Concordia See

Concordia See bei Nachterstedt: Erdrutsch erinnert an Vorfall im Jahr 2009

Nachterstedt - Am Dienstag kommt es am Concordia See bei Nachterstedt nach dem Unglück im Jahr 2009 erneut zu einem Erdrutsch an der Abbruchkante.

Von Regine Lotzmann 28.06.2016, 22:29

Ein schreckliches Déjà-vu ist es, das am Dienstagabend über die Menschen in Nachterstedt hereinbricht. Kurz vor 18 Uhr gehen die Sirenen. Am Concordia See, ein kleines Stück neben dem Bereich, der bei dem schrecklichen Erdrutsch von 2009 im Wasser verschwand, hat es erneut einen Abbruch der Uferkante gegeben. Auf welcher Länge, ist da allerdings noch unklar.

Arbeiter ist leicht verletzt

Ein Radlader sei umgekippt, sind die ersten spärlichen Informationen, die es gibt. Der Fahrer blieb zum Glück nur leicht verletzt. Er konnte sich mit einer Sicherheitsleine, die bei Sanierungsarbeiten im Rutschungskessel obligatorisch ist, selbst befreien. Doch der Riss in der Böschung ziehe sich bis zu Novelis hin, dem Aluminium-Riesen, der bei Nachterstedt produziert. Die Erde sei weiter in Bewegung, so Uwe Hofmann, der Einsatzleiter der Seeland-Feuerwehr. Die Rettungskräfte sperren deshalb die Straße in Richtung Gatersleben komplett ab. Vorsorglich müssen auch die Anwohner in Sicherheit gebracht werden.

Seeland-Bürgermeisterin Heidrun Meyer ist leichenblass. Besorgt steht sie an der Absperrung zum Sperrgebiet, denn auch sie darf nicht weiter. Eigentlich sollte sie zu diesem Zeitpunkt mitten in der Stadtratssitzung sein. Doch kurz bevor die eröffnet wurde, gingen die Sirenen, rückten im Sekundentakt die Feuerwehren von Nachterstedt, Hoym und Frose aus. Schadelebens Ortsbürgermeister Alfred Malecki schaute bestürzt auf sein Handy und zog die Bürgermeisterin auf den Flur. „Der See ist abgerutscht“, war alles, was er herausbekam.

 In den frühen Morgenstunden rutschen am teilgefluteten Tagebaurestloch Concordia-See etwa 4,5 Millionen Kubikmeter Erdreich ab. Zwei Häuser der Wohnsiedlung „Am Ring“ werden 100 Meter in die Tiefe gerissen.

Die Einwohner dürfen wichtige Gegenstände aus ihren Häusern holen, ehe sie wieder in Ferienwohnungen oder bei Bekannten unterkommen.

Die Suche nach den drei Verschütten im Alter von 48, 50 und 51 Jahren wird eingestellt.

Die Bergbaubehörde Sachsen-Anhalts gibt bekannt, dass das Unglücksgebiet vermutlich nie wieder bewohnt werden kann.

Die Sicherheitsvorkehrungen um den See werden verstärkt, weil neue Abbrüche drohen. Zufahrtsstraßen zu dem 350 Hektar großen Gewässer werden gesperrt.

Spezialisten der Harzer Bergwacht holen Erinnerungsstücke aus den verlassenen Häusern. Die früheren Bewohner hatten zuvor Listen mit Dingen angefertigt, die ihnen besonders am Herzen liegen.

Der Abriss beginnt. Zwölf Doppelhaushälften, ein Einfamilienhaus und 48 Nebengebäude müssen weichen. Das Gelände ist bis heute gesperrt.

Zwei Gutachten zu den Ursachen des Erdrutsches werden vorgestellt. Beide besagen, dass hoher Druck in Grundwasserschichten unterhalb des Kohleflözes Hauptauslöser des Unglücks war. Der Concordia-See bleibt gesperrt.

