Wasserstraße von Leipzig nach Hamburg

Gescheitertes Projekt Saale-Elster-Kanal: Ist eine Fertigstellung noch möglich?

Von Steffen Könau
Die hochaufragenden Betonwände der vor 80 Jahren gebauten Schleusentreppe Wüsteneutzsch waren Teil des Großprojekts Südflügel Mittellandkanal. (Foto: Steffen Könau)

Wüsteneutzsch - Es wird nicht kommen, nicht in diesem Jahr und sicher auch nicht im nächsten. Wenn Michael Witfer vor den hohen Betonwänden der Schleusenruine von Wüsteneutzsch steht und neugierigen Spaziergängern vom einzigartigen Schicksal der einst größten deutschen Schleusentreppe erzählt, ist der Mann aus Merseburg ganz ehrlich.

Es wird wohl auch im nächsten Jahrzehnt nichts mehr werden mit seinem Traum von einem Schiff, das hier vorüberfährt, wo sich heute nur die Reste eines Großbauvorhabens in den Himmel strecken, das vor acht Jahrzehnten beendet worden war.

Saale-Elster-Kanal - Ein Kanal im Gebüsch

Aber schön wäre es eben doch, sagt Witfer, der als Notfallsanitäter arbeitet und seit 15 Jahren für den Saale-Elster-Kanal kämpft. Der ist hier, am Nordrand des Örtchens Wüsteneutzsch in der Nähe von Leuna, im dichten Gebüsch nur zu erahnen. Aber bis kurz hinter Günthersdorf, drüben an der Autobahn, zieht sich die geflutete Wasserstraße, die einst bis zur Saale bei Merseburg führen sollte. Auf dem Weg dorthin ist der Kanal stellenweise bereits ausgehoben, aber bis heute trocken - ein Abenteuerspielplatz für Motocross-Fahrer aus den Ortschaften ringsherum.

Und mittendrin ragt dann diese Schleuse über der flachen Landschaft auf wie ein Raumschiff. Aus den Feldern, über denen Milane kreisen, wächst der gewaltige Betonbau aus dem Land, der ursprünglich dazu gedacht war, 24 Meter Höhenunterschied auf dem Weg zur Saale auf technisch ausgeklügelte Weise auszugleichen.

Ein Gigant im Flachland, der heute wie ein Mahnmal für das ehrgeizige Bauprojekt „Südflügel Mittellandkanal“ wirkt. Das geht zumindest der Legende zufolge auf den Leipziger Stadtverordneten Karl Heine zurück. Der Unternehmer hatte Mitte des 19. Jahrhunderts Pläne von König Friedrich August I. von Sachsen zur Anbindung Leipzigs an Saale und Elbe durch einen Kanal aufgegriffen und mit dem Graben des heute nach ihm benannten Karl-Heine-Kanals von der Weißen Elster Richtung Westen beginnen lassen, wie seine Anhänger loben.

Saale-Elster-Kanal: Gescheitertes Vorhaben

Doch dass das schließlich gescheiterte Vorhaben wirklich in Richtung Saale zielte, daran hat Dirk Becker seine Zweifel. „Es gibt keine Pläne“, sagt der aus Aschersleben stammende Experte für den Kanal, „und beim Wasserstraßenbau fängt man ja in der Regel nicht an, ohne alles genau zu planen.“

Erst recht, wenn es um den Zugang zum offenen Meer geht für eine von nur zwei deutschen Großstädten, die ihn nicht haben. „Das sind München und Leipzig“, rechnet Becker vor. Der Kanalkenner ist eigentlich Lokführer, aber seit er vor Jahren beim Versuch, einem Stau auf der Autobahn auszuweichen, auf den Betonriesen aufmerksam wurde, hat er den Kanal zu seinem Lebensthema gemacht. „Ich habe die Ruine gesehen, einen Treckerfahrer gefragt, wie man hinkommt, und als wir davorstanden, nur noch gestaunt.“

Der Beginn einer Liebe fürs Leben. Wenig später trifft Becker Witfer, den Hobbykapitän aus Merseburg, der mit einigen Gleichgesinnten gerade einen Verein gegründet hat, der den Weiterbau vorantreiben will. Eigentlich nur, sagt Witfer, „weil es schade war, dass die Bootsfreunde aus Leipzig nicht zu Wasser hierüber zu uns kommen können“. Schwierig sei schon die Namensfindung gewesen, erinnert sich der 55-Jährige. Wo kein Kanal, da keine Bezeichnung. Oder eben ganz viele. „In Leuna sagen sie Stichkanal, in Leipzig Leipziger Kanal, und wir haben ihn dann halt Saale-Elster-Kanal genannt.“

Treppenschleuse in Wüsteneutzsch - Projektbeginn vor 100 Jahren

Darum gehe es schließlich bei dem Projekt, das älter ist als alle, die sich heute damit beschäftigen, wie Becker beschreibt. Vor 100 Jahren, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, sollte das Wasserstraßennetz des Reiches modernisiert und ausgebaut werden. „Nicht mehr ein Schiffstyp für jeden Fluss, sondern ein Regelschiff, das überall fahren kann“, sagt er. 80 Meter lang, 1.000 Tonnen schwer, für dieses Schiffsmodell wird auch die Treppenschleuse in Wüsteneutzsch konzipiert.

