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Elon Musks Portal X Betriebsgeheimnis: Plattform X veröffentlicht ihre Algorithmus

Manipuliert Elon Musk die öffentliche Meinung durch geheime Codes? Nach massivem Druck der EU hat X sein Betriebssystem veröffentlicht. Das Ergebnis entlarvt viele Verschwörungstheorien: Der Code kennt keine Parteibücher, sondern nur eine Währung – Ihre Zeit.

Von Steffen Könau 21.02.2026, 10:00
Nach beständigen Vorwürfen, er würde di politische Debatte unzulässig beeinflussen, hat X-Chef Elon Musk den geheimnisumwirtterten Algorithmus der Plattform jetzt komplet veröffentlicht.
Nach beständigen Vorwürfen, er würde di politische Debatte unzulässig beeinflussen, hat X-Chef Elon Musk den geheimnisumwirtterten Algorithmus der Plattform jetzt komplet veröffentlicht. IMAGO/NurPhoto

Halle/MZ. - Als Elon Musk im Bundestagswahlkampf auf der großen Leinwand in der Halle-Messe auftauchte, hatte es sich der reichste Mann der Welt endgültig und mit allen verscherzt. Der virtuelle Auftritt des Amerikaners auf dem AfD-Parteitag in Halle war für die EU-Kommission, aber auch für die Politik in Berlin der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Musks soziales Netzwerk X, vom Tesla-Gründer vor vier Jahren für 44 Milliarden Dollar übernommen, rückte ins Visier der EU-Aufsichtsbehörden.

Mängel bei der Markierung

X habe, so werfen die EU-Aufseher der vielkritisierten Plattform vor, nicht nur irreführende Verifizierungshäkchen vergeben, zu wenig Hassrede gelöscht und Mängel bei der Markierung von politischer oder kommerzieller Werbung nicht behoben. Sondern darüber hinaus auch gegen den Digital Service Act (DSA) der EU verstoßen, indem die Plattform sich weigere, ihren Algorithmus Wissenschaftlern und Forschern zugänglich zu machen. Die müssten ihn nutzen können, um systemische Risiken durch die Verbreitung von Hass und Fake News zu untersuchen. X aber ignoriere seine Pflicht zur Mitarbeit.

120 Millionen Euro Strafe soll das mittlerweile mit Musks KI-Firma XAI verschmolzene frühere Twitter für diese Verstöße zahlen – es ist das erste Bußgeld, das die Kommission nach den Vorgaben des DSA verhängt hat. Elon Musk reagierte wütend. Immer wieder behauptet der gebürtige Südafrikaner, dass es allein sein Einsatz für die Freiheit der Rede sei, der ihn und X zur bevorzugten Zielscheibe der europäischen Politik mache.

Musk reagierte auf Musk-Art. Vor einem Monat verkündete der 54-Jährige plötzlich, dass X offenlegen werde, was Tiktok, Facebook, Instagram und Youtube als wichtigstes Geschäftsgeheimnis hüten. Der sogenannte Algorithmus, ein Code, in den eingeschrieben ist, wie ein soziales Netzwerk Nutzerbeiträge behandelt.

Nur sieben Tage später wurde die Datei wirklich auf die Entwicklerplattform Github hochgeladen (Link zur den Dateien hier). Alle vier Wochen soll ab sofort die jeweils aktualisierte Version folgen. Jeder werde nachschauen können, nach welchen Kriterien X Posts sortiere, einordne und automatisch entscheide, wie mit ihnen weiter verfahren wird, so Musk.

Eine Revolution, denn in ihren Maschinenraum ließ bisher keine große Plattform Außenstehende schauen. Allein dadurch entwickelte das Wort Algorithmus in den vergangenen Monaten im politischen Raum eine beschwörende Kraft.

Warnungen überall

Politiker warnten vor den schädlichen Wirkungen von Algorithmen. Sie machten darauf aufmerksam, dass diese Algorithmen ausländischen Milliardären gehorchten. Von links bis rechts, von Berlin bis Brüssel gehörte es zum Standardprogramm nicht nur der ausgewiesenen Netzpolitiker aller Parteien, Algorithmen die Macht zuzuschreiben, Gesellschaften zu spalten. Dass niemand Details kannte, öffnete den Raum für wilde Verschwörungstheorien.

Aus den in den Programmiersprachen Rust und Python geschriebenen Anweisungen, die eigentlich nur dazu dienen, bestimmte Handlungsabläufe Schritt für Schritt vorzugeben, das allerdings in einer Vielzahl von Dimensionen, ist im politischen Kampf um die Deutungshoheit eine allmächtige Geheimwaffe geworden. Dem Algorithmus wird nachgesagt, Meinungen zu manipulieren, Hass zu befördern und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu zerstören.

Dabei zeigt der insgesamt nur 10.000 Zeichen umfassende Code, den X „Empfehlungssystem“ nennt, eine simple Hauptaufgabe: Ziel der Programmierung ist es, den Nachrichtenfeed für jeden Nutzer so zusammenstellen, dass der maximal lange auf der Plattform bleibt und möglichst viel mit anderen interagiert. Grok, die KI, die unter der Motorhaube von X arbeitet, nennt das selbst „aufmerksamkeitsmaximierend und engagementoptimiert“.

Was X belohnt

X belohnt, was Emotionen hervorruft, Diskussionen anheizt und Reaktionen provoziert. Wer etwas schreibt, das viele Antworten bekommt, dessen Inhalt wird hoch gewichtet. Ebenso gefallen dem Algorithmus Posts, die oft zitiert werden, lange Videos und Einträge, die Autoren neue Follower bescheren.

Heruntergestuft dagegen werden Posts mit externen Links, mit Einträgen, in denen Spam, Gewaltbotschaften oder Hass entdeckt werden und sogenannte „monotone Inhalte“. Das sind für den X-Algorithmus zum Beispiel zu schnell aufeinanderfolgende Einträge derselben Autoren.

Das mystische Coca-Cola-Originalrezept ist wahrscheinlich nicht spannender. Auf jeden Fall aber hätte seine Veröffentlichung größere Aufmerksamkeitswogen ausgelöst als die des X-Betriebsgeheimnisses. Das liegt nach Jahren beständiger Forderungen nach Transparenz für jedermann offen auf dem Tisch.

Ohne detaillierte Anweisungen

Die Reaktion aber ist: Keine. Große Medien nahmen nicht Notiz. In der Politik blieb es bei den gewohnten Vorwürfen, dass Musk den X-Algorithmus gezielt zugunsten seiner politischen Interessen verändert habe, um rechte Positionen zu bevorzugen.

Der veröffentlichte Code zeigt, wie X Inhalte gewichtet. Er nutzt dazu keine politischen Vorgaben wie „Zeige Inhalte mehr, die einer der politischen Position soundso entsprechen“. Auch eine Regel, nach der Beiträge von Firmenchef Elon Musk verstärkt gezeigt werden, findet sich nicht.

Das System funktioniert ganz anders als seine Kritiker glauben. Es basiert den offengelegten Daten zufolge auf Engagement und Personalisierung, nicht auf politischen Filtern. Die Empfehlungsmaschine lernt von ihren Nutzern. Sie steuert nicht deren Aufmerksamkeit, sondern wird von deren Interessen gesteuert.