Flucht aus der GroßstadtBad Dürrenberg: Immer mehr leipziger zieht es in die Solestadt

Bad Dürrenberg - Leipzig wächst und Bad Dürrenberg scheint davon zu profitieren. Was eine junge Familie bewegt hat, hierher zu ziehen.

Von Melain van Alst 20.02.2017, 16:18

In einem Holzhaus umgeben von einem Garten wohnen Melanie Saul und Thomas Ulrich mit ihrem Sohn. Auf der einen Seite sind Grundschule und Kindergarten, auf der anderen Seite des Grundstückes ist eine kleine Straße, an der sich ein Feld anschließt. Das war’s.

Immer mehr Leipziger zieht es nach Bad Dürrenberg

Wenn sie den Blick in die Ferne schweifen lassen, können sie noch die Autos auf der Autobahn 9 sehen. Seit sechs Monaten wohnen sie in Tollwitz, einem Ortsteil von Bad Dürrenberg. Sie haben die Großstadt gegen das ländliche Leben getauscht. Aus Leipzig ist die kleine Familie nach Bad Dürrenberg gekommen. Damit befindet sie sich in guter Gesellschaft, es scheint sich regelrecht zu einem Trend entwickelt zu haben, dass Leipziger sich in die Solestadt orientieren.

Bad Dürrenbergs Bauamtsleiter René Schaar hat vor Kurzem in einem Ausschuss davon berichtet, dass er zunehmend Anfragen aus Leipzig bekommt, in denen Familien nach Bauland in der Solestadt fragen.

Auch die Kindertagesstätten in Bad Dürrenberg sind stark ausgelastet, die Geburtenzahlen steigen und kurzfristig zugezogene Kinder müssen untergebracht werden. „Wir werden in Zukunft verstärkt auf den Zuzug aus Sachsen setzen“, sagt Bürgermeister Christoph Schulze (CDU). Gefühlt liegt die Messestadt näher als Halle.

Leipzig boomt - und Bad Dürrenberg könnte profitieren

Leipzig boomt und ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Zum Jahresende 2015 waren rund 568.000 Einwohner in der Messestadt mit Hauptwohnsitz gemeldet. Schätzungen der Stadtverwaltung gehen davon aus, dass bis 2030 rund 722.000 Menschen in der sächsischen Großstadt wohnen könnten. Und das ist nur eine mittlere Schätzung. Denkbar seien demnach sogar bis zu 770.000 Einwohner.

Schon jetzt ist der Wohnungsmarkt umkämpft und das wird sich weiter verstärken. Zieht Leipzig also nicht nur junge Leute aus der Umgebung an, entwickelt die Stadt womöglich einen Speckgürtel, von dem auch Bad Dürrenberg profitieren kann.

Was macht Bad Dürrenberg für Leipziger attraktiv?

Tim Leibert vom Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig beschäftigt sich mit der Entwicklung der Stadt. Er sieht vor allem, dass die Regionen um Leipzig Menschen an die Stadt verloren haben. „Die Stadt wächst sehr stark.“ Von einem Speckgürtel, der bis nach Bad Dürrenberg reicht, will er aber nicht sprechen. „Ich glaube jedoch, das solche Kleinstädte im Moment von einer sehr günstigen Situation profitieren.“ Vor allem dann, wenn Familien auf der Suche nach Bauland sind, um ein Haus darauf zu bauen. „Die Kredite werden einem fast nachgeschmissen.“

Das wird jedoch nicht ewig ziehen. „Die Städte müssen ein Alleinstellungsmerkmal entwickeln, um dem demografischen Trend entgegenzuwirken“, so Leibert. Denn auch für Bad Dürrenberg gilt derzeit noch, dass mehr Menschen fortziehen als in die Solestadt kommen. „Die Zahl der Zuzüge aus Sachsen lag 2016 bei 84 und ist weiter ausbaufähig“, so Bürgermeister Christoph Schulze.

Werbung in Leipzig: Auch die Leuwo will vom Trend profitieren.

Auf diese Welle will auch Guido Födisch aufspringen. Der Geschäftsführer der Leuna-Wohnungsgesellschaft (Leuwo) wirbt großflächig um neue Mieter in der Messestadt. Auch er sieht das Potenzial eher in Leipzig denn in Halle. „Ein Grund dafür ist einfach die günstige Anbindung“, so Födisch.

Noch hat er zwar keine neuen Mieter gewonnen, aber die ersten Interessenten haben sich bereits auf die Werbung gemeldet. Er ist davon überzeugt, dass Bad Dürrenberg von der Nähe zu Leipzig profitieren kann und soll.

Vorteile aus Sicht der Leipziger Familie: Gute Verkehrsanbindung und ein Kita-Platz

„Leipzigs Speckgürtel reicht schon bis hierher“, glaubt auch Thomas Ulrich. Es war das Gesamtkonzept, das das Paar überzeugt hat. Haus, Garten und die finanzierbare sowie verkehrstechnisch günstige Lage. „Wir haben in Leipzig lange gesucht, aber nichts passendes für uns gefunden“, sagt der gebürtige Leipziger, der nun zu den Pendlern gehört. Er arbeitet weiterhin auf der anderen Seite der Landesgrenze und musste sich deshalb nun ein Auto anschaffen.

„Wenn wir direkt in Bad Dürrenberg wohnen würden, hätte ich es nicht gebraucht.“ Er nutzt lieber den Zug und sei froh, dass es eine Direktverbindung gebe, bei der er gleich noch sein Fahrrad mitnehmen könne.

Unterdessen hat ihr Sohn gleich einen Kita-Platz bekommen. „Die Kita in Tollwitz war zwar voll, aber dafür haben wir einen Platz in Bad Dürrenberg bekommen. Das lief problemlos“, freut sich das Paar.

Die jungen Leute fühlen sich wohl in der Kleinstadt und wenn es nach Melanie Saul geht, würde sie hier sogar noch mehr arbeiten. Als selbstständige Hebamme sei sie es gewohnt, mobil zu sein, aber dennoch würde sie sich freuen, nahe ihrem neuen Wohnort zu arbeiten. Und dass es in Bad Dürrenberger deutlich ruhiger zugeht, findet die gebürtige Thüringerin sogar sehr angenehm. „Ich komme auch eher aus einer ländlichen Gegend und finde das sehr schön.“ (mz)