Ein Fohlen gerissen

Ein Fohlen gerissen: Tödlicher Wolfsangriff in Oranienbaumer Heide

Wulfen/Oranienbaumer Heide - Die Zeichen an dem toten Fohlen waren eindeutig. Es war nicht von einem unbeaufsichtigten Hund gerissen worden, kein Kolkrabe hatte zugeschlagen, auch kein Luchs - das tote Tier ging auf das Konto eines Wolfes. „Nach der Spurenlage gab es keine andere Erklärung“, sagt Frank Unger. Auch wenn man (noch) keinen genetischen Nachweis führen konnte, stand es für den Vorsitzendes Naturschutzbundes (Nabu) im Regionalverein Köthen fest: Isegrim hatte die Tiere aus der Konik-Herde der Nabu-eigenen Primigenius gGmbH in der Oranienbaumer Heide gerissen. Zwei Tiere waren verletzt worden, sind aber wieder wohlauf, zwei weitere Fohlen sind schlichtweg verschollen - und man darf davon ausgehen, dass auch sie den mittlerweile zwei Wölfen in der Oranienbaumer Heide zum Opfer gefallen ...

Von Matthias Bartl

Die Zeichen an dem toten Fohlen waren eindeutig. Es war nicht von einem unbeaufsichtigten Hund gerissen worden, kein Kolkrabe hatte zugeschlagen, auch kein Luchs - das tote Tier ging auf das Konto eines Wolfes. „Nach der Spurenlage gab es keine andere Erklärung“, sagt Frank Unger. Auch wenn man (noch) keinen genetischen Nachweis führen konnte, stand es für den Vorsitzendes Naturschutzbundes (Nabu) im Regionalverein Köthen fest: Isegrim hatte die Tiere aus der Konik-Herde der Nabu-eigenen Primigenius gGmbH in der Oranienbaumer Heide gerissen. Zwei Tiere waren verletzt worden, sind aber wieder wohlauf, zwei weitere Fohlen sind schlichtweg verschollen - und man darf davon ausgehen, dass auch sie den mittlerweile zwei Wölfen in der Oranienbaumer Heide zum Opfer gefallen sind.

Umzug in letzter Minute

Eine definitive Erkenntnis, die zum einen nicht komplett unerwartet kam für diejenigen, die sich tagtäglich um die halbwilden Pferde und die Heckrinder in der Heide kümmern, zum anderen aber dennoch Erwartungen durchkreuzte und zu schnellem Handeln zwang. „Wir haben sofort alle trächtigen Stuten und alle, die schon ein Fohlen führten, aus der Oranienbaumer Heide entfernt und ins Wulfener Bruch gebracht“, sagt Stephanie Caspers, Geschäftsführerin von Primigenius. Die noch Tage danach beeindruckt davon ist, dass ihr Team diese schwierige und nicht risikolose Aufgabe in gerade mal drei Tagen ohne Verluste bewältigt hat. Immerhin mussten insgesamt 24 halbwilde Pferde eingefangen und unter tierärztlicher Betreuung nach Wulfen ins Bruch gebracht werden. Im Bruch selbst hatte man zuvor oder vielmehr gleichzeitig die notwendigen Flächen vorbereiten müssen - andere Tiere, Konik-Hengste nämlich, mussten dafür umziehen. „Wir haben drei Tage lang unter Hochdruck gearbeitet“, sagt Stephanie Caspers - und immer mit der Sorge im Hinterkopf, dass eine der tragenden Stuten doch gerade während des Transport fohlen könnte. Das geschah glücklicherweise nicht - erst am Donnerstag, als die Tiere schon in Wulfen in Sicherheit waren, kamen - gesund und munter - die ersten beiden Konik-Fohlen zur Welt. „Es war ein Umzug in letzter Minute“, schätzt denn auch Frank Unger ein.

Wiederansiedlung des Wolfs

Der ganz bewusst offensiv über die Wolfsattacken informiert. Immerhin ist der Nabu einer der Unterstützer der Wiederansiedlung des Wolfs in den Gebieten, in denen er vor Jahrhunderten ausgerottet wurde. Das man jetzt - analog zu anderen Nutztierhaltern - durch den Räuber geschädigt worden sei, „erfreut uns nicht, ist aber nun einmal der Fall und zwingt uns zum Handeln“. Am Prinzip der ökologischen Durchlässigkeit der Oranienbaumer Heide wollen Nabu und Primigenius trotz der räuberischen Nachbarschaft nicht abweichen - es ist ein Kernstück des seit einigen Jahren laufenden Beweidungsprojekts, die Flächen nicht abzuschotten gegen Einflüsse von außen. „Abgesehen davon, dass wir diese große Fläche innerhalb kurzer Zeit nicht würden wolfssicher umzäunen können. Nur mit einem immens hohen finanziellen und ökologisch zweifelhaften Aufwand.“ Man vermöge also die Tiere nicht anders zu schützen als durch die Umsiedlung.

Zumal man auch die generelle Verteidigungsfähigkeit der Stuten gegenüber einem Wolf zu optimistisch eingeschätzt hat. Bereits im Sommer 2015 hatte es in der Heide einen Wolfsangriff auf ein Fohlen gegeben. Dieses Fohlen hatte die Attacke des damals noch einzelnen Wolfes aber gut überstanden. „Wir sind daher davon ausgegangen, dass die Mutterstute oder andere Herdenmitglieder den angreifenden Wolf in die Flucht schlagen konnten“, erinnert sich die Geschäftsführerin. Es ist sogar gut möglich, dass dies auch genauso geschah. Inzwischen aber gibt es in der Heide nicht mehr nur einen Einzelwolf, sondern ein Paar - mit der Option, dass daraus in kurzer Frist ein Rudel werden kann.

Mitarbeiter der Primigenius gGmbH hatten die Räuber bei ihren Kontrollen einzeln und gemeinsam beobachtet, in den einzelnen Tierherden aber keine Beunruhigung feststellen können; nicht einmal bei direkter Anwesenheit des Wolfes. Umso mehr wurde man von den tödlichen Attacken überrascht. „Es ist so, dass nicht alle Stuten in der Lage sind, ihre Fohlen effektiv vor dem Wolf zu schützen“, sagt Stephanie Caspers. Daher stehen die Stuten und ihre Fohlen jetzt im Wulfener Bruch - so lange, bis die Tiere groß genug geworden sind, um den Wölfen, dann vielleicht schon dem Wolfsrudel, nicht mehr leichte Beute zu sein. (mz)