Ausstellung in Wörlitz

Ausstellung in Wörlitz: Mönche bei den Protestanten

Wörlitz - Die Wörlitzer Petrikirche hat zusätzliche Gäste beim Gottesdienst. Im Rücken von Pfarrer Thomas Pfennigsdorf wachen Mönch, Bischof, Prophet und Fürstenpaar über die Liturgie. Als die Kollekte gesammelt ist, stehen sie im Mittelpunkt. Diese hölzernen Skulpturen sind Teil einer Ausstellung von Holzplastiken, die am Sonntag eröffnet wurde. Die stummen Beobachter – insgesamt 23 weltliche und sakrale Arbeiten – hat der Dessauer Timm Scharge aus Holz gearbeitet und zeigt sie bis zum 10. Juli im ...

Von Ilka Hillger 11.05.2016, 06:16

Die Wörlitzer Petrikirche hat zusätzliche Gäste beim Gottesdienst. Im Rücken von Pfarrer Thomas Pfennigsdorf wachen Mönch, Bischof, Prophet und Fürstenpaar über die Liturgie. Als die Kollekte gesammelt ist, stehen sie im Mittelpunkt. Diese hölzernen Skulpturen sind Teil einer Ausstellung von Holzplastiken, die am Sonntag eröffnet wurde. Die stummen Beobachter – insgesamt 23 weltliche und sakrale Arbeiten – hat der Dessauer Timm Scharge aus Holz gearbeitet und zeigt sie bis zum 10. Juli im Gotteshaus.

„Wir haben schon Bibelillustrationen und Fliesenbibeln in Ausstellungen gezeigt, Plastiken jedoch lange nicht mehr“, begrüßt Pfarrer Pfennigsdorf die Eröffnungsgäste. „Eine Ausstellung in der Kirche unterstützt die eigene Meditation“, sagt er und lobt Scharges Umgang mit dem Holz, an dem der Künstler oft genug nur sehr wenig wegnimmt, um die natürlichen Strukturen hervor zu heben.

Der Holzgestalter Timm Scharge aus Dessau-Waldersee, gelernter Mechaniker, ließ sich Anfang der 1990er Jahre zum Möbeltischler ausbilden und arbeitet seit 1993 freiberuflich als Möbelrestaurator. In seiner Freizeit gestaltet er aus unterschiedlichen Hölzern Plastiken. Objekte von ihm waren schon in Dessau im Museum für Stadtgeschichte, in der Kunsthalle am Museum und in der Alten Brauerei zu sehen.

Im Kirchenraum hat der Möbelrestaurator einen Querschnitt seiner Arbeiten von 2005 bis heute aufgebaut. „Die sakralen Arbeiten kamen erst in den vergangenen zwei Jahren dazu“, sagt er. Zwölf davon – darunter auch Mönch, Bischof und Prophet – hat er nach Wörlitz mitgebracht. Sie entstanden, als Scharge im vergangenen Jahr unter dem Motto „Glaubenssache“ an der Ausstellung Brau ART in Dessau teilnahm. „Ich hatte einen Birkenstamm und der überraschte mich beim Aufschneiden mit sehr dunklem Holz“, so der 59-Jährige. Daraus schälte er die dunklen Geistlichen, die nun fast feierlich in der evangelischen Kirche stehen. Mit diesen Katholiken unterm Dach hat Pfarrer Pfennigsdorf kein Problem und setzt auf Ökumene. „Das passt“, meint er. „Vor der Reformation war dies schließlich mal eine katholische Kirche.“

Zur Holzgestaltung kam Timm Scharge über Tischlerarbeiten und die Möbelrestaurierung. „Das hat sich fast zwangsläufig ergeben“, sagt er und erläutert am knorrigen Gesicht seines „Propheten“ den behutsamen Umgang mit dem Holz. Das Farbspiel und die besonderen Strukturen seien durch einen Pilz entstanden, der sich im Birkenholz befand. „Der macht das Holz porös, aber auch sehr schön und ausdrucksvoll.“ Umso vorsichtiger musste Scharge damit umgehen. Eine Herausforderung war auch das Lianenholz für seine Menschenkette. Eigentlich ein Dekoobjekt, hat er das Material durchbrochen und in einer Spirale steigen sich die Figuren gegenseitig auf den Kopf. „Liane ist sehr faserig“, weiß der Künstler nach dieser Arbeit.

Den größten Teil seiner Hölzer sammelt er im Bayernurlaub. Seit gut 20 Jahren ist ihm der Fluss Loisach rund um Oberammergau Quelle für den Nachschub an Material. „Jeden Urlaub komme ich mit Holz zurück“, sagt Timm Scharge. Da muss das Urlaubsgepäck schon mal dicht zusammen rücken. Sein „Fliegender“ aus Sanddorn ist aus solch einem Loisach-Holz gemacht und hat eine Haltung angenommen, die ihn gleich unters Kirchendach abheben ließe, wäre er nicht mit dem Podest verankert. Viele von Scharges Arbeiten haben die Eleganz dieser Figur. Rank und schlank sind sie, sehr reduziert. „Die Andeutung ist für mich entscheidend, es soll nicht zu realistisch sein“, sagt der Künstler. „Was die Natur als Form gibt, sollte man belassen.“ Wie bei seinem Engel beispielsweise, der als Schwemmholz die Flügel schon mitbrachte und dem der Holzgestalter nur noch den Kopf dazu gab.

Dieser Engel hat es auch Thomas Pfennigsdorf angetan, aber auch der Prophet gefällt dem Pfarrer. Auf jeden Fall wird er zum Gottesdienst am letzten Ausstellungstag über eine der Figuren in der Ausstellung predigen. „Ich habe ja noch ausreichend Zeit, mich zu entscheiden“, blickt er auf den 10. Juli, wenn Timm Scharges Schau zu Ende geht. Dass ein Wiedersehen mit neuen Figuren aus seiner Werkstatt im nächsten Jahr sicher ist, kündigt der Dessauer schon mal an. Er plant eine lebensgroße Andachtsgruppe mit zehn Figuren. „Sie stehen schon vorgeschnitten in meiner Werkstatt“, so Timm Scharge. Ausdruck, Haltung und Struktur will er ihnen in den kommenden Monaten geben.

Die Ausstellung in der Wörlitzer Petrikirche kann während der Öffnungszeiten dienstags bis sonnabends von 10 bis 17 Uhr und sonntags von 12 bis 17 Uhr besichtigt werden. (mz)