Assistent für den Hausarzt?

Assistent für den Hausarzt?: Ein neuer Studiengang im Land sorgt für Kritik

Köthen/Halle (Saale) - Die Hochschule Anhalt bietet mit Beginn des Wintersemesters einen Studiengang an, der gleichermaßen für Aufmerksamkeit wie Kopfschütteln sorgt. In sieben Semestern können sich Mitarbeiter aus dem medizinischen Bereich - zum Beispiel Krankenpflegerinnen, Medizinische Fachangestellte oder Rettungssanitäter - berufsgeleitend zum „Physician Assistant“ (PA), also zum Arztassistenten, ausbilden lassen. So soll auch der Versorgungslücke auf dem Land begegnet ...

Von Walter Zöller

Die Hochschule Anhalt bietet mit Beginn des Wintersemesters einen Studiengang an, der gleichermaßen für Aufmerksamkeit wie Kopfschütteln sorgt. In sieben Semestern können sich Mitarbeiter aus dem medizinischen Bereich - zum Beispiel Krankenpflegerinnen, Medizinische Fachangestellte oder Rettungssanitäter - berufsgeleitend zum „Physician Assistant“ (PA), also zum Arztassistenten, ausbilden lassen. So soll auch der Versorgungslücke auf dem Land begegnet werden.

Während Hausärzteverband und Kassenärztliche Vereinigung des Landes das Angebot als wichtigen zusätzlichen Baustein in der medizinischen Versorgung loben, reagieren Ärztekammer Sachsen-Anhalt und Universitätsmedizin Halle mit Unverständnis. Es sei richtig, medizinisches Personal zukünftig zum „Physician Assistant“ auszubilden. Das an der Hochschule Anhalt verfolgte Konzept aber führe in die falsche Richtung, heißt es.

Hochschule Anhalt stellt neuen Studiengang vor

Zum ersten Mal wurden PA in den sechziger Jahre in den USA ausgebildet, erläutert Thomas Karbe am Montag in Köthen während der Vorstellung des Studiengangs, den der Mediziner maßgeblich aufgebaut hat.

Das Berufsbild des Arztassistenten hat sich bis heute im Kern nicht verändert: Er kann und darf viel mehr machen als eine Arzthelferin oder Krankenschwester. Er ist aber kein ausgebildeter Mediziner, sondern muss auf Anweisung eines Arztes handeln.

Was Arztassistenten leisten könnten

Als Beispiel nennt Karbe den Assistenten, der im Auftrag des Hausarztes einen Patienten zu Hause besucht, per Telemedizin dann Rücksprache mit dem verantwortlichen Mediziner nimmt und eine Ultraschalluntersuchung vorbereitet.

In Kliniken könnten Arztassistenten etwa den Chirurgen bei Operationen unterstützen. „Wobei die medizinische Gesamtverantwortung immer beim behandelnden Arzt bleibt“, betont Karbe.

Hochschule verspricht Ausbildung auf höchstem Niveau

In Deutschland wird der Studiengang bisher von wenigen privaten Hochschulen angeboten, mit dem Bachelor der Hochschule Anhalt steigt die erste staatliche Einrichtung ein. Die Ausbildung werde auf höchstem Niveau stattfinden, sagt Karbe.

Man kooperiere mit Krankenhäusern und Arztpraxen. „Wir werden uns vor allem auf die hausärztliche Medizin konzentrieren.“ Ziel sei die Entlastung der Ärzte von bestimmten Aufgaben, um mehr Zeit für die Patienten zu haben.

Kritik an neuem Studiengang

Simone Heinemann-Meerz, Präsidentin der Ärztekammer Sachsen-Anhalt, sieht im Vorgehen der Hochschule einen Alleingang. Die Ausbildung von Arztassistenten sei vor allem für den Einsatz in Krankenhäusern sinnvoll.

Es sei besser, einen PA-Studiengang an den Universitätskliniken Halle und Magdeburg anzubieten, dort sei eine umfangreichere Ausbildung möglich. Entsprechende Überlegungen gebe es. „Ich bin einigermaßen überrascht, dass die Hochschule Anhalt jetzt diesen Sonderweg geht“, so Heinemann-Meerz.

Alleingang sorgt für Verwunderung

„Was jetzt passiert, ist ungesteuert und zusammenhanglos“, sagt auch Michael Gekle, Dekan der Medizinischen Fakultät der Uni Halle. Das Land habe die beiden Unikliniken in den jüngst unterschriebenen Zielvereinbarungen aufgefordert, Master-Studiengänge zur Ausbildung von Arztassistenten aufzubauen. Da verwundere es, wenn die Hochschule Anhalt vorpresche.

Unikliniken seien besser geeignet, Arztassistenten auszubilden. Hier sei der direkte Kontakt zu anderen Gesundheitsberufen möglich. In den meisten Hausarztpraxen gebe es im Übrigen ohne Arztassistenten mittlerweile genügend Fachpersonal.

Versorgung im ländlichen Raum soll gestärkt werden

Deren Einsatz betont auch Burkhard John, Vorsitzender des Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt - und widerspricht Gekle. Zwar übernehme medizinisches Fachpersonal in den Praxen schon viele Aufgaben. Nun aber müsse der notwendige nächste Schritt getan werden -und zwar mit den Arztassistenten.

Ein Einsatzgebiet sieht Stefan Andrusch vom Hausärzteverband in Medizinischen Versorgungszentren. Diese würden in ländlichen Regionen immer wichtiger. Für Arztassistenten gebe es dort genug zu tun.

Autonomie der Hochschule

Die Kritik an dem Bachelor-Studiengang hält Hochschul-Präsident Jörg Bagdahn für unbegründet. Man dürfe nicht warten, bis das Problem der fehlenden medizinischen Versorgung alle überrollt.

„Wir packen es an“, meinte Bagdahn. Den Studiengang anzubieten, falle in die Autonomie der Hochschule und sei durch die Zielvereinbarung mit dem Land gedeckt.

Wissenschaftsministerium äußert sich zurückhaltend

Das Wissenschaftsministerium übte sich in der Antwort auf eine MZ-Anfrage in der Kunst, es allen recht zu machen. Der Bachelor-Studiengang Arztassistent an der Hochschule Anhalt und ein Master-Studiengang - vielleicht ab 2021 - an den Unikliniken seien kein Gegensatz.

Die Begeisterung über das Vorgehen der Hochschule dürfte sich aber in Grenzen halten. Es ist wohl kein Zufall, dass bei der offiziellen Vorstellung des Studiengangs am Montag entgegen der üblichen Praxis kein Vertreter des Ministeriums dabei war. (mz)