Nebraer Himmelscheibe I

Nebraer Himmelscheibe I: Raubzüge der Sondengänger nehmen zu

Nebra - Viele Grabhügel in der Memlebener Flur sind inzwischen durchlöchert wie Schweizer Käse. Die uralten Hohlwege säumen Krater. An einem blieb zwischen Laub und Erde ein Stück Keramik zurück, bröselig und nicht größer als ein Daumennagel. Selbst wenn es eine ganzes Gefäß gewesen wäre - aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen, kann das Stück auch dem Fachmann nur noch wenig ...

Von Gerd Stöckel 04.04.2003, 19:07

Viele Grabhügel in der Memlebener Flur sind inzwischen durchlöchert wie Schweizer Käse. Die uralten Hohlwege säumen Krater. An einem blieb zwischen Laub und Erde ein Stück Keramik zurück, bröselig und nicht größer als ein Daumennagel. Selbst wenn es eine ganzes Gefäß gewesen wäre - aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen, kann das Stück auch dem Fachmann nur noch wenig sagen.

Ein Fenster in die Zeit unserer Vorfahren, das sich dem kundigen Blick hätte auftun können, ist unwiderruflich zerstört, macht Bodendenkmalpflegerin Dr. Mechthild Klamm deutlich. Überall, wo das Suchgerät fiepte, setzten die Schatzsucher ihre Spaten an. Ein alter Fahrradrückstrahler blieb liegen, was auf Nimmerwiedersehen in dunklen Kanälen verschwunden ist, kann Machthild Klamm nur ahnen. Für sie sind die Raubgräber schlicht Kriminelle, für die nur eines zählt - Gewinn. Während die Räuber der Sternenscheibe die Fundstelle noch abgetarnt hatten, vielleicht um später zurückzukehren, macht man sich diese Mühe jetzt vielfach nicht mehr. Da geht es offenbar nur noch nach dem Motto: Rausholen, was rauszuholen ist, bevor es ein anderer tut.

Bisher wahrten Bodendenkmalpfleger und Behörden zähneknirschend Verschwiegenheit. Lautes Klagen über den Frevel, so fürchteten sie, werde nur weitere Raubgräber anlocken. Inzwischen aber empfinden sie die Situation als dramatisch. Es gibt nur einen Weg, meint Gundram Mock, Stellvertreter des Landrates: Die Einheimischen müssen die Augen offen halten - Jagdpächter und Waldeigentümer, Pilzsucher und Spaziergänger. Schließlich gehe hier nicht allein archäologisches Gut verloren, hier werde eine Landschaft zerstört, Grab- und Wallanlagen, die für historisch Interessierte die Region interessant machen.

Die Fremdenverkehrsregion nimmt Schaden. Für Dieter Engelhardt, Leiter des Bauordnungsamtes, geht zugleich regionale Identität, ein Stück Heimat, verloren. Grabhügel, seit Jahrtausenden nicht angetastet, zumindest respektiert, werden praktisch umgepflügt. Wer verdächtiges Tun im Wald, Fahrzeuge zu ungewöhnlicher Zeit oder an ungewöhnlichem Ort bemerkt, möge die Polizei oder die untere Denkmalsbehörde (Telefon: 03445 / 73 11 34) benachrichtigen, gegebenenfalls Kennzeichen notieren, appelliert die Behörde.