Bau der Propsteikirche in Leipzig

Bau der Propsteikirche in Leipzig: Neues Gotteshaus erntet harsche Kritik

Leipzig - Der eckige Bau im Zentrum Leipzigs könnte ein Verwaltungsgebäude sein. Oder eine Schule. Vielleicht auch ein Bürohaus. Aber ein katholisches Gotteshaus? Die Gebäudeteile der neuen Propsteikirche sind geometrisch und geradlinig. Die Verglasung im Schaufensterstil und die Fassade aus rotem Rochlitzer Porphyr wirken edel und funktional. Moderne Bauweise: Zeitgemäß, aber nicht spektakulär oder gar ...

Von Julius Lukas

Der eckige Bau im Zentrum Leipzigs könnte ein Verwaltungsgebäude sein. Oder eine Schule. Vielleicht auch ein Bürohaus. Aber ein katholisches Gotteshaus? Die Gebäudeteile der neuen Propsteikirche sind geometrisch und geradlinig. Die Verglasung im Schaufensterstil und die Fassade aus rotem Rochlitzer Porphyr wirken edel und funktional. Moderne Bauweise: Zeitgemäß, aber nicht spektakulär oder gar sakral.

Dabei ist die Kirche eine Rarität. Neubauten gibt es selten, gerade in Ostdeutschland, wo die Zahl der Christen gering ist und sinkt. Das hat demografische Gründe, hängt aber auch mit der Kirchensteuer und diversen Skandalen der letzten Jahre zusammen. Hier eine Kirche zu bauen, noch dazu die größte seit der Wiedervereinigung in Ostdeutschland, ist ungewöhnlich. Vielleicht versteckt der Bau seinen Zweck deshalb auf den ersten Blick hinter der modernen Fassade? Dass es sich um ein sakrales Gebäude handelt, ist nur an zwei Elementen zu erkennen: Dem schlanken, 50 Meter hohen Turm, der sich an der Westseite empor hebt. Und dem schlichten Edelstahlkreuz, das ihn krönt. Sieben Meter lang, 700 Kilogramm schwer.

Kosten von 15 Millionen Euro

„Natürlich ist die Geradlinigkeit der Kirche ein Bekenntnis zur Architektur der heutigen Zeit“, sagt Christian Wischalla. Für den Architekten ist das Gebäude aber nicht nur modern, sondern auch durch historische und christliche Elemente geprägt. Wischalla, der aus Eisleben kommt, hat an dem Entwurf der Kirche für das Leipziger Büro Schulz & Schulz mitgearbeitet. Jetzt betreut er den Bau. Etwas mehr als 15 Millionen Euro wird das eckige Gebäude kosten - ohne Grundstück und Innenausstattung. Den Hauptteil bezahlt mit acht Millionen Euro das Bistum Dresden-Meißen. Der Rest muss durch Spenden von der St.-Trinitatis-Gemeinde, die in die neuen Räume einzieht, aufgetrieben werden. Die Weihe ist für den 9. Mai geplant.

Dass die weitestgehend ungläubige Stadt Leipzig, in der 80 Prozent der Einwohner konfessionslos sind, eine neue Kirche braucht, hat zwei Gründe: Zum einen floriert die Trinitatis-Gemeinde. 1995 hatte sie rund 1 900 Mitglieder. Jetzt sind es 4 700. Die Steigerung lässt sich durch Zuzüge aus Süd- und Westdeutschland erklären. Aber auch junge Menschen kommen neu in die Kirche. Der Altersdurchschnitt der Gemeinde liegt bei unter 37 Jahren. Gregor Giele nennt die Entwicklung den „erfreulichen Grund, weswegen wir eine neue Kirche brauchen“. Er ist einer von zwei Pfarrern der Gemeinde.

Der 48-Jährige steht im Kirchenraum - dem Ort, in dem er künftig Gottesdienste abhalten wird. Die Wände sind mehrere Meter hoch, kahl und weiß. Überall wird noch gewerkelt. Man hat das Gefühl, in einer Messehalle zu sein - nicht in einer Kirche. „Hier haben wir den Platz, den wir brauchen“, sagt Giele. Bis zu 680 Menschen passen in die neue Kirche – wesentlich mehr, als in die alte. Und die ist zudem noch extrem baufällig - der zweite Grund für den Neubau.

Erst 1982, nachdem die Gemeinde jahrzehntelang ohne eigenes Haus war, wurde die Kirche am Rosental gebaut - mit Geld aus Westdeutschland, aber abseits des Zentrums und auf schlechtem Grund. Der Boden senkt sich. Hinzu kommen Schäden an Dach und Wänden. „Es ist immer blöd, wenn es während des Gottesdienstes regnet“, sagt Giele. „Dann wird irgendjemand in der Kirche nass.“ Schon Ende der 90er Jahre wurden die Schäden so groß, dass sie kaum noch zu reparieren waren. Die Idee, neu zu bauen, entstand. 2007 wurde dann die Entscheidung gefällt. 2008 kam Giele, der zuvor Jugendpfarrer war, nach Leipzig.

