Kunst hautnah

Kunst hautnah: Julie Böhm aus Wittenberg malt auf Körper

Wittenberg - Eigentlich ist es nur ein Blatt. Grün, oval-rund und nichts sehr groß. Das zu malen, sollte für mich doch kein Problem sein. Doch ich stelle mich - zurückhaltend ausgedrückt - nicht ganz so geschickt ...

Von Julius Lukas

Eigentlich ist es nur ein Blatt. Grün, oval-rund und nichts sehr groß. Das zu malen, sollte für mich doch kein Problem sein. Doch ich stelle mich - zurückhaltend ausgedrückt - nicht ganz so geschickt an.

Schon meine Kunstlehrerin ließ mich in der Schule lieber über Stilepochen schreiben, anstatt eine Leinwand an mein fehlendes Talent zu verschwenden. Stift statt Pinsel. Theorie statt Praxis - es war besser so. Und es ist es noch heute.

Denn das Blatt, das ich mit zittrigen Schwüngen zu formen versuche, sieht nach ein paar Strichen aus wie die Frisur eines Kobolds. Eigentlich bin ich jetzt schon soweit, dass ich das Papier zusammenknüllen und in den Abfall werfen will. Doch das geht nicht. Denn ich male nicht auf Papier, sondern auf Haut. Auf die Hand von Julie Böhm.

Und die hat nun Erbarmen mit mir. „Du darfst die Striche nicht so sehr ziehen, sondern musst den Pinsel eher als Stempel verwenden“, sagt die junge Künstlerin mit ruhiger Stimme. Dann entzieht sie mir kurz das Malwerkzeug.

Wichtig sei, nicht zu viele Schichten aufzutragen. Denn da die Haut in Bewegung ist, würden die Farben in diesem Fall reißen. Zwei-, dreimal tippt Böhm nun mit den feinen Pinselborsten auf ihre Hand.

Der Koboldkopf wird wieder zum Pflanzenblatt. Und ich habe meine erste Bodypainting-Lektion gelernt.

Eine bessere Lehrerin als Julie Böhm könnte ich dabei gar nicht haben. Seit Kurzem erst wohnt die 31-Jährige in Wittenberg. Böhm ist eine der erfolgreichsten Bodypainterinnen Deutschlands.

Sie verziert Körper von Menschen und macht so aus ihnen lebendige Kunstwerke. 2015 wurde sie Weltmeisterin der Hautmalerei und gewann seitdem zahlreiche Turniere und Wettbewerbe - zuletzt Mitte Juni in Apolda, wo sie ihr Model zur Göttin „Gaia“ machte.

Asien, Afrika, Amerika: Bodypainterin Julie Böhm ist auch international gefragt

Auch international ist Böhm gefragt. In China färbte sie gerade die Haut einer Moderatorin bei einem Filmfestival. In Chicago (USA) verwandelte sich eine junge Frau unter ihren Pinselstrichen zu einem Skelett.

Und vor wenigen Wochen erst war sie nach Äquatorialguinea eingeladen, zum ersten Bodypainting-Festival des westafrikanischen Staates.

„Die Models dort waren der absolute Wahnsinn, weil sie so dankbar dafür waren und es so genossen haben, dass wir ihre Körper bemalten“, erzählt Böhm.

„Ein gutes Bodypainting ist wie ein genau passendes Designer-Kleidungsstück“, sagt Julie Böhm. Die weltweit erfolgreiche Körperkünstlerin arbeitet für große Marken wie den Dufthersteller „Acqua Colonia“ (Echt Kölnisch Wasser) oder den Erotikversand „Eis.de“, für den sie die Mona Lisa nachmalen sollte.

Allerdings bietet sie ihre Hautmalerei auch für Privatpersonen an. Nach einem Vorgespräch sucht sie das jeweils passende Motiv für ihre Kunden aus.

An das Bodypainting schließt sich dann ein Fotoshooting an. „Es ist verblüffend zu sehen, wie sich die Leute währenddessen verwandeln“, sagt Böhm. Das sei fast schon wie eine Therapie.

Julie Böhm: Künstlerin, Bodypainterin, Model

Juli Böhm nimmt auch an vielen Turnieren und Wettbewerben teil. „Das ist immer ein ziemlich großer Aufwand und Stress“, sagt sie. Ihre Erfolge würden ihr aber zu mehr öffentlicher Sichtbarkeit verhelfen.

2015 gewann sie etwa die Weltmeisterschaft der Bodypainter. Und auch gerade ist Julie Böhm wieder bei der WM, die 2019 im österreichischen Klagenfurt stattfindet.

Allerdings ohne Pinsel, dafür mit viel Durchhaltevermögen. Denn Böhm ist nicht als Künstlerin bei der WM, sondern als Model. „Das ist deutlich entspannter“, sagt sie.

Mehr Informationen zu Julie Böhm finden Sie unter: www.julie-boehm.com

Julie Böhms Wohn-Atelier: Ein Schrank voller Trophäen

Zum Selbstversuch im Bodypainting treffe ich mich mit der blonden Künstlerin in ihrem über 300 Quadratmeter großen Wohn-Atelier in Wittenberg. Am Eingang begrüßt ein Schrank voller Trophäen. Dann geht es in einen riesigen Raum, der mal ein Dachboden war.

Holzbalken zerschneiden das Zimmer in mehrere Abteile. Eines steht mit Farben und Requisiten voll, im nächsten ist eine Leinwand aufgebaut. Den Weg versperrt ein Ständer mit selbstgestalteten Postkarten.

Musikinstrumente stehen in der einen Ecke, Masken, Kopfschmuck und Heißklebepistole in der anderen. Durch das Fenster ihres Arbeitsplatzes kann Böhm die Wittenberger Schlosskirche sehen. „Da geht immer die Sonne unter, das ist echt ein schöner Ort“, sagt sie.

