 10:57
 Fieber gehört zu den möglichen ersten Symptomen bei Ringelröteln.
Fieber gehört zu den möglichen ersten Symptomen bei Ringelröteln. Foto: DPA

Die Zahl der gemeldeten Fälle von Ringelröteln ist in Deutschland und mehreren anderen EU-Staaten seit Anfang des Jahres deutlich gestiegen. Obwohl Infektionen mit dem Parvovirus B19 (B19V) normalerweise erst im Frühjahr und Frühsommer gehäuft auftreten, habe es hierzulande bereits zwischen Januar und März einen deutlichen Anstieg der Inzidenz gegeben, sagt Martin Enders vom Konsiliarlabor für Parvoviren in Stuttgart. Sven Seeger, Chefarzt Geburtshilfe im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle, und die Amtsärztin der Stadt, Christine Gröger, bestätigen diese Tendenz auch für Sachsen-Anhalt. Besonders für Schwangere stellt eine Infektion ein Risiko dar.

Vermehrt Komplikationen

Infolge der sehr hohen Inzidenz würden vermehrt B19V-bedingte fetale Komplikationen in der Schwangerschaft wie Fehlgeburten (Aborte) und Flüssigkeitsansammlungen (Hydrops) gemeldet, sagt Enders. Die Komplikationen treten laut Enders am häufigsten bei Infektionen vor der abgeschlossenen 20. Woche auf.

Was Eltern über Ringelröteln wissen sollten: Ringelröteln sind sehr ansteckend. Zur Ansteckung kommt es über erregerhaltige Tröpfchen, die beim Husten, Niesen oder über verunreinigte Hände verteilt werden. Auch Schmierinfektionen – gegebenenfalls sogar über Türklinken – können die Viren verbreiten. Bei den meisten Erwachsenen und Kindern zeigen sich Grippesymptome wie leichtes Fieber mit einer Schwellung der Lymphknoten. Nicht immer entwickelt sich der typische Hautausschlag.

Die Ansteckungsgefahr

Ansteckungsgefahr besteht für Menschen, die noch nicht an Ringelröteln erkrankt sind. Wer die Infektion überstanden hat, ist ein Leben lang geschützt und erkrankt nicht noch einmal. Schwangere stecken sich nach Auskunft von Enders am häufigsten bei Kindern an, meist im eigenen Haushalt oder im Arbeitsumfeld.

Schwangere Frauen geben die Ringelröteln-Erreger an ihr ungeborenes Kind weiter, auch wenn die Infektion unbemerkt verläuft. Die Viren gelangen über die Plazenta in den Blutkreislauf des Kindes und befallen blutbildende Zellen. Eine Blutarmut beim ungeborenen Kind kann die Folge sein. Im schlimmsten Fall droht eine Fehl- oder Frühgeburt, besonders in den ersten Schwangerschaftsmonaten. Entscheidend sei dabei vor allem der Zeitpunkt der Schwangerschaft bei Infektionsbeginn, erklären Gröger und Seeger. Besonders Infektionen im ersten Drittel der Schwangerschaft (bis 13 Schwangerschaftswochen) können demnach schlimme Folgen haben.

„Manche Schwangere zeigen zwar typische Symptome wie Husten, Schnupfen und danach auch einen Ausschlag. Dies ist aber nicht immer der Fall“, sagt der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske. Es gebe kaum ähnliche Erkrankungen, die zu so einem spezifischen Ausschlag führten wie dem bei Ringelröteln. „Es gibt natürlich mal allergische Reaktionen, die ähnlich aussehen können. Die haben aber meistens noch andere Symptome.“

Ein Test für Schwangere

Karl Oliver Kagan, Leiter der Pränatalen Medizin an der Universitäts-Frauenklinik Tübingen, hat einen Tipp: Wenn eine Schwangere wissen wolle, ob sie in der Vergangenheit schon mal an Ringelröteln erkrankt und möglicherweise immun sei, könne sie sich testen lassen. Dabei werde nach Antikörpern gegen die Paroviren B19 und gegebenenfalls nach Virus-Erbgut im Blut geschaut.

Bei einer Ringelröteln-Infektion der Mutter geht man laut Kagan davon aus, dass sich etwa zehn Prozent der Ungeborenen infizieren. Bei Schwangeren, die sich in der ersten Hälfte der Schwangerschaft angesteckt haben, sollte abgeklärt werden, ob die Infektion eine kindliche Blutarmut verursacht. „Im Falle einer Blutarmut benötigt das Ungeborene eine Blutkonserve, die von außen über die Nabelschnur verabreicht werden kann. Angesichts des geringen Durchmessers der Nabelschnur ist diese Therapie herausfordernd und eigentlich erst ab der 16. Schwangerschaftswoche möglich“, sagt Kagan.

