Zugunglück 1977 der Selketalbahn

Zugunglück 1977 der Selketalbahn: Fataler Fehler führte zur Katastrophe

Harzgerode - Am 10. März 1977 kam es zum bis dahin schwersten Zugunglück auf den Gleisen der Selketalbahn. Warum das Ganze auch in einer Katastrophe hätte enden können.

Von Ingo Kugenbuch 10.03.2017, 08:55

Obwohl Siegmar Frenzel am 10. März 1977 Geburtstag hatte, musste er früh aufstehen - um sechs Uhr. Schließlich war dieser  Donnerstag ein ganz  normaler Arbeitstag, der für Frenzel im VEB Druckguss- und Kolbenwerke, dem heutigen Trimet-Werk, um 7 Uhr begann.

Doch als  er die ersten Glückwünsche seiner Kollegen zu seinem 34. Geburtstag bekam, war dem Eisenbahnfan klar, dass dieser Tag ganz und gar nicht normal werden würde.

Sofort mit der Kamera auf den Weg gemacht

„Hast du schon gehört? Im Langen Tal liegt eine Lok auf der Wiese“, sagten die Gratulanten aufgeregt. Siegmar Frenzel, nach eigenem Bekunden „Eisenbahnfreund seit 1970“, sprang von seinem Schreibtisch auf, schnappte seine Kamera  und machte sich auf den Weg.

„Ich war bereits um 7.15 Uhr am Unfallort“, erinnert er sich. „Es war ein sehr schöner Tag, aber da Nebel aufstieg, konnte ich nicht richtig fotografieren.“ Darum fuhr er noch einmal gegen 10.30 Uhr zu dem verunglückten Zug.

Nun sah er das ganze Ausmaß des Dramas: Die Lok - eine damals 80 Jahre alte „Mallet“ - war in der Kurve von der Schiene gekippt und einen Abhang hinuntergerutscht - mit ihr einige Güterwaggons.

Das stählerne Kraftpaket mit der Nummer 99 5901 wurde schwer beschädigt, einige Güterwagen mussten verschrottet werden. Was war geschehen?

Schilderung im Buch festgehalten

Dirk Endisch schildert den Unfall in seinem Buch „Von der GHE zur HSB“ (Band 1, „Die Selketalbahn“). Demnach erreichte die Mallet-Lok kurz vor fünf Uhr morgens schnaufend den Bahnhof Harzgerode.

Sie war als Gemischter Zug unterwegs - im Eisenbahnerjargon wird das als GmP - „Güterzug mit Personenbeförderung“ - bezeichnet. Am Ende  befanden sich zwei offene Güterwagen, die mit Aluminium-Barren für den VEB Druckguss- und Kolbenwerke beladen waren. Diese Waggons mussten auf Gleis 5, dem Ladegleis, in Harzgerode abgestellt, andere, leere Wagen dafür angehängt werden.

Das Rangieren dauerte eine ganze Weile. Dabei kam es zu einem fatalen Fehler: Laut Endisch vergaßen der Zugführer und das Lokpersonal beim Zusammenkoppeln mehrerer Waggons, diese an die Bremsdruckleitung des Zuges anzuschließen. „Da setzte sich die Fuhre auf einmal in Bewegung“, sagt Dirk Bahnsen, der Sprecher der Harzer Schmalspurbahnen GmbH.

Strecke nach Alexisbad ist abschüssig

Die Strecke in Richtung Alexisbad sei abschüssig, und der viele Tonnen schwere Zug mit der Kraft der Lok allein nicht mehr zu bremsen gewesen. „Trotz Bremsens und Gegendampfgebens gewannen die Wagen und die Lok immer mehr an Fahrt“, schreibt Endisch in seinem Buch.

Die Zugbesatzung tat, was getan werden musste - sie sprang ins Unterholz und rettete sich so das Leben.

Der Dampfzug raste führerlos den Berg in Richtung Alexisbad hinab und wurde für kurze Zeit zum Schnellzug. In der Kurve vor dem Bahnübergang über die damalige Fernverkehrsstraße 242, die heutige Bundesstraße 242, ließ die Geschwindigkeit die ganze Fuhre entgleisen - zum Glück noch vor der vielbefahrenen Straße.

Unfall hätte auch zur Katastrophe werden können

Der Unfall hätte auch als Katastrophe enden können. Wie Siegmar Frenzel schildert, wartete auf dem Bahnhof in Harzgerode ein Wagen voller Schüler darauf, zur Klassenfahrt mit der Selketalbahn zu starten. Zum Glück war ihr Waggon  noch nicht angekoppelt, als der Zug führerlos bergab donnerte.

Dass Frenzel heute ein Farbfoto von der Unfallstelle hat, ist seiner Kaltschnäuzigkeit zu verdanken. Als er sich gegen 10.30 Uhr mit einem Trabant zu dem havarierten Zug fahren ließ, hatte er zwei Kameras dabei - eine mit Schwarz-Weiß-Film, die zweite mit einem Farb-Dia-Film geladen.

Als ihn die Polizei anhielt, schob er die Kamera mit den Farbaufnahmen schnell mit dem Fuß unter den Autositz. Den Film in der anderen Kamera musste er abgeben.

Bergung der Lok war regelrechtes Abenteuer

Die Bergung der Lok stellte sich schließlich als ein zusätzliches Abenteuer heraus. Durch das sumpfige Gelände konnte die Mallet nicht einfach so auf das Gleis zurückgesetzt werden. Stattdessen musste über Wochen ein Hilfsgleis gebaut werden, ehe eine Tatra-Zugmaschine die 99 5901 am 29. April wieder zurückschleppen konnte.

Am Bahnübergang wurde die Maschine schließlich wieder auf die Schiene gesetzt und konnte so später im Reichsbahnausbesserungswerk „Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ Görlitz instand gesetzt werden. „Das ist heute unsere älteste Lok“, sagt HSB-Sprecher Dirk Bahnsen. „Sie fährt immer noch zum Brocken.“ (mz)