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Der Todeszug von Rehmsdorf Der Todeszug von Rehmsdorf: Was im April 1945 im KZ-Außenlager "Wille" geschah

05.05.2020, 14:41
Lothar Czoßek hielt seit Jahrzehnten die Erinnerung an das Außenlager „Wille“ des KZ Buchenwald wach und kümmerte sich um die Gedenkstätte. Das Foto aus dem Jahr 2013 zeigt ihn in einer der Baracken.
Lothar Czoßek hielt seit Jahrzehnten die Erinnerung an das Außenlager „Wille“ des KZ Buchenwald wach und kümmerte sich um die Gedenkstätte. Das Foto aus dem Jahr 2013 zeigt ihn in einer der Baracken. Claudia Petasch

Zeitz - Vor 75 Jahren war der Todeszug von Rehmsdorf unterwegs, als das Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald aufgelöst wurde. Aus jenen Tagen im April und Mai 1945 berichtet Detlev Lutz von der Heimatstube und Gedenkstätte Rehmsdorf. Hier seine Zeilen:

Bis zum April 1945 hatten die alliierten Einheiten schon weite Teile Deutschlands von der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten befreit. Das Ende des Krieges war zwar absehbar, aber nicht das Ende von Massenmorden, Gewalt und Willkür: Bis zum Schluss, bis zum allerletzten Tag, wurden die in den Todeslagern der KZ untergebrachten Menschen kreuz quer durch das immer mehr schrumpfende Rumpfgebiet des einstmaligen „Großdeutschland“ getrieben. Und es war beabsichtigt, dass sie dies nicht überleben sollten.

Unterlagen fehlen

Unzählige Gedenksteine und Massengräber erinnern heute an diese als „Todesmärsche“ genannten Wegstrecken. Unterlagen über die betroffenen Häftlinge sind kaum noch vorhanden beziehungsweise wurden erst gar nicht geführt. Willkürliche Ermordungen und Massenerschießungen waren an der Tagesordnung, die sterblichen Überreste wurden verscharrt oder einfach am Wegrand liegen gelassen. Ein genauer Überblick über die exakte Zahl der Opfer ist daher bis heute nicht möglich. Davon war auch das KZ-Außenlager bei Zeitz betroffen. Mit dem Herannahen der amerikanischen Einheiten wurde es Anfang April aufgelöst - man könnte fast sagen „verlegt“ oder „auf andere Weise fortgeführt“: Aus der „Vernichtung durch Arbeit“ wurde dabei die „Vernichtung auf der Wegstrecke“.

Seit dem Juni 1944 wurden in dem Außenkommando „Wille“ des KZ Buchenwald bei Zeitz die Insassen für Arbeiten bei der Beseitigung von Schäden im Rüstungswerk der Brabag in Tröglitz eingesetzt. Sie waren zunächst in einem Provisorium in Gleina, dann einem Zeltlager in Tröglitz und schließlich einem eilends errichteten Barackenlager in Rehmsdorf untergebracht. Am 6. April 1945, so erinnert sich der damalige Stellwerkswärter in Rehmsdorf, wurde im dortigen Bahnhofsgelände ein Zug mit offenen, eigentlich für den Kohletransport bestimmten Güterwaggons bereitgestellt: „Alle Häftlinge, ob sie konnten oder nicht, wurden mit Schlägen und Tritten in die Waggons getrieben, bis alle untergebracht waren. Wir standen eingeengt wie die Sprotten […]“, so erinnert sich Samuel Blumenfeld, einer der Überlebenden. Und berichtet weiter: „Bei dieser von der SS in brutaler und rücksichtsloser Weise durchgeführten Aktion wurden Verstorbene in eine Ecke des Kohlewaggons gelegt, denn es sollte kein Zeuge ob lebend oder tot in Rehmsdorf bleiben“.

Mehrmals in den kommenden Tagen setzte der Zug zur Fahrt an, musste jedoch wegen beschädigter und unterbrochener Streckenführungen und wegen vorrangiger Züge auf den noch verbliebenen Gleisen nach Rehmsdorf zurückkehren. Erst um den 9. April begann die eigentliche Fahrt: „Der Zug fuhr in östliche Richtung. […] Es waren […] einige Tage und es gab nichts zu trinken und nichts zu essen. Schneeschauer begleiteten unseren Zug Tag und Nacht. Wir waren diesen Witterungsunbilden ausgesetzt, ohne jeglichen Schutz und ohne warme Kleidung. In allen Waggons starben Häftlinge, die wegen ihrer körperlichen Schwäche nicht mehr in der Lage waren, diese Strapazen zu überstehen. Hunger und Durst taten das Übrige.“ – so der Bericht von Michael Rozenek über die Fahrt.

Häufigere Aufenthalte auf Nebengleisen oder freier Strecke erfolgten wegen des überlasteten und an vielen Stellen zerstörten Schienennetzes und durch Wartezeiten bei Lokomotivwechseln. In Pockau-Lengefeld musste der Zug gut zwei Tage auf eine Ersatzlokomotive warten. Die SS-Leute warfen einige Stück Brot in die Waggons. Es war die erste „Verpflegung“ seit Verbringung in den Zug. Ein Gedenkstein auf dem Friedhof erinnert an 36 Verstorbene, die dort, nach Abfahrt des Zuges und der SS, bestattet wurden. In Marienberg-Gelobtland ließen die Bewacher eine Grube für ein Massengrab ausheben. Samuel Blumenfeld berichtet: „Von den SS-Posten wurden die Waggontüren geöffnet und alle lebenden Insassen mussten aussteigen. Die unterwegs wegen körperlicher Schwäche Verstorbenen blieben im Waggon liegen. Auf Befehl der SS-Posten mussten wir die Toten aus dem Waggon rausholen und in den nahen Wald tragen, wo eine andere Gruppe Häftlinge bereits eine Grube ausgehoben hatte. In diese Grube wurden die verstorbenen Häftlinge geworfen und auf Anweisung der SS verscharrt.“

Mehrere Züge unterwegs

Am 16. April 1945 näherte sich der Zug dem Bahnhof Reitzenhain, wo er, noch vor Einfahrt, stecken blieb, nachdem die Lokomotive durch einen Luftangriff zerstört worden war. Zwischen dem 13. und 16. April waren mehrere Züge mit KZ-Insassen in Reitzenhain angekommen, an die sich ein damaliger Schrankenwärter noch erinnert: „An den Stirnwänden hockten Wachmannschaften, die Maschinenpistolen schussbereit. Ein nicht wiederzugebendes Hungergeschrei übertönte selbst das Schnaufen der Lokomotiven.“

Zu dem Zug aus Rehmsdorf berichtet er: „Mit dem dritten Transport tauchten feindliche Flieger auf. Der Zug […] kam vor unserem Wärterposten zum Halten. Wieder die herzzerreißenden Schreie der Häftlinge und das Fluchen der Wachmannschaften.“ Fortsetzung folgt (mz/and)

Seit dem Juni 1944 wurden in dem Außenkommando „Wille“ des KZ Buchenwald bei Zeitz die Insassen für Arbeiten bei der Beseitigung von Schäden im Rüstungswerk der Brabag in Tröglitz eingesetzt.
Seit dem Juni 1944 wurden in dem Außenkommando „Wille“ des KZ Buchenwald bei Zeitz die Insassen für Arbeiten bei der Beseitigung von Schäden im Rüstungswerk der Brabag in Tröglitz eingesetzt.
Archiv Braunert