Später Nachweis

In den ersten Schwangerschaftswochen gebe es keine Möglichkeit, eine Infektion beziehungsweise die Blutarmut des Embryos nachzuweisen. In manchen Fällen könne im Ersttrimester-Screening in der zwölften oder dreizehnten Schwangerschaftswoche eine Blutarmut erkannt werden, für eine Bluttransfusion sei es aber dann noch zu früh. „Eine Infektion im letzten Drittel der Schwangerschaft stellt für Ungeborene in der Regel keine lebensbedrohliche Gefahr dar“, erklärt Kagan.

Abdruck einer Ohrfeige

Trotz der derzeitigen überdurchschnittlichen Häufung von Infektionen verweist Amtsärztin Gröger darauf, dass Ringelröteln eine häufige Kinderkrankheit sind. „Bei Kindern verlaufen sie meist harmlos und bei Erwachsenen oft symptomlos.“ Der Name Ringelröteln leitet sich aus einem markanten Erythem (rötlicher Ausschlag) im Gesicht her, der wie der Abdruck einer „Ohrfeige“ aussieht, und einem „spitzenartigen“ Erythem am Rumpf und an den Extremitäten. Vor Auftreten des Erythems können besonders bei Erwachsenen Gelenkschmerzen auftreten. Die Erkrankung endet bei den meisten Menschen, egal ob Kinder oder Erwachsene, von allein.

Was Mediziner Schwangeren empfehlen

Wie sollten sich Schwangere verhalten, wenn in ihrem Umfeld gehäuft Ringelröteln auftreten und sie selbst keinen Immunschutz besitzen beziehungsweise ihr Immunstatus unbekannt ist? Die Mediziner Dr. Sven Seeger, Chefarzt Geburtshilfe, Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara Halle, sowie Dr. Christine Gröger, Fachärztin für Kinderheilkunde und Amtsärztin der Stadt Halle, haben folgende Hinweise:

Fälle in Kita erfragen

Achten Sie darauf, ob in den Kindertagesstätten Fälle von Ringelröteln bekannt sind. Wenn das der Fall ist, sollte Ihr Kind möglichst nicht in die Kita gehen.

Körperkontakt meiden

War Ihr Kind in den Tagen vor der Bekanntmachung einer Infektion in der Kindereinrichtung, muss auch beim eigenen, noch nicht symptomatischen Kind eine frühe Infektionsphase unterstellt werden. Da die Übertragung als Tröpfcheninfektion aus dem Nasen-Rachen-Sekret erfolgt, sollten Sie in den nächsten 14 Tagen einen engen Körperkontakt zu Ihrem Kind so praktikabel und vertretbar wie möglich vermeiden. Nutzen Sie weitere individuelle Möglichkeiten des Infektionsschutzes.

Kita meiden

Sie könnten auch überlegen, ob es familienorganisatorisch machbar ist, dass Ihre Kinder aktuell die Kindereinrichtungen generell nicht besuchen, bis Sie die 20. Schwangerschaftswoche vollendet haben.

Infizierte Erwachsene

Ringelröteln können natürlich nicht nur in einer Kindertagesstätte, sondern auch in Schulen, Sportgruppen oder im Freundeskreis übertragen werden. Selbst Erwachsene können infiziert sein und die Ringelröteln weitertragen.

Immunschutz des Kindes

Wenn Sie sich sicher sind, dass Ihr Kind bereits die Ringelröteln hatte, besteht bei ihm wahrscheinlich ein Immunschutz und Sie können sich über Ihr Kind nicht infizieren. Ihr Kind kann somit weiter in die Kita gehen.

Arzt konsultieren

Wenden Sie sich während der gesamten Schwangerschaft nach einem (vermutlichen) Ringelrötelnkontakt am nächsten Werktag an Ihre Frauenärztin oder Ihren Frauenarzt.

Wartezimmer meiden

Bitte setzen Sie sich nach Ringelrötelnkontakt sowie bei Infektionsverdacht nicht in die Wartezimmer der frauenärztlichen Praxen. Sie könnten andere Schwangere infizieren. Sprechen Sie Ihr Kommen mit dem Praxispersonal ab.