Karstadt muss raus

Karstadt Leipzig muss schließen: Warum eines der schönsten Kaufhäuser schließt

Leipzig - Der Handelskonzern gibt in Leipzig eines seiner ältesten und schönsten Kaufhäuser auf. Trägt allein der Schweizer Immobilien-Eigner die Schuld?

Von Steffen Höhne 08.10.2018, 08:01

Auf den sechs Etagen des Kaufhaus hängen neonrot und gelbe Schilder mit den Aufschriften: „Alles muss raus“ und „Großer Abverkauf“. Damit wird nun auch den Kunden signalisiert, am 31. März 2019 ist das Kapitel Karstadt Leipzig voraussichtlich zu Ende. Eine mehr als 100-jährige Kaufhaustradition endet wegen einer Immobilienpreis-Spekulation.

So wie es aussieht, gibt es nur Verlierer: 400 Beschäftigte verlieren ihren Job, Karstadt muss das größte Kaufhaus Mitteldeutschlands aufgeben und der Immobilien-Eigner Petersstraße S.a.r.l. hat zunächst einen gewaltigen Leerstand.

In den vergangenen Monaten gab es einen Poker, in dem sich offenbar beide Seiten verzockt haben. Am öffentlichen Pranger steht vor allem der Immobilien-Eigner, der knapp 70 Prozent mehr Miete fordert. Nach MZ-Informationen zeigt jedoch auch Karstadt in den Verhandlungen wenig Kompromiss-Bereitschaft. Am Ende soll es an einer Million Euro gescheitert sein.

Doch der Reihe nach: Am 5. April 2018 tritt Michael Zielke, Leiter von Karstadt Leipzig, in einer Betriebsversammlung vor die rund 230 Karstadt-Mitarbeiter und erklärt, dass der Eigentümer der Immobilie den bis Ende März 2019 laufenden Mietervertrag nicht verlängert. Vorangegangene Verhandlungen waren gescheitert, weil eine Mieterhöhung von fast 70 Prozent gefordert wurde.

Karstadt in Leipzig muss schließen: Unterschriften der Mitarbeiter landen im Müll

Zielke gibt sich dennoch kämpferisch: „Wir werden alles tun, um in Leipzig zu bleiben.“ Danach startet Karstadt eine Medien-Offensive: Am 9. Mai wird eine Menschenkette um das Kaufhaus gebildet, gleichzeitig wird eine Unterschriften-Aktion zum Erhalt und die Internetseite www.karstadtleipzigmussbleiben.de gestartet.

Höhepunkt: Am 5. Juni fährt eine Delegation um Kaufhaus-Chef Zielke zum Eigentümer nach Luxemburg, um 50.000 Unterschriften zu übergeben. Petersstraße-Geschäftsführer Pascal Bruzzese ist sichtlich genervt und schmeißt den Karton vor laufenden Kameras in den Müll. Später sagt Bruzzese dem „Tageblatt“ in Luxemburg kleinlaut: „Das war eine blöde Aktion.“ Die mediale Rollenverteilung ist klar: Auf der einen Seite Karstadt-Mitarbeiter, die um ihre Jobs bangen, auf der anderen Seite eine Finanz-Heuschrecke.

Doch ganz so simpel ist die Geschichte nicht. Das Kaufhaus wird 2002 von Karstadt verkauft, der neue Eigner saniert es bis 2006 für 180 Millionen Euro grundlegend. Danach mietet Karstadt die Immobilie teuer für 11,2 Millionen Euro im Jahr zurück.

Karstadt Leipzig muss schließen: Oberbürgermeister Burkhard Jung als Vermittler

Zu hohe Mieten sind jedoch ein Grund, warum die Karstadt-Mutter Acandor 2009 Insolvenz anmeldet. Die Verträge werden neu verhandelt. Karstadt muss fortan laut Medienberichten nur sieben Millionen Euro pro Jahr für 33.000 Quadratmeter Verkaufsfläche zahlen.

2017 kauft die Immobilie die Luxemburger Firma Petersstraße S.a.r.l, dahinter steht der Schweizer Investor Even Capital mit Michael Lévy an der Spitze. Diese fordern nun offenbar in etwa den alten Mietpreis. Auf MZ-Anfrage war weder Petersstraße S.a.r.l. noch Even Capital erreichbar. Doch handelt es sich nicht um anonyme Finanzinvestoren. Even Capital gehört auch die angrenzende Leipziger Laden-Passage Petersbogen, zudem lässt das Unternehmen am angrenzenden Grundstück ein Hotel errichten.

