Zeughaus

Zeughaus : Berliner zeigt erstmals seltene Holzfiguren von westafrikanischem Volk

Wittenberg - Eine Sonderausstellung zeigt ab 14. Juli Holzplastiken der „Lobi“ aus Westafrika.

Von Irina Steinmann 08.07.2016, 16:30

Wie das Leben manchmal so spielt mit dem Zufall. Und dann fängt man etwas an und es lässt einen nicht mehr los.

Eines Tages, das muss so Anfang der 1990er gewesen sein, brachte seine Frau zwei Figürchen mit nach Hause. Aha, murmelte der Hausherr nur. Afrika war bis dato ein eher dunkler Kontinent in der Wahrnehmung von Rainer Greschik gewesen. Aber diese Ästhetik gefiel ihm nun doch sehr. Und der Händler hatte mehr davon...

Die Lobi sind ein Volk auf dem Gebiet der westafrikanischen Länder Burkina Faso (Schwerpunkt), Elfenbeinküste und Ghana; geschätzt wird ihre Zahl auf etwa 250.000 bis 400.000 Köpfe. Eine Besonderheit ihres Gemeinwesens ist, dass es keine Herrschaftsstrukturen kennt.

Die Ausstellung „Die Entdeckung des Individuums“ wird am 14. Juli um 17 Uhr im Zeughaus eröffnet und ist dann bis 31. Oktober dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Es gibt einen Katalog (30 Euro). (mz/irs)

Seit 25 Jahren sammelt der Berliner Greschik Kunst der westafrikanischen Lobi, Holzplastiken, die in ihrem Herkunftsland zumeist rituellen Zwecken dienen - man könnte sagen, sie sind dort so eine Art Schutzengel für die einzelnen Haushalte.

Gut drei Monate zu Gast

Ab Donnerstag, 14. Juli, lässt der Architekt im Ruhestand die Wittenberger Öffentlichkeit an seinen Schätzen teilhaben, weit über 100 Figuren aus der rund 550 Stücke umfassenden Sammlung Greschik werden dann für mehr als drei Monate im Stadtmuseum, dem Zeughaus am Arsenalplatz, zu sehen sein.

Die Sonderausstellung trägt den Titel „Die Entdeckung des Individuums“ und knüpft thematisch an die ethnologische Sammlung Julius Riemers an, wobei darin „Lobi“ selbst - es hat sich laut Greschik in der Branche eingebürgert, Stamm und Figuren mit dem selben Begriff zu benennen - zwar nicht vertreten sind, jedoch ähnliche künstlerische Zeugnisse ferner Völker, wie etwa der „Uli“.

„Ich freue mich sehr, dass ich die Ausstellung hier machen darf“, sagte der Sammler am Freitag bei der Vorabbesichtigung der im Aufbau befindlichen Schau und sprach von einem „prächtigen Ambiente“, womit er Stadt und Gebäude gleichermaßen meinte. Es ist seine erste große Schau, bis dato seien seine Lobi lediglich in Galerien in Berlin ausgestellt gewesen.

Drei Bereiche

Die Wittenberger Ausstellung gliedert sich in drei Bereiche, gezeigt werden Figurenpaare, Einzeldarstellungen sowie Werkgruppen, die sich dem selben Schnitzer oder zumindest Clan zuordnen lassen. Deutlich werden soll in diesem dritten Bereich, dass die Bedeutung des individuellen Schaffensprozesses der Lobi gegenüber den in früheren Zeiten dort vielfach anonym entstandenen Figuren zugenommen hat.

Auf diese Entwicklung nimmt schließlich auch der Titel der Ausstellung Bezug. „Der geniale Künstler wird wichtig“, sagt der Berliner Ethnologe Nils Seethaler und erinnert an den Übergang vom Mittelalter zur Renaissance in Europa.

Wegen der unterschiedlichen Verwitterungsbedingungen von Holz seien die Stücke nicht ganz leicht zu datieren, so Greschik, sie stammten vielfach allerdings wohl aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Garantieren könne er allerdings, dass sie sämtlich von Lobi geschnitzt wurden - und nicht aus dubiosen Kunsthandwerkfabriken anderswo in Afrika stammen.

Neben ausführlichen Informationen zu den Lobi, der religiösen Bedeutung der Figuren und den, soweit eben bekannt, einzelnen Künstlern wird in der Ausstellung auch die Beeinflussung der klassischen westlichen Moderne durch die Kunst aus Afrika dargestellt. Konzipiert (und transportiert) hat die Wittenberger Schau übrigens der Sammler selbst, gemeinsam mit Seethaler, der in verschiedenen Funktionen für die Staatlichen Museen zu Berlin gearbeitet hat und derzeit Mitgeschäftsführer und Archivleiter der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte ist. Dort war, wie heute Greschik, seinerzeit Julius Riemer ebenfalls Mitglied.

Man reicht sich die Hand

So wie Nils Seethaler wiederum Mitglied im Freundeskreis Julius Riemer ist, welchem die Öffentlichkeit diese attraktive Ausstellung in Kooperation mit den Städtischen Sammlungen wie berichtet verdankt.

Man wolle „den Prozess der Wiedereinrichtung (des Museums) durch Sonderausstellungen begleiten“, sagte Seethaler als offizieller Vertreter des von Michael Solf geleiteten Freundeskreises am Freitagmittag auf einer Pressekonferenz. „Ich freue mich ganz besonders, dass aus Anlass unserer Ausstellung ein Einstieg in eine Gemeinsamkeit mit der Stadt gefunden“ wurde, formulierte Vereinsvize Rudolf Wasmeier.

Auch Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) erinnerte an das früher überaus schwierige Verhältnis zwischen Stadt und Riemer-Freunden im Zusammenhang mit der Schließung des alten Riemermuseums. „Heute ist ein guter Tag“, fügte er hinzu. Von einer „guten und engen Zusammenarbeit“ (nicht nur) bei der aktuellen Sonderausstellung „kurz vor Einzug in die nächsten beiden Etagen“ (des neuen Stadtmuseums) sprach der Leiter der Städtischen Sammlungen, Andreas Wurda.

Rainer Greschik bringt die Lobi-Ausleihe nach Wittenberg ein wenig mehr Bewegungsfreiheit in seiner Berliner Wohnung. Weitersammeln wolle er trotzdem, sagte er. Wie Sammler eben so sind. (mz)