Frauen rufen öfter die PolizeiKriminalstatistik 2016: Frauen rufen öfter die Polizei: Mehr Fälle von sexueller Nötigung und Vergewaltigung

Magdeburg - In Sachsen-Anhalt werden so viele Vergewaltigungen und Nötigungen registriert wie seit zehn Jahren nicht. Was das mit den Vorfällen von Köln zu tun hat.

Von Jan Schumann 15.03.2017, 01:00
Notruf 110: Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen machen nur einen Bruchteil aller Straftaten aus.
Notruf 110: Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen machen nur einen Bruchteil aller Straftaten aus. dpa

Sachsen-Anhalts Polizei hat 2016 so häufig wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung ermittelt wie seit zehn Jahren nicht. Die Anzahl der Fälle stieg um mehr als 50 Prozent auf 255, im Vorjahr waren es 165. „Damit folgen zwei Extreme aufeinander“, sagte Innenminister Holger Stahlknecht (CDU).

Die Zahl 2015 war das Zehn-Jahres-Tief (siehe Grafik). Laut Stahlknecht ist der Anstieg unter anderem mit einer erhöhten Sensibilität für sexuelle Gewalt verknüpft. „Das hängt auch mit Köln zusammen“, sagte er mit Blick auf massenhafte sexuelle Übergriffe in der Neujahrsnacht auf 2016. Die Schwelle, Anzeige zu erstatten, sinke offenbar. Ursache dafür sei auch, dass sich Frauen immer öfter von einem „völlig falschen Rollenverständnis“ lösen.

Tatverdächtige ermittelte die Polizei in 213 der 255 Fälle. Unter den mutmaßlichen Tätern waren 177 Deutsche und 36 Ausländer - damit waren 17 Prozent der Verdächtigen Nicht-Deutsche. „Das muss gesellschaftlich besprochen werden“, so Stahlknecht. Zum Thema Einwanderung gehöre auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Frauenbild.

Die Zahl der ausländischen Verdächtigen dürfe zwar nicht tabuisiert werden. „Man muss sie aber auch im Verhältnis sehen“, angesichts von rund 40.000 Migranten, die in den vergangenen Jahren eingereist seien. Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen machen nur einen Bruchteil aller Straftaten aus, haben aber eine enorme Wirkung in der Bevölkerung.

Laut Eva von Angern, Chefin des Landesfrauenrates, ist der Anstieg nicht überraschend. „2016 gab es bundesweit eine intensive Debatte über die Verschärfung des Sexualstrafrechts, die viele Opfer ermutigt hat, Anzeige zu erstatten.“ Im Juli hatte der Bundestag eine Verschärfung beschlossen, mit der Vergewaltigung einfacher verfolgt werden kann.

„So wurden viele Fälle, die es so auch in der Vergangenheit schon gab, vom Dunkel- ins Hellfeld geholt.“ Von Angern betonte jedoch, dass die Statistik die Zahl der Ermittlungen, nicht aber der Verurteilungen darstelle.

Im Gesamtbild verzeichnete die Landespolizei einen Rückgang der Straftaten von 198.806 auf 196 464. Damit wurde eine leicht steigende Entwicklung der vergangenen fünf Jahre wieder umgekehrt. Aufgeklärt wurde mehr als die Hälfte der Taten, etwa so viele wie 2015. Am häufigsten ermittelten die Beamten wegen Diebstahl. (mz)