Die Staatsanwaltschaft stellt ihre Ermittlungen zu dem Erdrutsch ein. Der Verdacht einer fahrlässigen Tötung habe sich nicht erhärtet. Es gebe keine Anhaltspunkte für eine Verletzung der Sorgfaltspflicht bei der Errichtung oder Pflege der abgerutschten Böschung.

Das Erdreich gerät an einem noch nicht sanierten Teil der Böschung wieder in Bewegung. Zwei schwere Baugeräte rutschen ab, ein Arbeiter kann sich mit leichten Verletzungen retten.

Stadtratssitzung wird vertagt

„Es gibt andere Dinge, die wichtiger sind, die Bürgermeisterin muss vor Ort sein“, erklärte Stadtratsvorsitzender Mario Kempe, und Stadtrat Carlo Scholz (CDU) stellte den Antrag, die Sitzung zu vertagen. Die wichtigen Vergaben von Arbeiten am Schulhof der Nachterstedter Schulen, die im nichtöffentlichen Teil auf der Tagesordnung standen, könnten als Eilentscheidungen gefasst und später vom Rat sanktioniert werden, beruhigte Hauptamtsleiterin Blanka Metze.

Stadtverwaltung und Bürger reagieren schnell

Inzwischen sind Feuerwehr und Polizei vor Ort, Notarzt und Krankenwagen. Am Eingang zum Sperrgebiet haben sich zahlreiche Nachterstedter versammelt. Die halbe Stadtverwaltung ist dabei, die Ortsbürgermeister von Friedrichsaue und Schadeleben, Frose und Hoym. Sie alle warten auf Informationen. „Vielleicht ist der Bagger beim Rütteln umgekippt, wenn der auf einer Blase steht, kann das schnell passieren“, mutmaßt Rainer Heuwold, der stellvertretende Ortsbürgermeister von Nachterstedt. Und meint: „Da werden wohl gleich wieder Stimmen laut, dass es das mit der Öffnung des Sees im nächsten Jahr war.“

Inzwischen werden Handyfotos herumgezeigt. Von der Schadelebener Seite aus sieht man abgerutschte Erdmassen und den Radlader, der auf einer kleinen Insel steht. Ein Riss gehe hoch bis zu Novelis. Das berichtet der Einsatzleiter der Feuerwehr der Bürgermeisterin. Die Erde arbeite weiter. Schadelebens Ortsbürgermeister Alfred Malecki legt den Arm um Heidrun Meyer und versucht zu trösten. Den ersten Erdrutsch, der drei Todesopfer forderte, hatte sie kurz nach ihrem Amtsantritt erlebt. Jetzt, nachdem sie gerade die Wiederwahl für sich gewinnen konnte, fast das gleiche Szenario.

Wieder muss sie zuerst an die Menschen denken. Acht Familien sollen vorsorglich ihre Häuser verlassen. Für die sucht Sarina Winter von der Stadtverwaltung gerade eine Unterkunft. Manche gehen sind Hotel, andere zu Verwandten. „Soll ich auch gleich Getränke für die Feuerwehrleute besorgen?“, fragt sie die Bürgermeisterin. „Das wird sicher die ganze Nacht dauern“, nickt die niedergeschlagen.

Straße und Bahnstrecke gesperrt

Inzwischen stellen die Kameraden weiß-orange Kegel auf, um die Straße abzusperren. Gesperrt wird auch die Bahnstrecke zwischen Frose und Wegeleben. Ein Gutachter der LMBV trifft ein. Es wird aber bis gegen 23 Uhr dauern, ehe eine Entscheidung darüber fällt, wie es weitergehen soll.

Über der Szenerie schwebt ein Polizeihubschrauber, der Bilder von dem Unglück machen soll. Auch Wirtschaftsminister Jörg Felgner ist in Nachterstedt eingetroffen, um den Betroffenen zur Seite zu stehen. „Das sind genau die gleichen Bilder wie 2009“, seufzt Mario Kempe, der Ortsbürgermeister von Frose ist und eigentlich gerade den Stadtrat leiten müsste. „Da wäre ich jetzt lieber“, zuckt er traurig die Schultern.

(mz)