Wörlitzer Park

Wörlitzer Park: Vulkan im Gartenreich soll wieder ausbrechen

Wörlitz - Nach vierjähriger Pause wird künstlicher Vulkan auf Insel Stein am 19. und 20. August wieder ausbrechen.

Von Ilka Hillger 11.08.2016, 04:00

Generell ist es ratsam, bei einem Vulkanausbruch den größtmöglichen Abstand zum Ort des Geschehens zu gewinnen. In Wörlitz schlägt man solch guten Rat in den Wind. Hier laufen die Leute nicht weg, wenn es grummelt und Rauch die nahende Katastrophe ankündigt.

Die Menschen kommen vielmehr in großer Schar, und bevor sie sich ansammeln, wird sogar noch das Umfeld hübsch gemacht. Die Leute sind nicht etwa sensationslüstern; sie kommen, weil sie es schlichtweg können. Der kleine Vulkan auf der Insel Stein tut schließlich nur so, als ob er ein großer wäre.

Geschätzte 8000 Besucher brachten Wörlitz beim letzten Vulkanausbruch 2012 verkehrstechnisch an die Grenzen. „Es gab erhebliche Einschränkungen für die Rettungskräfte, weil die Straße zwischen Wörlitz und Riesigk beidseitig zugeparkt war“, so Marcus Benedix. Ein unhaltbarer Zustand, wie der Leiter des Wittenberger Polizeirevieres findet.

Für das Spektakel in diesem Jahr hat das zuständige Revier gemeinsam mit den Veranstaltern und der Stadtverwaltung Oranienbaum-Wörlitz deshalb Vorkehrungen getroffen, um Beeinträchtigungen für Anwohner und Besucher so gering wie möglich zu halten und um vor allem den Rettungskräften freie Fahrt zu gewährleisten. Zunächst gibt es die gute Nachricht, dass die innerörtliche Baustelle am Veranstaltungswochenende verschwunden sein wird. An beiden Veranstaltungstagen gilt für die Straße zwischen Wörlitz und Riesigk ein absolutes Halteverbot. „Wir werden das massiv überwachen“, kündigt Benedix an, für den ruhenden Verkehr im Ort sei das Ordnungsamt der Stadt Oranienbaum-Wörlitz zuständig.

Besucher mit Pkw werden gebeten, den Großraumparkplatz zu nutzen. Am 20. August ist ab 17 Uhr der „Grüne Parkplatz an der Seespitze“ (Sportplatz Wörlitz) geöffnet. Die Dessau-Wörlitzer Eisenbahn wird an beiden Tagen ihren Fahrplan mit zwei zusätzlichen Fahrten zum Normaltarif zwischen Dessau und Wörlitz erweitern. Erste zusätzliche Hinfahrt ist um 18.50 Uhr ab Dessau, letzte Rückfahrt ab Wörlitz um 22 Uhr. Um die Insel Stein ist ein Sicherheitsbereich eingerichtet, der ausschließlich von autorisierten Personen betreten werden darf. Die Insel kann an beiden Tagen von 10 bis 15 Uhr besichtigt werden, im Schloss ist die Hamilton-Ausstellung von 10 bis 18 Uhr zu sehen. (mz/ihi)

Alles also nur Kulisse und als solche muss sie gepflegt werden. Am Mittwoch wird rund um die Insel Stein im Wörlitzer Park gesichelt und gemäht. Schön kurz der Rasen, denn breit getreten wird er in anderthalb Wochen sowieso. Zum fünften Mal in der Neuzeit, also nach der Sanierung der Insel, bricht der Vulkan aus. Am 19. und 20. August soll es soweit sein.

„Das haben unsere vulkanologischen Berechnungen ergeben“, sagt Wolfgang Spyra bei der Programmvorstellung. Der emeritierte Professor der TU Cottbus ist der Experte des künstlichen Vulkans im Park. Seitdem er hier 2005 gemeinsam mit seinen Studenten den ersten Ausbruch inszenierte, hat er die Insel studiert und zu ergründen versucht.

Allen Geheimnissen, vor allem den mythologischen Bezügen, ist er noch immer nicht auf die Spur gekommen. „Deshalb können wir nur demonstrieren, wie es gewesen sein könnte“, sagt er und spricht von der Zeit, als die künstlichen Ausbrüche für Fürst Franz inszeniert wurden. Das geschah erstmals am 10. August 1794, Franzens Geburtstag und Datum der Fertigstellung der Insel Stein.