Erst vor einem halben Jahr ist die gebürtige Oberbayerin mit ihrem Freund, dem Videoeffekt-Spezialisten Marc Zimmermann, in die Lutherstadt gezogen. Zuvor lebte er in Dresden und sie in Ludwigsburg (Baden-Württemberg), wo sie ein Filmstudium absolvierte.

Wittenberg konkurrierte als Wahl-Heimat mit einem Schloss bei Dresden

Nach ihrem Abschluss wollten beide zusammenziehen. „Wir suchten eine Wohnung mit viel Platz, an einem Ort mit guter Verkehrsanbindung“, sagt Böhm. Und bezahlbar sollte es auch noch sein.

Neben Wittenberg sei auch eine Wohnung in einem Schloss bei Dresden bis zuletzt in der engeren Auswahl gewesen. „Dort war dann aber das Internet zu schlecht.“ So wurde es Wittenberg.

Von der Stadt ist Böhm, die schon in Berlin und Wien lebte, sehr angetan. „Es ist zwar ein bisschen konservativ hier, weil alles sehr auf Luther und die Reformation ausgerichtet ist“, sagt sie. Doch die Menschen seien offen für Neues.

Böhm malt auch Passanten auf dem Marktplatz in Wittenberg

„Das schätze ich sehr.“ In ihren ersten Wochen malte die junge Künstlerin schon auf dem großen Volksfest „Luthers Hochzeit“. Im August eröffnet sie ihre erste Ausstellung in Wittenberg.

Und an Wochenenden, wenn sie gerade nicht unterwegs ist, baut Böhm einen Stand auf dem Marktplatz auf und porträtiert Passanten. „Als ich dafür einen Antrag ans Bauamt stellte, wussten die erst nicht, was ich von ihnen wollte.“

Julie Böhm ist ein Mensch, der sich Orte schnell erschließt. „Ich probiere einfach, offen und freundlich auf andere zuzugehen“, sagt sie.

Und dabei kann sie auch mal deutlich werden - zum Beispiel, wenn man ihre Hand mit einem undefinierbaren Farbklecks bepinselt, der eigentlich ein Blatt sein soll. „Es muss schon gefiedert bleiben“, sagt Böhm freundlich mahnend zu meinem Bodypainting-Selbstversuch.

Böhm hat sich Bodypainting im Eigenstudium beigebracht – vorher war sie Model

Ich probiere, mich wieder zu konzentrieren. Doch obwohl die Fläche, die ich auf ihrer Haut beackere, keine 15 Quadratzentimeter groß ist, kommt es mir vor, als müsste ich Werner Tübkes Bauerkriegspanorama in Originalgröße nachzeichnen.

Doch Julie Böhm macht mir Hoffnung. Auch sie habe sich das Bodypainting hauptsächlich im Eigenstudium beigebracht - auch weil sie eher zufällig in diese Branche rutschte.

„Als ich 2009 in Wien Kunst studierte, arbeitete ich nebenbei als Model“, erzählt sie. Eines Tages wurde sie für ein Bodypainting gebucht. „Dort fiel dann aber der Künstler aus und weil die Agenturchefin wusste, dass ich auch male, sagte sie: Mach du das doch.“

So entstand ihr erstes von mittlerweile Hunderten Körpergemälden. „Das schöne beim Bodypainting ist, dass man einem Menschen so nah kommt.“

Bodypainting: Während der Arbeit überschreite man die persönliche Distanz

Man überschreite während der Arbeit für mehrere Stunden die persönliche Distanz und müsse sich ganz auf das Werk und die Person konzentrieren. „Ich kann das Model ja nicht einfach in die Ecke stellen und am nächsten Tag weitermachen.“

Der lebendige Untergrund sei aber auch noch auf andere Arten herausfordernd. Denn das lange Stillstehen falle den meisten sehr schwer. „Wenn ich male, darf mein Model sich ja kaum bewegen“, erklärt Böhm.

Und manchmal komme es vor, dass ihre menschlichen Leinwände auch noch kitzlig sind. Dann wird jeder Pinselstrich an der falschen Stelle zum kleinen Martyrium. „Die meisten finden es aber sehr angenehm.“

Julia Böhm: Bodypainting allein wäre ihr zu langweilig

Nur Bodypainting, sagt Julie Böhm, wäre ihr allerdings zu langweilig. Die Wahl-Wittenbergerin, deren Stil man als Realismus mit fantastischen Elementen bezeichnen könnte, ist nicht nur auf Körpern kreativ. Selbst bezeichnet sich die 31-Jährige als Konzeptkünstlerin.

„Ich gehe von der Botschaft aus und suche mir dann die für mich beste Art der Umsetzung.“ So malt sie nicht nur auf Haut, sondern auch auf Leinwand und Postkarten. Sie schreibt Gedichte, gestaltet Kostüme und produziert Filme.

Ihr bisher größtes Bewegtbild-Werk ist ein neunminütiger Tanzfilm, der weltweit schon mehr als 30 Auszeichnungen gewonnen hat. Tendenz steigend.

Preisverdächtig, das muss ich ohne Scham zugeben, ist meine grüne Farbexplosion auf Julie Böhms Hand allerdings nicht. Zuletzt nimmt mir die Künstlerin noch einmal den Pinsel aus der Hand, um die gröbsten Schnitzer mit einigen grellgrünen Linien zu übertünchen.

„Schau, ich mein, jedes Blatt ist halt anders“, sagt Julie Böhm dann lächelnd. Und schöner kann man kaum sagen: Klassenziel zwar verfehlt, aber egal! (mz)

Mehr Informationen zu Julie Böhm finden Sie unter: www.julie-boehm.com