Suche nach Grundstück

Zuerst ging er mit der Stadt auf die Suche nach einem geeigneten Platz. Sie fand das Eckgrundstück am Wilhelm-Leuschner-Platz - eine Brachfläche am Rande des Innenstadtrings. Für Giele historisch gesehen ein idealer Ort. „Gegenüber, wo heute das Neue Rathaus steht, war früher die Pleißenburg.“ Dort sei 1710 die erste Kapelle der Trinitatis-Gemeinde eingerichtet worden. Und in der Nähe stand zudem die Mitte des 19. Jahrhunderts gebaute Kirche der Gemeinde, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und die Landeskirche Anhalts besitzen zusammen rund 2.000 Gotteshäuser in Sachsen-Anhalt. Im katholischen Bistum Magdeburg sind es knapp 200. Die Zahlen sind seit der Wiedervereinigung weitestgehend konstant. Nur im Bereich des Bistums Magdeburg wurden 27 Kirchen profaniert - so wird die Entwidmung eines Gotteshauses genannt. „Das waren meist kleinere Kapellen“, sagt Bistums-Sprecher Thomas Lazar.

Im Gegenzug seien Neubauten kein Thema, erklärt Johannes Killyen, Sprecher der Landeskirche Anhalts. „Angesichts der rückläufigen Mitgliederzahlen ist daran nicht zu denken.“ Allein 2014 sind aus der EKM und der Landeskirche Anhalts mehr als 10.000 Menschen ausgetreten - ein Minus von 1,2 Prozent. Die EKM hat derzeit 790.000 Mitglieder, die Landeskirche Anhalts 38 800. Die katholischen Gemeinden verloren in den vergangenen zehn Jahren rund 25 000 Gläubige. Aktuelle Mitgliederzahlen nannte das Bistum nicht.

„Unsere Aufgabe ist deswegen zu überlegen, wie wir die bestehenden Häuser erhalten und nutzen können“, sagt Killyen. Insbesondere in der Nachwendezeit wurden viele Kirchen restauriert. Allerdings ist der Sanierungsbedarf weiter groß. Auf einer Fachkonferenz in Halle warnte das europäische Netzwerk zum Erhalt von Sakralbauten bereits im Vorjahr vor einem Kirchensterben.

Ein Problem, das auch Lazar sieht. „Im ländlichen Raum ist der Betrieb vieler Kirchen für die Gemeinden schwierig.“ Bei der Umnutzung setzt die katholische Kirche auch auf den Verkauf entwidmeter Gebäude. So wurde die Kirche in Großkayna (Saalekreis) an einen Zirkus weitergegeben. „Es gibt aber auch viele Vereine, die sich für den Erhalt einsetzen“, erklärt Killyen. Einer der bekanntesten ist die Karl-Völker-Initiative, die in Schmirma (Saalekreis) eine Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert restaurierte. Im Oktober 2014 konnte die sanierte Kirche erstmals besichtigt werden.

Trotz dieser Bezüge gab es Diskussionen: Braucht man eine katholische Kirche so zentrumsnah und prominent in einer Stadt, die evangelisch geprägt und eigentlich ungläubig ist? Eine interessante Frage, meint Giele, über die vielleicht zu wenig gesprochen wurde. Vor allem debattierte man das Aussehen der Kirche. Die Urteile reichten von „klobig“ über „erdrückend“ bis „lächerlich“. Von einer „Wagenburg“ war die Rede. Giele nimmt den Streit heute locker, auch wenn eine Zeit lang die Kritik schon hart gewesen sei. „Da hätte ich am liebsten drei Monate Urlaub gemacht.“ Mittlerweile ist jedoch der Großteil der Fassade fertig. Der rot schimmernde Rochlitzer Porphyr besänftigt die Gemüter. Immer mehr Details werden sichtbar.

Christian Wischalla verweist auf den Pfarrhof, der jederzeit von jedem begehbar ist. „Das ist eine Anlehnung an die Leipziger Passagen“, sagt der Architekt. Die 22 Meter lange Schaufensterfront auf der Nordseite versteht er als Neuinterpretation klassischer Kirchenfenster. „Sie soll eine Schnittstelle zur Stadt bilden, durch die man auch in die Kirche blicken kann.“ Zudem sei der Kirchenraum, der breiter als lang ist, eine Seltenheit. Die Menschen werden künftig in einem Halbkreis um den Altar herum sitzen. „Atriumähnlich“, nennt das Giele. Eine Seltenheit sei das in katholischen Kirchen.

„Uns war wichtig, dass das Gebäude kein Knaller ist, nichts Extravagantes oder noch nie Gesehenes, sondern eher zurückhaltend“, sagt der Pfarrer. Für ihn ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Und auch die benötigte Spendensumme ist fast zusammen. Allein über Einzelspenden seien mehr als 2,6 Millionen Euro zusammengekommen. So schlecht könne der Neubau da nicht sein, sagt Giele. (mz)