DDR-Kultgruppe Renft Der letzte Mann: Monster macht Schluss
Fünfeinhalb Jahrzehnte hat Thomas Schoppe bei Renft am Mikrofon gestanden. Mit 80 will der gebürtige Eisleber nun nur noch eine finale Runde durch die Konzerthallen drehen. Für die Zeit danach hat der ewige Rebell eine Menge großer Pläne.

Zeulenroda/MZ. - Die Träne lief ganz langsam aus dem Auge, vielleicht waren es auch zwei oder drei. Thomas Schoppe weiß es nicht genau, denn er stand gerade auf der Bühne und er hatte zu singen und seine Gitarre zu spielen. Als es passte, hat er die Tränchen weggewischt, die so unerwartet aufgetaucht waren. „Ich weiß gar nicht warum“, sagt der letzte Überlebende der legendären Rockband Renft, „aber irgendwie wurde mir in dem Augenblick klar, dass sich etwas dem Ende nähert.“
Es kommt einiges zusammen. Meinungsverschiedenheiten. Gesundheitliche Zipperlein. Das grummelnde Gefühl, noch mal etwas anderes machen zu müssen. So viele halbfertige Lieder warten darauf, den letzten Schliff zu bekommen.
Außer ihm ist niemand mehr da. Bandgründer Klaus Renft ist tot, Gitarrist Peter Gläser ebenso, auch der Saxophonist Peter Kschentz. Schlagzeuger Jochen Hohl hat der Musik schon vor Jahrzehnten den Rücken gekehrt. Keyboarder Christian Kunert hat Probleme mit dem Gehör. Er schreibt jetzt lieber Bücher.
Elvis, Ulbricht und Renft
Im 68. Jahr nach ihrer Gründung steht damit eine der wirkungsmächtigsten Bands der deutschen Rockgeschichte vor dem Ende. Bis zum Sommer dreht das Quartett um Thomas Schoppe, den wegen seines mächtigen Organs alle nur „Monster“ nennen, noch eine letzte Runde durch die Klubs im Land. Danach wird Schluss sein mit Live-Auftritten unter dem Namen, den Bandgründer Klaus Jentzsch seiner ersten Schülercombo gab, als Elvis Presley zur Army einberufen wurde. 1958 war das Jahr, als Walter Ulbricht „Zehn Gebote für den neuen sozialistischen Menschen“ verkündete und die US-Raumfahrtbehörde Nasa mit dem „Explorer 1“ auf den ersten Sowjetsatelliten „Sputnik“ antwortete.

Thomas Schoppe, geboren in Eisleben und nach dem Umzug mit seiner Mutter nach Leipzig weiterhin Stammgast im Haus seiner Großeltern im Mansfeld, war damals dreizehn Jahre alt. Eddie Cochran, Fats Domino und Ray Charles haben ihn in ihren Bann geschlagen. Bis tief in die Nacht hört er Radio Luxemburg auf Mittelwelle. Die Ohren glühen. Aus dem Lautsprecher klingt kratzig der Sound der Freiheit. Als seine Mutter stirbt, landet er im Heim. Kurz nach dem Mauerbau versucht er, aus der Enge der DDR zu flüchten. „Ecke Baumschulenweg bin ich mit einem Freund über die Grenzbefestigung geklettert, um rüber zu meiner Tante in Lübeck zu kommen“, erzählt er. Der Ausbruch misslingt. Schoppe landet in einem Heim „für härtere Jungs“, wie er sagt.
Musik wird zur Fluchtburg
Musik ist sein Anker, seine Fluchtburg. Renft, die Band, der er 1979 beitritt, ist sein Leben. Thomas Schoppe klingt melancholisch, wenn er über den Schlussakkord spricht, diese immer wieder verschobene letzte Runde. Mit einem großem Konzert abzutreten, das hätte ihm gefallen. „Streicher, Bläser, alte Freunde, ein richtiges Finale“, sagt er. Aber jetzt hat er sich mit dem Gedanken angefreundet, nur die bereits gebuchten Konzerte noch zu spielen und leise abzutreten. „Ich bin schon genug berührt, wenn mir klar wird, das ist für diese Halle oder für diesen Klub der Abschied.“

