Bergwachten im Harz

Bergwachten im Harz: Wieso die Ehrenamtlichen immer häufiger ausrücken müssen

Thale - Ein lauter, fiepender Ton. Jens Kowalewski schaut auf den Pieper an seinem Gürtel. Die Rettungsleitstelle in Halberstadt schlägt Alarm. Eine hilflose Person ist in Not. Koordinaten auf dem Display zeigen an: Sie muss irgendwo an einem Hang nahe des Hexentanzplatzes sein. Mehr Informationen bekommt Kowalewski zunächst nicht. Hat sich die Person in dem felsigen Gelände nur verirrt? Oder ist sie schwer verletzt? Für den Leiter der Bergwacht Thale gehört diese Unwissenheit dazu. Ohne zu zögern packen er und seine Kameraden die Ausrüstung zusammen. In der Bergwachthütte im Bodetal nahe des Gasthauses Königsruhe werden Rücksäcke fertig gemacht, Klettergurte festgezurrt und Schutzhelme aufgesetzt. Wenige Minuten später bricht das Team auf zum ...

Von Christiane Rasch

Ein lauter, fiepender Ton. Jens Kowalewski schaut auf den Pieper an seinem Gürtel. Die Rettungsleitstelle in Halberstadt schlägt Alarm. Eine hilflose Person ist in Not. Koordinaten auf dem Display zeigen an: Sie muss irgendwo an einem Hang nahe des Hexentanzplatzes sein. Mehr Informationen bekommt Kowalewski zunächst nicht. Hat sich die Person in dem felsigen Gelände nur verirrt? Oder ist sie schwer verletzt? Für den Leiter der Bergwacht Thale gehört diese Unwissenheit dazu. Ohne zu zögern packen er und seine Kameraden die Ausrüstung zusammen. In der Bergwachthütte im Bodetal nahe des Gasthauses Königsruhe werden Rücksäcke fertig gemacht, Klettergurte festgezurrt und Schutzhelme aufgesetzt. Wenige Minuten später bricht das Team auf zum Einsatz.

Dazu kam es zuletzt immer häufiger. Die Zahl der Rettungseinsätze ist für die drei Bergwachten im Harz stark angestiegen. Allein 2016 mussten die ehrenamtlichen Helfer zu 82 Einsätzen ausrücken. Im Jahr zuvor waren es 49. Das teilte das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Magdeburg mit, zu dem die drei Bergwachten in Thale, Wernigerode und Halberstadt gehören. Der Anstieg macht sich auch bei der Thalenser Bergwacht bemerkbar. 21 Mal wurde diese 2016 angefordert, deutlich häufiger als vor einigen Jahren.

Thalenser Bergwacht dringt zu Orten vor, wo normale Rettungsdienste nicht hingelangen

Die Truppe ist rund um die Uhr in Bereitschaft, weil es jederzeit zu einem neuen Einsatz kommen kann. 46 ehrenamtliche Retter, die zum Teil schon seit Jahrzehnten dabei sind, gehören zum Team von Jens Kowalewski. Der älteste unter ihnen ist 83 Jahre. Ins Gelände schickt Kowalewski ihn allerdings nicht mehr. Dafür kann er, wie er sagt, auf 25 Männer und Frauen zurückgreifen. Darunter sehr erfahrene Bergsteiger. Die Bergretter werden gerufen, wenn Menschen in Not geraten sind und zwar dort, wo der normale Rettungsdienst nicht hinkommt. Dichte Vegetation, verschlungene Wege, steile Hänge - mit Rettungswagen ist da kein Durchkommen.

An diesem Junitag startet die Bergwacht mit zwei Mannschaftswagen und Blaulicht von der Berghütte ins Zentrum von Thale. Eine kurze Fahrt, schon am Rodelhaus ist Schluss. Weiter geht es nur zu Fuß. Mit GPS und Karte bahnen sich die Retter ihren Weg, der durch Geröll, Äste und Moos erschwert wird. Auch deshalb gilt für sie: nicht rennen, Ruhe bewahren und immer auf die eigene Sicherheit achten. Etwas, was viele Wanderer im Harz nicht berücksichtigen.

