RB Leipzig bei Olympique Marseille

RB Leipzig bei Olympique Marseille : Eine Reise in eine bewegte Vergangenheit

Marseille - Es ist feucht an diesem Mittwoch. Regen fällt auf Marseilles alten Hafen, an dessen Stirnseite die „Brasserie OM Café“ steht, ein Restaurant mit Markise vor dem Eingang. Für die guten Tage, wenn es Schatten braucht. Und für die schlechten wie an diesem, einen Tag vor dem Viertelfinal-Rückspiel in der Europa League zwischen Olympique Marseille und RB ...

Von Martin Henkel
Mit Rudi Völler gewann Olympique Marseille einst die Champions League.
Mit Rudi Völler gewann Olympique Marseille einst die Champions League. imago sportfotodienst

Es ist feucht an diesem Mittwoch. Regen fällt auf Marseilles alten Hafen, an dessen Stirnseite die „Brasserie OM Café“ steht, ein Restaurant mit Markise vor dem Eingang. Für die guten Tage, wenn es Schatten braucht. Und für die schlechten wie an diesem, einen Tag vor dem Viertelfinal-Rückspiel in der Europa League zwischen Olympique Marseille und RB Leipzig.

Die Spieler des französischen Erstligisten werden dann vor derselben Frage stehen wie das Rentnerpärchen, das rechts vor dem Eingang sitzt. „Gehen wir rein“, fragt sie. „Nein“, antwortet er. „Wozu?“

Wozu? Jeder, der es mit Olympique hält, betritt die Brasserie einmal im Leben, mindestens. Und wer für l’OM spielt, der würde es genauso halten, wenn er es denn schafft. Denn da drin sein zu dürfen, würde bedeuten in direkter Linie zu all denen zu stehen, die sich den Eintritt in die Brasserie hart erkämpft haben. Sie hängen mit ihren Fotos unter der Decke wie Stuck.

Legenden, die selbst dem Rentnerpaar bekannt sein dürften: Franz Beckenbauer etwa, deutscher Fußballkaiser a.D., sein Bild hängt rechts am Durchgang zum hinteren Teil des Lokals. Er war mal technischer Direktor in Marseille. Oder Rudi Völler, zwei Jahre war er bei Stürmer bei Olympique, 1992 bis 1994. Er hat es in die Nähe der Toilettentür geschafft so wie auch Karl-Heinz Förster.

Karl-Heinz Förster berät heute Timo Werner

Förster, früher Verteidiger, ist heute Spielerberater. Einer seiner Klienten ist Nationalstürmer Timo Werner, angestellt bei RB, der am Mittwoch beim Abschlusstraining in Leipzig Einzelrunden drehte, weil der Oberschenkel schmerzte. Gut möglich, dass er am Donnerstagabend nicht spielen kann. Es wäre nicht nur ein herber Verlust. Nicht nur für die Sachsen, die mit dem Vorsprung eines 1:0 in die Partie gehen, sondern auch für Förster, der für den jungen Stürmer auch väterlicher Freund ist.

Ein Auftritt in Marseille wäre somit eine Familienangelegenheit. Kein Deutscher war länger in Marseille. Der frühere VfB-Profi spielte von 1986 bis 1990 für OM. Damals noch im alten Stade Vélodrome, das heute unter der neuen Arena begraben liegt, die Marseilles Stadtplaner am Boulevard St. Michelet eingepfercht haben zwischen neue Büro- und Wohnhäuser sowie eine Shopping-Mall.

Nichts erinnert hier mehr an das alte Radrennstadion, in dem Olympique die bewegendste Zeit seiner Geschichte feierte mit namhaften Spielern wie den zwei anderen Deutschen, Andreas Köpke und Stürmer Klaus Allofs, oder Frankreichs aktueller Nationaltrainer Didier Deschamps, Bayerns Flügelstürmer Franck Ribéry, sein Vorgänger an der Isar Jean-Pierre Papin oder Basile Boli, der im OM-Café einen Ehrenplatz hat.