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang waren sie immer wieder in Neu Helgoland, in der Grünen Zitadelle Magdeburg, im Freiberger „Tivoli“, in Halle, Glauchau oder Weißenfels. Die Musiker neben Thomas Schoppe wechselten. Die Lieder blieben: „Apfeltraum“ und „Wer die Rose ehrt“, „Als ich wie ein Vogel war“, „Gänselieschen“ und „Ich und der Rock“. Manche der alten Hymnen singt Schoppe bis heute innerlich bewegt. Sie öffnen nicht nur die Herzen der Fans, sondern auch sein eigenes. Andere gehen ihm mit den Jahren immer schwerer von der Zunge. Die Zeile, „dass der Geist der Kommune dem Genossen Schild und Schwert ist“, zitiert er als Beispiel aus „Zwischen Liebe und Zorn“. Die Leute wollen das hören, das weiß er. Und sie sollen es bekommen. Zuletzt aber hat er den Vers geändert. Um den Geist der Freiheit geht es jetzt.
Sechs proletarische Philosophen
Vieles stimmt noch an den alten Liedern, anderes ist nur aus der Entstehungszeit heraus zu verstehen. Renft war alles zugleich, eine rebellische Band und eine, die lange durchaus auch Karriere machen wollte. Die Musiker, ohne den elitären Hintergrund einer hauptstädtischen Hochschulausbildung, verstehen sich als proletarische Philosophen. Sie singen über Liebe, über Hass, über die unstillbare Sehnsucht nach der Ferne und eine „Sonne wie ein Clown“. Die Hallen sind immer voll. Die Fans feiern sie frenetisch. Sie sind Stars mit Hits im Dutzend, mit Fernsehauftritten und einer glänzenden Zukunft.

Und sie bleiben doch singende Arbeiter, trinkfest und keiner Party abgeneigt. Die Renft-Combo will nicht nur Unterhaltungsmusik machen. Sie wollen gesellschaftlich wirken, Missstände anprangern, die DDR verändern. Eine Rechnung, die nicht aufgehen kann. Nach nur zwei Alben erklären die Kulturaufseher der Partei die Gruppe für „nicht mehr existent“. Die zu dieser Zeit erfolgreichste Rockband der DDR verschwindet über Nacht. Ihre Mitglieder verlieren Berufsausweise, Existenzgrundlage, ihre Zukunft. Für Kunert, Texter Pannach und Schoppe führt der Weg ins Gefängnis. Klaus Renft siedelt in den Westen über. Hohl und Gläser fangen bei Karussell neu an. Kschentz schlägt sich als Lastkraftwagenfahrer durch.
Das Aus nach dem Verbot
15 Jahre dauert dieses erste Aus. Erst nach dem Sturz des SED-Regimes darf die Band wieder auftreten. Die Rückkehrer werden wie Helden gefeiert. Sie sind nicht vergessen, wie sie glaubten, sondern größer und beliebter als sie je waren. Musiker und Anhang weinen vor Glück. Allerdings sind es nicht mehr die sechs Freunde Ende 20, die den Neuanfang versuchen, sondern Männer Mitte 40, die in den Jahren der Teilung verschiedene Leben gelebt haben. Einer war Stasi-IM, am Theater. Einer hat als Nachtwächter gearbeitet, einer ist Liedermacher geworden, einer Zahntechniker. Das ruckelt sich nur mühsam zusammen. Dieser will nicht. Jener kann nicht. Einer möchte, aber den Neustart nicht mit seiner IM-Geschichte belasten.

Nach der Serie von Todesfällen ist es schließlich nur noch Thomas Schoppe, der die Renft-Fahne hochhält, die Stimme eine Urgewalt, die Bühnenpräsenz die eines halb so alten Musikers. Der Sänger und Gitarrist, einer neuen Liebe wegen schon vor Jahren ins thüringische Zeulenroda gezogen, trägt die Last des Erbes auf breiten Schultern. Immer noch ist er glücklich, wenn die alten Songs den Fans ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Immer noch staunt er, wie laut das Echo der kurzen Renft-Ära weiterhin nachhallt. Und immer wieder hat er das Gefühl, das Gewicht der Geschichte drücke ihn nieder.
Ein lange erwarteter Neuanfang
„Die neuen Lieder, die ich habe, will ich endlich fertig machen“, sagt er. An manchen schraubt er schon seit Jahrzehnten. Sie sollen größer werden, komplexer, richtige musikalische Monumente. Thomas Schoppe kann sie in seinem Kopf genau so hören, wie sie sein sollen. Nur die Aufnahmen klingen bisher nicht so. Schoppe ist Perfektionist. Alle Musiker, die mit ihm gespielt haben, wissen das.

Das Ende der langen Renft-Geschichte sieht der leidenschaftliche Verehrer von David Bowie, Vanilla Fudge und Brian Eno als eine neue Chance. „Ein bisschen befreit es mich auch“, sagt Thomas Schoppe mit Blick auf den Tag Ende April, an dem der Name Renft für immer aus den Konzertkalendern verschwinden wird. Er selbst will dann neu anfangen, mit alten Musikerfreunden und frischen Ideen.
Thomas Schoppe wird sein Album fertigbauen. An seiner Autobiografie weiterschreiben. Vielleicht mit einem Orchester auf Tour gehen. Vielleicht wieder in Kneipen spielen, rau und ungefiltert auf der Suche nach der wilden Energie des Rock. Es riecht bei Monster nicht nach Abschied, sondern eher nach Aufbruch. Was immer kommt, der letzte Mann der Renft-Combo ist neugierig darauf. „Das ist jetzt nicht das letzte Kapitel“, sagt er, „nach dem das Buch zugeklappt wird.“
Renft live: 14. März, Leipzig, Anker; 4. April, Magdeburg, Grüne Zitadelle. Letzte Show: 25. April, Plauen, Vogtlandtheater