1. MZ.de
  2. >
  3. Mitteldeutschland
  4. >
  5. DDR-Kultschuh: Der Lederstrumpf der DDR-Bluesarmee - Das Comeback der Tramper

DDR-Kultschuh Der Lederstrumpf der DDR-Bluesarmee - Das Comeback der Tramper

Sie waren zu DDR-Zeiten Kult für eine ganze Generation und kaum zu bekommen. Heute fertigt Gunar Födisch mit seiner kleinen Firma in Thüringen immer noch Tramper und Jesuslatschen.

Von Steffen Könau 15.06.2024, 07:45
DDR-Tramper wurden getragen, bis die Sohlen durchgescheuert waren.
DDR-Tramper wurden getragen, bis die Sohlen durchgescheuert waren. Foto: Steffen Könau

Kraftsdorf/MZ. - Die Sohle dünn wie ein Löschblatt. Die Silhouette schmal, der Schaft hoch und an den Knöcheln gepolstert. Obendrüber folgte der Rest der legendären Anti-Establishment-Uniform: Jeans, Fleischerhemd, eine selbstgefärbte Windel als Halstuch, dazu lange Haare, Bart und gern auch eine Nickelbrille. Komplettiert mit dunkelgrünem Parka und Hirschbrüllbeutel über der Schulter, war er fertig, der DDR-Blueser, auch „Kunde“ genannt.

Die Uniform der Bluesarmee

Jedes Wochenende zog eine Armee junger Menschen quer durch die kleine Republik, den beliebtesten Rockbands hinterher. Argwöhnisch beobachtete die Stasi die im Behördenjargon als „Gammler“ bezeichneten Verweigerer des sozialistischen Gangs. Die Volkspolizei erkannte Staatsfeinde schon am Schuhwerk: Wer Jesuslatschen oder die „Tramper“ genannten Kletterstiefel aus Wildleder trug, stand für die Staatsmacht unter Generalverdacht.

Gunar Födisch stellt DDR-Tramper in seiner Pantoffelmann-Manufaktur her.
Gunar Födisch stellt DDR-Tramper in seiner Pantoffelmann-Manufaktur her.
Privat

Die kleine PGH in Dresden, die die ursprünglich als Kletterschuhe für Bergsportler gedachten „Germina Tourist“ Wildledertreter herstellte, kam mit der Produktion nicht nach. „Klettis“ waren Bückware. Selbst hoffnungslos durchgelaufene und glatt abgewetzte Exemplare fanden auf Flohmärkten begeisterte Käufer.

Aus der Schuhfabrik „Roter Stern“

Damals war Gunar Födisch noch zu jung, um selbst Tramper und die ebenso beliebten Jesuslatschen aus der Burger Schuhfabrik „Roter Stern“ zu tragen. „Aber natürlich kannte jeder diese Schuhe“, sagt der Chef der Schuhmanufaktur Pantoffelmann. Der 52-Jährige lebt im kleinen thüringischen Örtchen Kraftsdorf, auf halber Strecke zwischen Gera und Jena, zwei Hochburgen der DDR-Kundenkultur. Als er sich vor 14 Jahren entschloss, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und Schuhe herzustellen, hatte er im Hinterkopf gleich eine Idee. „Großvater Kurt Präßler hat 1932 mit Holzschnallenschuhen für Handwerker und Bauleute angefangen“, erzählt er, „und Ende der 50er ist er auf Pantoffeln umgestiegen.“

Tramper gibt es auch in Brombeerfarbe
Tramper gibt es auch in Brombeerfarbe
Pantoffel

Von damals stammt auch der Name Pantoffelmann, von damals übernahm Gunar Födisch aber auch ein Problem der Pantoffelproduktion. „Das ist ein Wintergeschäft, das fängt im Herbst an und es ist im Frühjahr zu Ende.“ Warum also nicht neben den Pantoffeln aller Art, für die das Familienunternehmen seit fast 100 Jahren steht, die Kult-Klassiker aus dem Osten zurückholen? „Die Herstellerfirma gibt es ja nicht mehr, dafür aber jede Menge Leute, die diese Schuhe immer gern getragen haben.“

