Steuergeld für Vereine und Fans

Steuergeld für Vereine und Fans: Der große Stadion-Poker in Mitteldeutschland

Halle (Saale) - Wenn Michael Schädlich an Heimspieltagen des Halleschen FC auf der Tribüne des Erdgas Sportparks sitzt und sich umschaut, dann ist er zufrieden. „Unser Stadion ist eine großartige Mischung aus Tradition und moderner Architektur“, sagt der Präsident des HFC. Durch die kompakte Bauweise seien die Fans nah am Spielfeld. Außerdem habe man ein umweltfreundliches Energie- und Wasserkonzept. Und auch sportlich sei das neue Zuhause essenziell für den Verein. „Erst mit der Infrastruktur hier haben wir den Aufstieg in die Dritte Liga ...

Von Julius Lukas

Wenn Michael Schädlich an Heimspieltagen des Halleschen FC auf der Tribüne des Erdgas Sportparks sitzt und sich umschaut, dann ist er zufrieden. „Unser Stadion ist eine großartige Mischung aus Tradition und moderner Architektur“, sagt der Präsident des HFC. Durch die kompakte Bauweise seien die Fans nah am Spielfeld. Außerdem habe man ein umweltfreundliches Energie- und Wasserkonzept. Und auch sportlich sei das neue Zuhause essenziell für den Verein. „Erst mit der Infrastruktur hier haben wir den Aufstieg in die Dritte Liga geschafft.“

Für Schädlich ist das neue Stadion eine Erfolgsgeschichte. Und eine solche wollen derzeit auch andere Vereine in Mitteldeutschland schreiben. So viele altehrwürdige Stadien wie nie zuvor werden gerade modernisiert. In Chemnitz und Erfurt wird gebaut. In Zwickau und Aue soll bald begonnen werden. Auch Jena plant ein neues Stadion, diskutiert aber noch. Sie alle wollen aufschließen zu den Städten, die ihre Arenen schon erneuert haben: Neben Halle auch Magdeburg, Leipzig und Dresden.

Stadt und Land zahlen

Die Sanierungen sind meist ein Komplettumbau der alten Stadien. Finanzieren können das die Fußballvereine als Hauptmieter meist nicht. Es sei denn, sie haben einen finanzkräftigen Investor. In Jena heißt der Roland Duchâtelet. Der belgische Unternehmer will sieben Millionen zum neuen Stadion dazugeben. Allerdings stockt das Vorhaben seit Jahren - wegen Lageproblemen und weil unklar ist, wie umfangreich saniert werden soll. Mit einem neuen Stadion ist frühestens 2019 zu rechnen.

Ganz aus eigener Kraft könnte nur ein Club eine Heimspielstätte errichten: RB Leipzig. Und tatsächlich dachte Investor und Brause-Milliardär Dietrich Mateschitz über einen Neubau nach, verwarf die Pläne aber. Doch auch so hat es sein Verein nicht schlecht. RB spielt im Zentralstadion, der größten Arena in Mitteldeutschland, die bei der WM 2006 einer der Austragungsorte war.

Von solchen Verhältnissen sind alle anderen Vereine so weit entfernt wie von der Champions League. Selbst Zweitligist Erzgebirge Aue kann zum Umbau seiner Heimstätte nur eine Million Euro beisteuern. Der Rest ist Steuergeld. So ist es auch bei allen anderen Projekten: Und das führt immer wieder zu Streit.

Michael Schädlich kann sich an die Diskussion noch gut erinnern. Halles Sportpark wurde von der Stadt und dem Land bezahlt - beide hoch verschuldet. Der Landesrechnungshof fertigte deswegen einen Sonderbericht an, in dem er haarklein aufzählte, wo aus seiner Sicht öffentliche Gelder verschwendet wurden: Beim VIP-Bereich zum Beispiel oder dem Abklingbecken, das zur Regeneration der Fußballer nach einem Spiel da ist. Nicht nur Fans und Verein, sondern auch in der Politik fand man diese Kritik übertrieben. Der Rechnungshof blieb bei seiner Feststellung, dass ein gewerblich betriebenes Stadion kein „förderwürdiges Landesinteresse“ sei.

Ähnlich sieht es Bettina Keil. Die Betriebswirtschaftlerin ist Professorin an der Westsächsischen Hochschule in Zwickau. Sie hat sich mit dem Stadionbau in Chemnitz beschäftigt. Dort wird das Stadion an der Gellertstraße, Heimspielstätte des Drittligisten Chemnitzer FC, zweitligatauglich gemacht. Für Keil ist das die Subventionierung eines Profisportvereins. Bevor gebaut wurde, hat sie durchkalkuliert, was das Stadion die Stadt kostet. Weil sich Sachsen komplett aus der Finanzierung heraushält, trägt Chemnitz die 25 Millionen Euro Baukosten allein.