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) schaltet sich daher im Sommer ein und will zwischen den Parteien vermitteln. So sollte auch ein Gespräch auf höchster Ebene zwischen Karstadt-Boss Stephan Fanderl und Lévy stattfinden. Ergebnisse sind nicht bekannt.

Nach MZ-Informationen hatten sich beide Parteien angenähert. „Um eine Million Euro Differenz soll es am Ende gegangen sein“, sagt ein Insider. Einerseits hätte Karstadt die Beharrlichkeit von Even Capital unterschätzt. Andererseits habe auch Even Capital nicht damit gerechnet, dass Karstadt wirklich auszieht. Dem Kaufhaus-Konzern spielt in die Hände, dass er mit dem Konkurrenten Kaufhof zusammengeht. In Leipzig wird der Handels-Konzern weiter durch Kaufhof vertreten sein.

Kommt nach der Schließung IKEA an den Karstadt-Standort in der Leipziger Innenstadt?

Das Nachsehen haben die Beschäftigten. Als erstes kündigte Karstadt Untervermietern wie Drogerien und Reisebüros mit 170 Mitarbeitern, dann seinen rund 230 Mitarbeitern. Die Gewerkschaft Verdi kritisiert das Vorgehen: „Mitarbeitern, die in Leipzig 130 Stunden im Monat tätig sind, erhielten eine Änderungskündigung mit dem Angebot für 110 Stunden in München“, sagt Jörg Lauenroth-Mago von Verdi. Das sei kein fairer Umgang. Man hätte zumindest im Vorfeld mit den Beschäftigten sprechen müssen, ob und in welches Haus sie wechseln wollen.

Doch wieso gab es eine solche Härte in den Verhandlungen? Handelsexperte Gerd Hessert von der Universität Leipzig versucht, es zu erklären: „Karstadt Leipzig gehört zu der Gruppe von Warenhäusern mit einem jährlichen Umsatz von 30 bis 50 Millionen Euro.

Das heißt, sieben Millionen Jahresmiete sind eigentlich schon über dem Limit.“ Um rentabel zu sein, darf laut Hessert die Miete nicht zehn Prozent des Jahresumsatzes überschreiten. Hessert sieht keinen Einzelhändler für Even Capital, der das Haus komplett mieten würde, auch wenn es Spekulationen um das Einrichtungshaus Ikea gab.

„Even Capital müsste das Haus mit erheblichen Investitionen umbauen, um einzelne Flächen separat zu vermieten“, sagt der Handelsexperte. Für die unteren drei Etagen sei das machbar. Die oberen drei Etagen seien für den Einzelhandel aber uninteressant. Kurz: Die Zukunft eines der schönsten Warenhäuser Deutschlands ist ungewiss.

Karstadt Leipzig muss schließen: Mehr als 100 Jahre Kaufhausgeschichte enden

Am 14. Dezember 1914 eröffnet der Unternehmer Theodor Althoff in Leipzig sein zweites großes deutsches Warenhaus - nach Dortmund zehn Jahre zuvor. Die hellen Verkaufsräume durch große Lichthöfe waren für die damalige Zeit neu und zogen die Käufer in Scharen an.

Im Jahr 1920 wurden die Althoff-Kaufhäuser von Karstadt übernommen und der gesamte Konzern in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Althoff-Warenhäuser wurden jedoch erst 1963 in der Bundesrepublik in Karstadt umbenannt. Das Leipziger Kaufhaus in der Petersstraße wurde 1943 durch einen Brand zerstört. Ab 1949 wurde es wieder aufgebaut und gehörte ab den 1960er Jahren zur Vereinigung volkseigener Warenhäuser Centrum.

Im Jahr 1991 übernahm Karstadt das Haus und ab 2004 wurde es von Grund auf saniert. Nur die historische Fassade blieb stehen, dahinter wurde auf sechs Etagen ein moderner Konsumtempel errichtet. Charakteristisch ist der große Lichthof im Inneren mit einem Glasdach und eine der höchsten Wasserfontänen Europas. Jede Stunde schießt bei Musik ein Wasserstrahl 30 Meter in die Höhe. (mz)