Der geplante Verlauf vom Saale-Elster-Kanal.
(Grafik: MZ/Büttner)

1926 gießt ein Staatsvertrag das Projekt in eine feste Form. „Dass das Ganze ein Nazibau ist, ist totaler Quatsch“, schimpft Dirk Becker über ein Vorurteil, das immer wieder auftaucht. „Die Projektierung lief lange vorher, und sogar der Baustart erfolgte schon im Sommer 1932.“

Hitler habe das Großvorhaben dann aber propagandistisch genutzt: Die kilometerlangen Kanäle, die geplanten zwei baugleichen Schleusenkammern, jeweils 85 Meter lang, zwölf Meter breit und 16?Meter hoch. Dazu der Anschluss des Südens an Mittellandkanal und Nordsee - all das atmet den Geist einer Zeit, in der der Mensch sich die Natur zurechtschneidet, wie er sie braucht.

Saale-Elster-Kanal - Arbeiten mit zweitem Weltkrieg eingestellt

Was davon heute noch zu sehen ist, wirkt wie das betongewordene Dokument eines gigantischen Scheiterns. „Mit Goebbels Ankündigung des totalen Krieges 1943 wurden die Arbeiten eingestellt“, sagt Dirk Becker. Zu DDR-Zeiten gab es einen neuen Anlauf, die Unternehmung fortzuführen und zu beenden. „Aber als die Mauer gebaut wurde, waren andere Dinge wichtiger als eine Wasserstraße von Sachsen nach Hamburg.“ Halbfertig blieb die obere Schleusenkammer, die untere eine Baugrube, die sich seitdem in einen lauschigen kleinen See verwandelt hat, an dem Angler sitzen und Biber siedeln.

Geht es nach Michael Witfer und Dirk Becker, soll es dabei aber nicht bleiben. Die beiden Männer vom Saale-Elster-Kanal-Förderverein denken allerdings nicht an Frachtschiffe und Gütertransporte wie frühere Generationen von Kanalverfechtern. „Uns fehlen nur 7,5 Kilometer und ein Schiffshebewerk“, sagt Becker, „dann ist das ein touristischer Anziehungspunkt.“ Becker sieht das Schiffshebewerk in Niederfinow als Vorbild. „Da strömen Jahr für Jahr 200.000 Besucher hin“, sagt er. Dazu Wassertouristen aus nah und fern. „Das wäre wirklich eine blühende Landschaft“, ist Michael Witfer sicher.

In Schottland haben sie sich vor Jahren schon das Falkirk Wheel angeschaut, einen utopisch anmutenden Bootsfahrstuhl, der vor 20 Jahren gebaut wurde und heute Millionen Neugierige anzieht. „Das wäre genau das, was wir brauchen“, glaubt Dirk Becker. Keine große Lösung zum Anschluss Leipzigs an die großen Frachtwasserstraßen. Aber auch keine kleine Lösung in Form einer Allerweltsschleuse. „Etwas Spektakuläres“, wünscht sich Becker, das „zusammen mit der denkmalgeschützten Schleusenruine Touristen lockt.“

Projekt Saale-Elster-Kanal - Richtige Zeit zur Vollendung gekommen?

Becker ist skeptisch, weil „Corona nun wohl der letzte Schuss für die Sache war“. Woher solle denn nun das Geld kommen? Michael Witfer dagegen ist überzeugt, dass genau jetzt die richtige Zeit für die Vollendung des großen Planes kommt. Dazu brauche es nur ein paar Millionen aus dem Braunkohleausstieg und die Erkenntnis, dass die Region „nicht nur ein paar neue Radwege und Straßen nötig hat, sondern einen touristischen Leuchtturm, den man von Weitem sehen kann“.

Der Bund habe zuletzt signalisiert, dass er Gesetze ändern wolle, die den touristischen Ausbau bisher verhindern. „Es kommt jetzt nur auf die Länder an, diese große Chance zu sehen und sich zusammenzusetzen, damit daraus ein Plan wird.“ (mz)

Der Verein im Netz: www.saaleelsterkanal.de