„Die Wege sind hier oft nicht im besten Zustand“, sagt Kowalewski. Verstauchte Gelenke und Knochenbrüche sind daher keine Seltenheit. Der Bergwachtsleiter erinnert sich an eine Lehrerin, die auf einem völlig vereisten Weg gestürzt war und sich dabei das Sprunggelenk verletzt hatte. Weiterlaufen war nicht mehr möglich. Bei Eiseskälte musste die Mannschaft um Kowalewski aber nicht nur die Frau retten. Auch ihre Schüler wurden nach und nach in Sicherheit gebracht - abseits der gefährlich zugefrorenen Wege, hinab über die verschneiten Hänge.

Viele Unfälle passieren auch aus Unwissenheit, sagt Kowalewski, der 1975 als 15-Jähriger zur Bergwacht kam und die sein Vater einst mit aufgebaut hatte. Dabei waren auch Manfred Kowalewski, Michael Winkler und Wolfgang Knochenhauer - drei Alpinisten der DDR-Nationalmannschaft. Aus Erfahrung weiß Kowalewski, dass sich viele Wanderer in Harz nicht gut genug auskennen. Sie starten unvorbereitet ins Gelände und verlaufen sich. Viele überschätzen auch die eigene körperliche Fitness. Was als Ausflug begann, endet dann mit einem Schwächeanfall - und einem Alarm bei der Bergwacht.

Bergwacht in Thale ist gut aufgestellt was den Nachwuchs betrifft

Das DRK schätzt, dass die Zahl solcher Einsätze in Zukunft weiter steigt, da der Harz von Touristen sehr gut genutzt wird. Eine Entwicklung, der die Bergwacht in Thale aber noch vergleichsweise entspannt entgegenblicken kann. „Wir sind, was den Nachwuchs betrifft, gut aufgestellt“, sagt der Leiter. Eine glückliche Fügung ist das nicht. „Dahinter stecken 25 Jahre harte Arbeit.“

Mit der Wende begann die Ortsgruppe mit der Jugendarbeit. Damals hätten sich die ersten Mitglieder aus Altersgründen zurückgezogen. Über Angebote wie Kletterkurse versuchten sie, den Nachwuchs an die Arbeit der Bergwacht heranzuführen. Mit Erfolg. Die Talentiertesten landen bis heute in der Jugendbergwacht. Die zählt derzeit elf Jungen und Mädchen. Wie viele von ihnen später zu den Erwachsenen stoßen, ist ungewiss. „Die meisten gehen weg zum Studieren. Die Frage ist: Kommen sie wieder“, so Kowalewski.

Die ersten Mitglieder der Bergwacht sind unterdessen am Unglücksort in Thale angelangt. Ein Mann ruft um Hilfe. Er ist gestürzt und liegt rund 20 Meter unterhalb des Weges. Über Funk gibt Kowalewski durch: „Wir haben den Verletzten gefunden.“ Wenig später eilen die restlichen Bergretter mit einer Gebirgstrage herbei, auf der der Mann später fixiert wird. Zwei Retter stabilisieren die Trage, die über ein Flaschenzug-System den Hang hinaufgezogen wird. Nicht ohne Probleme. Auf dem steinigen Untergrund wird der Verletzte ordentlich durchgeschüttelt.

Kowalewski hält sich derweil im Hintergrund. „Ich gucke mir das jetzt an und werde das nächsten Dienstag auswerten.“ Dann trifft sich die Truppe wie jede Woche in der Berghütte. Dort wird nicht nur gesungen, sondern fallen auch mal harte Worte. Schließlich soll im Ernstfall jeder Handgriff sitzen. Dieses Mal drückt er ein Auge zu. War schließlich nur eine Übung. (mz)