Finanzielles Höchstrisiko

Dabei bleibt es aber nicht. Keil berechnete, dass die Stadt im schlimmsten Fall sogar 68 Millionen Euro zahlen muss. „Weil neue Kredite aufgenommen werden müssen und gleichzeitig alte Lasten nicht abbezahlt werden.“ Auch wenn sich seit ihrer Kalkulation die Zinslage gebessert hat, ist ihr Fazit geblieben: „Für Städte sind neue Stadien finanzielle Höchstrisikos.“ Doch das scheint nicht abzuschrecken. Keil schickte ihre Berechnungen allen Stadträten in Chemnitz. Ohne Wirkung. Seit einem Jahr wird bereits an der Gellertstraße gebaut.

Warum ein neues Stadion einem Verein auch Schaden kann, lesen Sie auf Seite 2.

Fußball, das zeigt sich nicht nur in Chemnitz, hat eine wirkungsvolle Lobby. Sie besteht aus den Fans, zu denen immer auch einflussreiche Personen gehören und für die am Wohl des neuen Stadions auch das Schicksal des Vereins hängt. Unrecht haben sie damit nicht. Um in einer Liga mitspielen zu dürfen, müssen die Fußballklubs Auflagen erfüllen.

Dazu gehört auch ein geeignetes Stadion. In Zwickau gibt es das schon seit vier Jahren nicht mehr. Das Westsachsenstadion fällt in sich zusammen. Regionalligist FSV Zwickau spielt daher in einem Ausweichquartier, für das eine befristete Ausnahmegenehmigung erteilt wurde.

Um diesen Zustand zu beenden, soll ein Neubau entstehen. Im September leisteten zwar einige Stadträte Widerstand. Sie wollten die Zahlen noch einmal prüfen und befürchteten durch den Stadionbau eine Abwertung städtischen Geländes. Doch die Gegenwehr kam prompt. Der Verein initiierte eine Unterschriftenaktion. Rund 14.000 Leute unterzeichneten. Die Stadträte gaben ihre Blockade auf. Im Juni soll der Bau beginnen.

Zuschuss aus Bundes- und EU-Mitteln

Jürg Kasper (CDU) kennt das. Der Rechtsanwalt sitzt im Stadtrat von Erfurt. Wenn es um die Macht des Fußballs geht, zitiert er einen Kollegen: „Der sagte: Wenn hier 500 Fans zu einer Sitzung kommen, dann werden die Knie schon weich.“ Dabei kann ein neues Stadion einem Verein auch schaden, wie bei Aachen oder Duisburg, die sich erst am Stadion finanziell übernahmen und dann sportlich abstiegen.

Kasper nennt aber auch ein eigenes Beispiel. Der Anwalt ist Aufsichtsrat bei Dynamo Dresden. Das Stadion in der Elbmetropole gehört zu den teuersten in Mitteldeutschland. Die Kosten für Bau und Betrieb werden auch an den Verein als Hauptmieter weitergegeben. Seit Jahren gibt es daher Querelen. Vor kurzem erst erklärte sich die Stadt bereit, einen höheren Zuschuss zu zahlen.

Am Ende sind es meistens öffentliche Mittel, mit denen die Löcher gestopft werden. Auch in Erfurt ist das so. Dort wird das Steigerwaldstadion für 40 Millionen Euro umgebaut. Thüringen bezahlt davon 33 Millionen Euro. Der Trick: Der Zuschuss speist sich aus Bundes- und EU-Mitteln zur Tourismusförderung. Der Haken: Die Hälfte der Stadionbesucher müssen auch Touristen sein. Als solcher zählt, wer aus mehr als 30 Kilometern Entfernung anreist. Für die Hälfte der Fußballfans dürfte das nicht gelten. Daher müssen alternative Events wie Leichtathletik-Veranstaltungen oder Kongresse angeboten werden.

Das Stadion soll eine Multifunktionsarena werden. „Ob das Konzept so allerdings aufgeht, ist überhaupt nicht sicher“, sagt Stadtrat Kasper. Doch ein Minus würde mit öffentlichen Mitteln beglichen. Denn Stadiongesellschafter sind die Stadtwerke und die Messe Erfurt - beides Unternehmen, die Stadt und Land gehören.

Stolz auf neues Stadion

Was sich Kasper wünscht, wäre mehr Bescheidenheit: „Man könnte auch kleinere Stadien bauen oder nach und nach sanieren.“ Doch die erstklassigen Fußballarenen sind oft auch Spiegel der Ansprüche von Vereinen und Fans. In Magdeburg steht eine Arena, in die 27.000 Menschen passen. Darin könnte Champions League gespielt werden. Seit Jahren ist es Regionalliga.

Trotz der finanziellen Belastungen sind für Michael Schädlich die Ausgaben für den Halleschen Sportpark auch drei Jahre nach Fertigstellung noch gerechtfertigt: „Zu einer Stadt gehört ein modernes Stadion“, sagt der HFC-Präsident.

Er habe auch das Gefühl, dass die Menschen in Halle stolz auf ihr Stadion seien. Und außerdem belaste es den Haushalt der Stadt nicht mehr als das alte Stadion. „Die Zuschüsse sind gleich geblieben, und unter dem Strich stand bei der Betreibergesellschaft des Sportparks bis jetzt immer am Jahresende eine schwarze Null“, rechnet der Präsident vor.