Der Manipulationsskandal bei Olympique Marseille

Boli schoss das Siegtor beim 1:0 gegen den AC Mailand im ersten Finale der neu geschaffenen Champions League. Das war im Sommer 1993. Olympique hatte nach vier Meisterschaften und dem verlorenen Europapokalfinale 1991 endlich den Höhepunkt erreicht. Dass es auch das finale Kapitel einer Ära werden würden, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen.

Nur zwei Jahre später meldete der Verein Insolvenz an, ausgezehrt vom Skandal eines gekauften Meisterschaftsspiels gegen US Valenciennes, dem Entzug ihrer damals zehnten Meisterschaft sowie des Zwangsabstiegs in Liga zwei. Im Zentrum der Affäre: Bernard Tapie, Selfmade-Milliardär, Politiker, Schauspieler, Sänger und Bakschischkönig, der Olympique 1985 als Präsident übernommen und binnen weniger Jahre zur europäischen Topadresse aufgebaut hatte. Er hatte seinen Geschäftsführer Jean-Pierre Bernès, der heute Berater von Franck Ribéry ist, einen Gegner bestechen lassen.

Bernard Tapie bei OM: Der etwas andere Präsident

Dass ein Foto von Tapie in der Brasserie am Hafen fehlt, mag daran liegen, dass der ehemalige Hauptaktionär von Adidas neben allen legalen Mitteln auch alle illegalen aufwendete, um das Team nicht nur mit Topstars zu füllen, sondern ebenso aus dem Weg zu räumen, was ihm hinderlich sein konnte. Dazu gehörten Gegner, die eigenen Angestellten, Funktionäre, Schiedsrichter, selbst kritischen Reporter. Einen von France Football etwa ließ er von gedungenen Schlägern mit einer Pistole bedrohen.

Er ließ Dopingmittel einsetzen so wie vor dem Finale gegen Milan, die nur Rudi Völler ausschlug. Er verabreichte sie sogar selbst, kostete sie einmal vor, weil Spieler Bedenken anmeldete, oder er vertuschte sie, in dem er Spieler wie Eric di Meco, der zur Dopingkontrolle ausgelost worden war, während der Partie aus dem Stadion schaffte.

Tapies Wutausbrüche sind legendär

Tapie war ein Berserker. Seine Wutausbrüche waren Legende. Er warf in der Kabine mit Wasserflaschen um sich, er zerbrach Tische, stauchte Spieler zusammen und beleidigte seine Trainer, denen er ansonsten mit einem Walkie-Talkie von der Tribüne aus Anweisungen zu geben pflegte. Aber er war kein Irrer. Tapies Sachverstand war ebenso berühmt wie sein gewinnendes Wesen. Kaum jemand konnte ihm widerstehen. Auch Förster nicht, den Tapie nach der WM 1986 aufsuchte. Der damalige Nationalspieler erinnerte sich, wie der Franzose während des Gesprächs seine Zigarette auf dem Kuchenteller ausdrückte. „Da wusste ich, dass ich es mit einem speziellen Charakter zu tun hatte.“

Vergangenheit. Tapie, heute 74 und an Krebs erkrankt, ist Geschichte. Das alte Olympique ist es auch. Das neue kämpft um Anschluss an die Legenden. Leicht ist es nicht, die Erfolge mit nur einem nennenswerten Titel nach 1993, der Meisterschaft 2010, ist überschaubar. Aber man ist geduldig in Marseille, so wie es auch die Brasserie ist, die noch jede Menge Platz an den Wänden hat. Leipzig aus dem Weg räumen, das Halbfinale überstehen, das Finale gewinnen – und die Frage wäre nicht mehr, wie reinkommen ins Café. Sondern: Wohin mit den neuen Fotos?

(mz)