RB-Flaute im Advent

RB-Flaute im Advent: Was RB Leipzig im Schlussspurt bremst

Wolfsburg/Leipzig - Elfmeter, Platzverweise, Standards, Chancenverwertung: RBL geht zum Ende der Hinrunde „auf dem Zahnfleisch”.

Von Ullrich Kroemer 13.12.2017, 15:08
Leipzigs Timo Werner ärgert sich über eine vergebene Chance. 
Leipzigs Timo Werner ärgert sich über eine vergebene Chance.  dpa

Als Schiedsrichter Guido Winkmann abpfiff und im frostigen Wolfsburger Stadion noch immer 1:1 (1:0) auf der Anzeigetafel stand, ballte Ralph Hasenhüttl jubelend die Fäuste. Das erstaunte zunächst, denn normalerweise strebt der ehrgeizige Trainer von RB Leipzig immer nach dem Höchsten. Ein Unentschieden in Wolfsburg, nachdem sein Team drei Viertel des Spiels die bessere Mannschaft war, zählt eigentlich nicht dazu. Und sowieso hat man den Trainer nach Remis’ bislang selten jubelnd gesehen.

Doch Hasenhüttl ist auch Realist. Er spürte, dass seine ersatzgeschwächte Mannschaft in den letzten 20 Minuten nicht mehr in der Lage war dagegenzuhalten, während die ohne Europapokal-Belastung vergleichsweise ausgeruhten Wolfsburger das Tempo massiv verschärften. Die Schluss-Viertelstunde geriet zum „Scheibenschießen”, wie Hasenhüttl sagte. „Wir haben 75 Minuten ein hervorragendes Spiel gemacht. Wir waren gut im Pressing, sehr zielstrebig nach vorn”, befand der Österreicher.

„Aber es ist zu wenig dabei herausgekommen. Nach 75 Minuten hätte ich gesagt, der eine Punkt ist zu wenig. Nach 90 Minuten sage ich, wir sind glücklich über den einen Punkt.” Hasenhüttl nannte es „nicht überraschend, dass wir zu wenige Tore machen. Wir belohnen uns gerade zu wenig.“ Er verwies darauf, dass das bereits das 24. Spiel in dieser Saison sei und gab zu, was in der Schlussphase zu sehen war: „Wir gehen etwas auf dem Zahnfleisch.”

Müdigkeit in Kopf und Beinen: Doppelbelastung zeigt Wirkung

So muss RB Leipzig in der Schlussphase dieser Hinrunde der hohen Schlagzahl mit englischen Wochen im Dauertakt doch Tribut zollen. Während das Team im Oktober und November in der Bundesliga beeindruckend effektive Arbeitssiege ablieferte, ist der Dezember bislang wenig glücklich. Wettbewerbsübergreifend hat RB nun vier Spiele in Serie nicht gewonnen; in den vergangenen fünf Bundesligaspielen gelang nur ein Erfolg gegen Werder Bremen. Der letzte Auswärtssieg in der Liga datiert von Mitte Oktober gegen Borussia Dortmund.

Das liegt nicht an der Mentalität und am Aufwand, den die Mannschaft auch in Wolfsburg betrieb, solange sie konnte. Doch die Müdigkeit in Kopf und Beinen – im Gegensatz zu den Spielern anderer Klubs ist RB die Doppelbelastung nicht gewohnt – zeigt sich nicht nur bei der fehlenden Genauigkeit vor dem gegnerischen Tor und bei den letzten Bällen in den Strafraum.

Auch in der Defensive unterlaufen den Leipzigern in dieser Saison zu viele einfach Fehler. Der von Ibrahima Konaté verursachte Strafstoß für Wolfsburg, als er Nationalstürmer Mario Gomez auf die Fußspitze trat (11.), war bereits der fünfte gegen RB in dieser Saison. Dazu kommen acht Gegentore nach Ecken, Freistößen und Einwürfen. „Es sind insgesamt zu viele Gegentore, wir haben zu selten zu Null gespielt”, bilanzierte Hasenhüttl. „Das haben wir uns anders vorgestellt in diesem Jahr.” In der euphorischen vergangenen Saison hatten die Leipziger zum gleichen Zeitpunkt zehn Treffer weniger kassiert und sechs Tore mehr geschossen.

Hinzu kommen insgesamt bereits sechs Platzverweise – vier in der Bundesliga, einer im DFB-Pokal, einer in der Champions League. Nur eines dieser Spiele hat RB dennoch gewonnen (3:2 in Dortmund). Gerade da derzeit wichtige Säulen der Mannschaft wie Emil Forsberg und Marcel Sabitzer fehlen, kann die Mannschaft das nicht mehr kompensieren. „Wir müssen uns cleverer in der Box anstellen”, mahnte Diego Demme.

Kann RB Leipzig trotz des Durchhängers Platz zwei verteidigen

Diese Melange führt dazu, dass Rasenballsport vor dem letzten Spieltag acht Punkte weniger als in der Vorsaison auf dem Konto hat und Bayern München nach der heutigen Partie gegen Schlusslicht Köln wohl zehn Punkte enteilt sein wird. Dass RB noch immer Tabellenzweiter ist, ist insofern trügerisch und hängt mit der ebenfalls schwächelnden Konkurrenz in der ersten Tabellenhälfte zusammen. Neben den kriselnden Dortmundern punkten weder Mönchengladbach, noch der FC Schalke konstant.

Nicht eben ein Beleg für die Qualität in der Bundesliga in diesem Jahr. Auch Hoffenheim, Hertha, dem BVB – von Köln ganz zu schweigen – setzt die Doppel- und Dreifachbelastung mächtig zu. Noch nie hatte ein Bundesliga-Tabellenzweiter zum gleichen Zeitpunkt so wenig Punkte wie in dieser Saison. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr hätten 28 Zähler nur zu Rang sechs gereicht.

So jedoch haben die von einer intensiven Hinrunde ausgelaugten Leipziger alle Chancen, mit einem Kraftakt gegen Hertha BSC mit einem Positiverlebnis und auf dem dritten oder zweiten Tabellenplatz in die Winterpause zu gehen. Trotz des Durchhängers in der Adventszeit wäre das im zweiten Bundesliga-Jahr ein Zwischen-Erfolg für den Vize-Meister. (mz)