Radprofi Emanuel Buchmann im Interview Radprofi Emanuel Buchmann im Interview: "Ich bin jetzt ein Topfahrer"

Halle (Saale) - Bei der diesjährigen Tour de France ging der Stern von Emanuel Buchmann auf. Der 26-jährige Radprofi vom deutschen Team Bora-hansgrohe beendete die berühmteste Rundfahrt der Welt auf Platz vier und befeuerte damit die Hoffnungen auf den zweiten deutschen Tour-Sieg nach Jan Ullrichs Triumph 1997.
In der kommenden Woche startet Buchmann nun erstmals bei der Deutschland-Tour. Am Donnerstag führt die erste Etappe durch den Harz und endet in Halberstadt. Vor dem Radspektakel in der Region sprach MZ-Reporter Martin Henkel mit Buchmann über seine Ziele für die Heim-Tour, seinen neuen Star-Status und den ungeliebten Vergleich mit Ullrich.
Herr Buchmann, in sechs Tagen startet in Hannover die Deutschland-Tour. Es ist Ihre erste. Worauf freuen Sie sich?
Emanuel Buchmann: Das wird auf jeden Fall cool. Neue Strecken, die Menschen freuen sich sicherlich auf mich, und von dem, was ich gehört habe, ist die Tour extrem gut organisiert. Außerdem habe ich keinen Druck, die Tour zu gewinnen. Das ist auch mal entspannend.
Sie fahren also nicht um den Gesamtsieg mit?
Buchmann: Nein, das Profil kommt meinen Stärken nicht entgegen. Es gibt kaum Berge und die meisten Erhebungen sind Sprintanstiege.
Dafür aber treffen Sie während der ersten Etappe auf die mythische Mauer von Huy.
Buchmann: (lacht). Im Ernst? Ich dachte, die gibt es nur beim Wallonischen Pfeil.
Okay, Huy, kurz vor Halberstadt, ist keine Mauer, sondern ein Ort.
Buchmann: Gut zu wissen. Dann wird Huy natürlich was Besonderes bei dem Namen.
Wenn Sie nicht um den Sieg fahren, als was sind Sie dann bei der Tour?
Buchmann: Als Helfer.
Wem helfen Sie?
Buchmann: Pascal Ackermann, unserem Sprinter.
Können Sie das noch, Helfer sein?
Buchmann: (lacht). Klar kann ich das.
Zum Job des Teamkapitäns gehört es, seine Helfer zu loben und falls nötig zusammenzustauchen. Traut er sich das Ihnen gegenüber überhaupt?
Buchmann: Er wird keinen Grund haben. Ich müsste schon einen Riesenmist bauen. Das glaube ich aber nicht.
Seit Ihrem vierten Platz bei der Tour de France kennt Sie halb Deutschland. Haben Sie schon realisiert, dass Sie mittlerweile zu den Stars der Radsportszene gehören?
Buchmann: So langsam. Ich bin nach der Tour ja schon zwei Rennen in in Deutschland gefahren. Da habe ich schon gemerkt, dass ich für die Menschen am Straßenrand der Star war.
Hat es Ihnen gefallen?
Buchmann: Ja, das ist schon eine coole Erfahrung. Es ist ein schönes Gefühl, für das bewundert zu werden, was man macht und erreicht.
Was hat sich für Ihre Selbstwahrnehmung verändert?
Buchmann: Ich bin jetzt ein Radprofi, der zu den Topfahrern bei den großen Rundfahrten gehöre. Ich bin drei Wochen mit den Besten mitgefahren und bin mir ziemlich sicher, dass das kein Eintagsfliegenereignis gewesen ist. Ich kann das wiederholen.
Wie ist die Wahrnehmung im Peloton?
Buchmann: Na ja, man wird anders angeschaut und behandelt. Am Ende der Tour haben schon einige mit mir geredet, die mich früher nicht angesprochen haben.
Wo in Ihrer Karriere ordnen Sie die diesjährige Tour ein?
Buchmann: Das war das mit Abstand bislang wichtigste Ergebnis. Ich weiß jetzt, dass ich ein Rundfahrer mit Siegchancen bin. Als Radprofi brauchst du so ein Rennen irgendwann, um zu wissen, was du kannst und wo du stehst.
Ihr Teamchef Ralph Denk würde gern die Tour gewinnen. Sind Sie sein Mann, um ihm diesen Wunsch zu erfüllen?
Buchmann: Hundertprozentig kann man nie sagen, ob man die Tour gewinnt oder nicht. Aber mein Abstand auf Egan Bernal (den Toursieger, Anm. Red.) ist mit unter zwei Minuten nicht schlecht. Ich habe mich Jahr für Jahr gesteigert und wenn ich diese Schritte weitermache, kann ich das Podium erreichen. Ob es für den Sieg reicht, kann man nicht vorhersagen. Da muss sehr viel zusammenkommen.