Viele Jahre nach seiner Grand Tour, die ihn 1766 nach Neapel führte, beauftragte der Fürst seinen Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, ihm die Erinnerung an die italienische Hafenstadt inklusive Vulkan am Parkrand nachzubauen. Eine „Millionen Funken sprühende Feuersäulen gen Himmel“ habe sich erhoben, schildert Zeitgenosse Carl August Boettiger 1794 von der Einweihung.

Es „entzünden sich in schnellem Huy die aufgesteckten Lampenreihn und beginnt die schreckbare Explosion“, heißt es weiter. Emma Hamilton wäre ob dieser Effekte womöglich erblasst, hätte wohl aber auch ihren Spaß am Spektakel gehabt, denn die Frau des Botschafters William Hamilton und spätere Geliebte Lord Nelsons hatte den Hang zur Inszenierung.

Bei der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz feiert man in diesem Sommer die außergewöhnliche Dame mit einer Ausstellung nebst Rahmenprogramm und ihr zu Ehren erwacht auch der Vulkan. „Das geschieht nur zu besonderen Anlässen“, versichert Uwe Quilitzsch. „Emmas Leben war ein Tanz auf dem Vulkan und nun tanzt der Vulkan für sie“, so der Referatsleiter der Abteilung Schlösser und Sammlungen. Für den Tanz sorgt ein Veranstalterquartett aus Kulturstiftung, Ringhotel „Zum Stein“, Anhaltischem Theater und Agentur Cm Reimann aus Berlin.

Das hat vor allem für die zahlenden Gäste des pyrotechnischen Spektakels ein Programm aufgelegt, das an beiden Tagen 16.30 Uhr an der Gondelstation beginnt. Jeweils 240 Gäste passen Freitag und Sonnabend auf die Gondeln. Für einen Kartenpreis von 149 Euro - längst sind alle Plätze ausgebucht - erleben sie eine Mischung aus Tanz, Musik und Kulinarik. Der Opernchor des Dessauer Theaters und das Ballett singen und tanzen entlang der Gondelstrecke am Gotischen Haus und Nymphäum, auf der Insel Stein musiziert die Anhaltische Philharmonie und es wird gespeist, bis die organisierte Evakuierung ansteht.

Da dürften die Seeufer längst von Menschenmassen geflutet sein, denn bekanntermaßen lässt sich das Ereignis von vielen Stellen im Park gut beobachten und das zudem umsonst. „Ich empfehle allerdings Boxhandschuhe und eine Anreise vier Stunden vor der Zeit“, rät Steffen Kaudelka, Pressesprecher der Kulturstiftung, der sich an den Besucherstrom vergangener Ausbrüche erinnert.

Lediglich im Auge des Vulkans, also auf der Insel, dürfte es am 19. und 20. August zur Blauen Stunde vergleichsweise ruhig zugehen. Wenn etwa 20.45 Uhr der Ausbruch erfolgt, ist „die Insel frei von unbeteiligten Dritten“. Mit der Pyrotechnik hantieren dann nur noch Wolfgang Spyra und sein achtköpfiges Team, alles ehemalige Studenten, die beim Professor einst das Seminar Pyrotechnik belegten und inzwischen selbst erfolgreich in dieser Sparte arbeiten.

„Da haben alle einen guten Job“, sagt Spyra und ist durchaus stolz, dass es bis heute keine anderen Erkenntnisse zur historischen Feuerwerkstechnik in Wörlitz gibt, als jene, die er und seine Jungs aufstellten. „Es hat sich bisher kein potenter Gegner gefunden, der andere Erklärungen hat. Wir stellen unsere Ergebnisse zur wissenschaftlichen Disputation.“

Also wird es schon so gewesen sein, dass auch für Fürst Franz vor allem Nadelhölzer in Rauch und Flammen aufgingen und die aufsteigenden Nadeln wie Glühwürmchen über dem Schlot im Nachthimmel irrlichterten. Eine „schreckbare Explosion“ eben, die in diesem Sommer noch fulminanter ausfallen soll, als bisher. Spyra hat sich schließlich die Mühe gemacht, Hunderte Vulkanausbruch-Fotos zu studieren. (mz)