Födisch ist gelernter Heizungsbauer. Schon als kleiner Junge hat er bei seinem Großvater in der Werkstatt gesessen und zugeschaut, wie der Leder und Filz zuschnitt, stanzte, nähte und am Ende ein Paar Schuhe in der Hand hielt. „Später habe ich in der Werkstatt mitgeholfen, eher als Hobby nebenbei“, sagt er, „aber als sich mein Vater zur Ruhe setzen wollte, stand die Frage, wie es weitergeht.“ Gunar Födisch musste nicht lange überlegen. „Ich hatte ohnehin das Gefühl, noch mal was Neues anfangen zu wollen.“ Warum also nicht das alte Handwerk? Mit neuen Ideen?

Wiedergeburt der DDR-Kletterschuhe

Seine Entscheidung hat er nie bereut. Dabei war die Wiedergeburt der DDR-Kletterschuhe aus der Erinnerung eine Herausforderung. „Wir arbeiten zwar bis heute mit den alten Maschinen von damals, weil sie einfach zuverlässiger sind“, sagt er. Doch die Leisten, auf die die zu DDR-Zeiten meist „Klettis“ genannten Lederstrümpfe früher geschlagen wurden, waren in den Wirren der Nachwendezeit irgendwo verlorengegangen.

Die Jesuslatschen gibt es bei Pantoffelmann.de auch in Weiß.
Die Jesuslatschen gibt es bei Pantoffelmann.de auch in Weiß.
Pantoffelmann

Blieb nur ein Verfahren, das in der Großindustrie „Reengineering“ genannt wird. „Wir haben den Schuh komplett auseinandergebaut und geschaut, woraus er besteht.“ Mit Hilfe von Schuhmodellierern hat Gunar Födisch dann detailgetreue Schnittmuster erstellt, nach denen sie nun schon seit fast anderthalb Jahrzehnten Tramper produzieren. Die sehen nicht nur aus wie die DDR-Originale. Sondern sie sind vollkommen identisch mit dem begehrten Artikel 713 aus der PGH Schuhe Süd.

Obwohl: Eine kleine Innovation nur hat Födisch der Fußbekleidung der unangepassten DDR-Jugend doch spendiert. Es gibt die Tramper nun nicht mehr nur in Dunkelbraun, sondern auch in dunklem Blau, hellem Beige und in einem satten Brombeerrot. Und die Jesuslatschen machen sie nun auch in Schwarz und Weiß. „Das ist die Neuzeit − und Liebhaber kaufen die oft als Zweit- oder Drittmodell“, schmunzelt er.

Aus Kraftsdorf in die Welt

Aus Kraftsdorf gehen Tramper und Römer 2.0 heute in die ganze Welt. „Die meisten Käufer kommen klar aus dem Osten“, weiß Gunar Födisch aus den Bestelleingängen des hauseigenen Internetshops. Doch neben Ostdeutschen, die irgendwann nach Bayern, Niedersachen oder Baden-Württemberg gezogen seien, trudelten mittlerweile auch immer wieder Bestellungen aus dem Ausland ein. „Eben hatten wir erst eine aus Rom, von einem Theater, das die Tramper für eine Aufführung braucht.“

Auch Folklorevereine hätten die Mokassins des Sozialismus entdeckt, weil sie leicht sind, atmungsaktiv und nahezu unverwüstlich. Gunar Födisch ist stolz auf die kleine Nische, die seine Kletterschuhe füllen. „Das wird sicher nie ein Massenprodukt“, sagt er, „aber das wollen wir auch gar nicht als kleiner Betrieb.“ In manchen Familien trage heute schon die Enkelgeneration den Schuh der Bluesrebellen und Tramper-Kunden. Ein Stück Ostkultur, das nicht nur im Museum stehe. „Ich finde es immer schön, wenn die Leute uns sagen, toll, dass es die noch gibt“.

Weitere Informationen: www.pantoffelmann.de