Einer der Basisaspekte für das Gelbe Trikot sind die Helfer, ist das Team, das sie um sich haben. Wie ist Bora-Hansgrohe in Ihren Augen dafür aufgestellt?
Buchmann: Wir haben mit Lennard Kämna gerade einen exzellenten Bergfahrer verpflichtet. Aber klar, wenn wir um den Gesamtsieg mitfahren wollen, müssen wir das Team auch darauf ausrichten. Aber da sind wir dabei.
Bislang war der Star im Team Peter Sagan, der bei der Tour sein siebtes Grünes Trikot für den besten Sprinter geholt hat. Saugt er Ihnen nicht die Helfer ab?
Buchmann: Nein, Peter braucht nicht viele Helfer. Er ist im positiven Sinne eine One-Man-Show. Wir haben meiner Meinung nach genügend Bergfahrer im Team. Wir müssen Sie nur so einsetzen, dass wir ums Podium mitfahren können.
Wieviel fehlt Ihnen auf das Siegerteam der vergangenen Jahre, Ineos?
Buchmann: Schon noch einiges. Da können wir nicht hundertprozentig mithalten. Mit Geraint Thomas, Christopher Froome und Bernal gehören drei Tour-Sieger zur Mannschaft. Das ist nochmal eine andere Hausnummer. Aber wir gehören mittlerweile zu den Topteams.
Was fehlt Ihnen selbst zu Gelb?
Buchmann: Ein paar Sachen. Ich muss mich im Zeitfahren verbessern, wir als Team im Mannschaftszeitfahren und ich brauche mehr Spritzigkeit am Berg. Irgendwo muss man ja Zeit auf die anderen rausfahren, heißt einmal mindestens muss man der Gruppe am Berg wegfahren, wenn man die Tour gewinnen will.
Gibt es eigentlich einen Ex-Rundfahrer, bei dem Sie sich Rat holen. Jan Ullrich vielleicht, Toursieger von 1997?
Buchmann: Nein. Bei uns ist der sportliche Leiter für die Taktik zuständig oder mein Trainer. Wir sind da gut aufgestellt.
Sie mögen bekanntermaßen keine Vergleiche mit Ullrich. Wieso nicht?
Buchmann: Jan Ullrich ist zum einen ein ganz anderer Fahrertyp gewesen, als ich es bin. Ein Jahrhunderttalent. Er konnte vieles sehr gut: Berge, Zeitfahren. Er war zudem bestimmt zehn Kilo schwerer als ich.
Und wie sämtliche Topfahrer seiner Zeit gedopt. Ein weiterer Grund für Sie auf Abstand zu gehen?
Buchmann: Ja, absolut. Damit will ich nichts zu tun haben.
Hat er Sie trotzdem zum Radsport inspiriert?
Buchmann: Nein, ich hab ja erst 2007 angefangen, da war Ulles Zeit schon vorbei.
Zu diesem Zeitpunkt waren Sie bereits 15. Was haben Sie vorher gemacht?
Buchmann: Ich habe Handball gespielt, bin aber schon immer gern Rad gefahren. Irgendwann bin ich dann einfach in einen Radklub gegangen.
Wann haben Sie das erste Mal gespürt, dass ein Radprofi in Ihnen steckt?
Buchmann: Eigentlich erst bei der U23. Ich bin also der klassische Spätentwickler.
Was bezeichnen Sie als Ihr größtes Talent?
Buchmann: Ich bin ein harter Arbeiter, sehr trainingsdiszipliniert, deshalb kann ich mich immer weiterentwickeln. Das muss man auch erstmal können.
Für Tour-Sieger gilt, dass man sie nicht erschaffen kann. Sie müssen als solche geboren werden. Heißt: Man braucht die körperlichen Voraussetzungen dazu. Haben Sie diese?
Buchmann: Ich denke schon. Sonst hätte es dieses Jahr nicht zu Platz vier gereicht. Das kann man sich nicht allein zurechttrainieren.
Würden Sie also sagen: Sie haben das Zeug zum Tour-Sieger?
Buchmann: Das nächste Ziel ist das Podium. Dann sehen wir weiter.
Gibt es ein Rennen abseits der Tour de France, von dem sie sagen: Das will ich unbedingt in meiner Karriere wenigstens einmal gewonnen haben? Die Deutschland-Tour vielleicht?
Buchmann: Die Tour de France ist das Topziel. Auf alle Fälle nächstes Jahr. Dem ordne ich alles unter – auch das Team. Was danach kommt, wird man sehen.
(mz)