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Leben auf der StraßeIn Sachsen-Anhalt steigt die Zahl der Obdachlosen - Gegenmaßnahmen gibt es kaum

Immer mehr Menschen haben kein Dach über dem Kopf, weswegen Sozialverbände warnen: Das Problem wächst, werde aber ignoriert. Doch Kommunen verfügen nicht einmal über Daten zur Lage.

Von Lisa Garn 09.12.2023, 10:00
In einer Unterführung am Riebeckplatz in Halle starb im November ein Obdachloser.
In einer Unterführung am Riebeckplatz in Halle starb im November ein Obdachloser. (Foto: Julius Lukas)

Halle/MZ. - Sozialverbände und Hilfeeinrichtungen registrieren in Sachsen-Anhalt mehr Menschen, die keine Wohnung haben oder von Obdachlosigkeit bedroht sind. Eine offizielle Statistik gibt es erst seit 2022 – sie zeigt aber nur die untergebrachten Wohnungslosen. Deren Zahl ist laut Statistischem Landesamt von 365 am Stichtag Ende Januar 2022 auf 1.980 in diesem Januar gestiegen.

„Wohnungslosigkeit ist ein wachsendes Problem. Aber das Thema wird gesellschaftlich und politisch ignoriert und bagatellisiert“, sagt Heiko Wünsch. Er leitet die Sozialberatung und Wärmestube der Evangelischen Stadtmission in Halle. Sie unterstützt unter anderem bei Behördenproblemen, mit einer warmen Mahlzeit und vergibt Postadressen für wohnungslose Menschen.

Die Zahl der Hilfesuchenden ist enorm gestiegen: von rund 6.400 bis November 2022 auf fast 9.400 bisher in diesem Jahr. „Zu uns kommen die, die durch das soziale Hilfenetz gefallen sind, Hunger haben, frieren, die Miete nicht mehr zahlen können.“

Auslastung der Wohneinrichtungen für Obdachlose steigt

Auch in Wohneinrichtungen für Obdachlose steigt die Auslastung. „Wir haben ohne Ende Anfragen. Für die Noteinweisungen müssen wir einen zusätzlichen Raum herrichten“, sagt Maik Sander, Leiter des Wohnungslosenhauses in Naumburg (Burgenlandkreis), das der Diakonie angegliedert ist. So liege die Zahl der Übernachtungen jetzt bei über 1.200, im vorigen Jahr waren es 312.

Die Gründe für die Entwicklung sieht Sander vor allem in höheren Mieten und Energiekosten, das Leben sei teurer geworden. „Die Menschen kommen mit dem Geld nicht mehr hin, bezahlbarer Wohnraum ist knapp. Dann zahlen sie zwei Mieten nicht und sind raus.“

Mehr zum Thema: Obduktionsergebnis liegt vor - So starb der Tote im Obdachlosenheim in Halle

Armut, Arbeitslosigkeit, Sucht und psychische Störungen spielten eine Rolle in der Abwärtsspirale, sagt Wünsch. „Aber auch prekäre Beschäftigung im Niedriglohnsektor ist ein Problem. Viele wohnungslose Menschen werden nur befristet angestellt, sind zeitweise arbeitslos.“ Sie stockten durch Sozialleistungen auf, haben aber kein planbares Einkommen.

Diese Nachricht hinterließ eine ungenannte Person nachdem am Riebeckplatz in Halle ein Obdachloser gestorben war.
Diese Nachricht hinterließ eine ungenannte Person nachdem am Riebeckplatz in Halle ein Obdachloser gestorben war.
(Foto: Julius Lukas)

Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe hatten 2022 in Deutschland rund 600.000 Menschen zeitweise keine Wohnung. Das sind etwa 58 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Sozialverband erklärt den Anstieg auch mit mehr Flüchtlingen.

Trainingswohnungen sollen Betroffene zur Eigenständigkeit befähigen

Obdachlosigkeit ist Aufgabe der Kommunen. „Aber Zahlen werden nicht ausreichend abgefragt und Hilfebedarfe nicht ermittelt“, kritisiert Wünsch. Auch die Stadt Halle hat keine Gesamtstatistik. Allerdings: Im Haus der Wohnhilfe sind im Wohnbereich im Jahresschnitt 107 Menschen untergebracht, 2018 lag der Schnitt noch bei 98. Im Notquartier sind es durchschnittlich 23 Betroffene (2018: zwölf).

Die Stadt verweist auf Konzepte wie Trainingswohnungen, in denen Betroffene zur Eigenständigkeit befähigt werden sollen. Im Stadtrat wird zudem das Modell „Housing first“ diskutiert, das auch in Magdeburg läuft. Dabei bekommen Obdachlose zuerst eine Wohnung, dann kümmern sie sich um ihre anderen Probleme. „Wohnungslosigkeit ist kein zunehmendes Problem. Die Stadt kann jeden hilfesuchenden Obdachlosen in einer Einrichtung aufnehmen“, heißt es von der Stadt Magdeburg.

Beide Städte führen auch Angebote wie Kältebus oder Bahnhofsmission an. „Aber das reicht nicht“, sagt Wünsch. Die Vernetzung kommunaler und freier Trägern sowie privater Initiativen funktioniere oft nicht. Deshalb will er für Halle 2024 ein Bündnis gegen Wohnungslosigkeit gründen.

Die Prävention müsse ausgebaut werden, er fordert zudem mehr Wohnprojekte, Neubau von Sozialwohnungen, Mietpreisgrenzen sowie höhere Regelsätze. „Es fehlt in Deutschland oft der politische Wille, das Thema nachhaltig anzupacken.“